Routiniert, aber nicht brillant

28. August 2009, 17:19
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Kyle, der hoffnungsvolle Yale-Absolvent, wird von einem angeblichen FBI-Beamten erpresst

Es ist Jahre her, dass eine Studentin behauptet hat, sie sei von zwei Freunden Kyles vergewaltigt worden und könne sich nicht erinnern, ob auch Kyle selbst beteiligt gewesen sei. Zwar wurde die Anklage fallengelassen, aber allein die Tatsache, dass Kyle mit einer angeblichen Vergewaltigung in Zusammenhang gebracht werden könnte, würde bedeuten, dass er seine Karriere an den Nagel hängen kann. Kyle reagiert panisch und gehorcht dem Erpresser. Er nimmt das Angebot der Anwaltskanzlei in New York an und soll dort für seinen düsteren Auftraggeber die Streitereien zwischen zwei Rüstungskonzernen ausspionieren.

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem unfreiwilligen Spion und der Erpresserbande nimmt in John Grishams neuestem Buch breiten Raum ein. Der Plot ist nicht besonders gefinkelt; geschrieben ist der Roman routiniert, aber weit weg von Brillanz. Was jedoch eindrucksvoller dargestellt wird, ist der brutale Arbeitsalltag der angehenden Star-Juristen. Die verlangte ständige Verfügbarkeit der Einsteiger führt dazu, dass viele unter ihren Schreibtischen Schlafsäcke verstecken, um wenigstens zwei bis drei Stunden Schlaf zu ergattern. Gibt es eine Alternative zum Großstadtfrust? Eventuell am Land, wo man Menschen bei realen Problemen hilft und sonntags auf die Hirschjagd geht? Vorderhand scheint Kyle diese Wahlmöglichkeit nicht offenzustehen. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

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www.krimiblog.at

John Grisham, "Der Anwalt" . Deutsch:B. Liesen, K. Dorn-Ruhl, B. Reiter, I. Walsch-Araya. € 22,60 /448 Seiten. Heyne, München 2009

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