Ein Leben lang Polen vermissen

28. August 2009, 18:35
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    bild: m. muskala

    Olga: "Ich wusste, dass es so nicht weitergeht. Ich war 19 und immer noch unverheiratet. Man heiratete damals mit 16. Ich habe mich ständig verliebt und dann doch jeden abgelehnt. Ich war jung und verwirrt."

Sie kam 1937 nach Buenos Aires - Heute noch weiß sie, was sie anhatte, als sie vom Schiff herunterstieg

Ein türkises Kleid mit tiefem Dekolleté, dazu schwarze Lackschuhe. 

***

Wenn sie allein ist, legt sie sich aufs Bett und singt, stundenlang, beim offenen Fenster. Wie damals vor siebzig Jahren, als sie ein Zimmermädchen war und am offenen Fenster die weißen Hemden ihres Hausherren bügelte. Die Menschen blieben auf dem Gehsteig stehen, verwundert über den Klang der bekannten Tangos in einer zischenden, fremden Sprache. Die schöne Stimme gehörte einer zierlichen Frau, die am Bügelbrett stand.

"Ich trug immer hohe Absätze, von der Früh bis zum Abend, und jede Woche war ich beim Friseur. Ich liebte es, den Menschen zu gefallen." Sie sitzt vor mir, in einem geblümten Kleid, mit braungefärbten Haaren, und ihre blinden Augen schauen durch mich hindurch.

Sie kam 1937 nach Buenos Aires. Heute noch weiß sie, was sie anhatte, als sie vom Schiff herunterstieg: ein türkises Kleid mit tiefem Dekolleté, dazu schwarze Lackschuhe und ein türkises Angorahütchen. Sie wusste noch nicht, dass das die ganze Kleidung war, die sie noch besaß: Ihr großer Reisekoffer war in der Gepäckaufbewahrung leergeraubt worden. Vom Deck aus schaute sie in die Menschenmenge, die zur Begrüßung der Neuankömmlinge zum Hafen strömte. Sie sah ihre Schwester und ihren Cousin, sie schrien ihren Namen und winkten wie verrückt. Und sie selbst? Sie wollte nicht hinunter. Plötzlich hatte sie die Konsequenzen ihrer Entscheidung in vollem Ausmaß begriffen. Sie stand wie eine Statue da, zum ersten Mal in ihrem Leben so schick angezogen und so ernst, ein neunzehnjähriges Dorfmädchen, angekommen in der neuen Welt.

"Alina!" schreit sie auf einmal und schlägt mit der Hand auf den Tisch. "Wo bleibt der Kaffee?" Ihre Tochter schlurft in Pantoffeln herein und murmelt: "Si, mama, tranquilo, der Kaffee ist fertig." "Sie ist so langsam" , beschwert sich Olga, "aber alleine kann ich nichts mehr machen." Alina stellt alte Porzellantassen und einen Teller voll kleiner Croissants mit dulce de leche auf den Tisch. "Schon gut, Mama" , sagt sie leise und lächelt mich verschämt an. "Nichts ist gut" , sagt die alte Dame beleidigt. "Um einen Gast muss man sich doch kümmern. Was wird sie denn nachher über uns erzählen?"

Olga ist 1917 in einem kleinen Dorf bei Krakau geboren, noch an den Grenzen der alten Monarchie. Ihr Vater war ein Viehhändler, er war Bürgermeister - kaum jemand wusste, dass er nicht schreiben konnte -, ein großzügiger und lustiger Mensch, der manchmal nach einem guten Geschäft auf einer Kuh nach Hause zurückritt: mit leerem Portemonnaie. Ihre Mutter war fromm und streng. In langen schwarzen Kleidern ging sie umher, murmelte Gebete und klimperte mit den Schlüsseln zur Vorratskammer, die neben einem Rosenkranz an ihrem Gürtel hingen. "Meine Mutter konnte nicht arbeiten. Einmal in der Woche hat sie Brot gebacken, das war alles. Sie teilte es dann aus: jedem eine Scheibe zur Mahlzeit. Nur eine." Den Haushalt führten die fünf Töchter: Josefa, Janka, Wladka, Olga und Maria. Der einzige Sohn, der Erstgeborene, verstarb im Alter von zwei Jahren. Der Bürgermeister war besorgt um die Mitgift für die fünf Töchter.

Ist sie deswegen nach Argentinien ausgewandert? Sie widerspricht. "Zuerst gab es ein Verbrechen, dann einen Betrug und am Ende zwei Lügen" , zählt sie auf, als ob ihre Emigration das Ergebnis einer mathematischen Rechnung wäre. Angefangen hatte es damit, dass ihr Cousin einem Rivalen beide Beine brach. Es passierte nach einem Tanzabend im Dorf. Die Freundin des Cousins hatte mit einem Fremden getanzt. Der Fremde tanzte gut, und er schien ihr sehr zu gefallen. Das ärgerte den Cousin. Er lauerte dem Fremden in der Nacht auf, und als er auftauchte, ließ er ihn auch tanzen: mit einem Ortscheit. Das ist eine schwere Metallstange mit Ketten, die zu einem Pferdegeschirr gehört. Die Brüche waren so schlimm, dass dem jungen Mann beide Beine amputiert werden mussten. Josef F. wurde angeklagt. Josef F. hieß auch sein Onkel, der Bürgermeister vom Dorf und Olgas Vater. Um seinen Neffen zu schützen, erschien er vor Gericht. Der Name stimmte. Der Bürgermeister wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Inzwischen war sein Neffe mit der Freundin, die so gerne tanzte, schon auf dem Schiff nach Buenos Aires.

Nach einiger Zeit schickten sie Briefe. In Argentinien liege das Geld auf der Straße. Sie besäßen inzwischen ein Restaurant und bräuchten Bedienung. Ob eine der hübschen Cousinen nicht kommen möchte, um gutes Geld zu verdienen? 1930 fuhr Janka, die zweitälteste Tochter des alten Josef hin. Als sie nach ihrer Ankunft merkte, dass alles nur Lüge war, saß sie in der Falle. In den Briefen an die Familie erwähnte sie mit keinem Wort, dass die beiden immer noch in einem Conventillo lebten, arm und einsam.

Sie war jetzt auf der anderen Seite des Ozeans, es war jetzt ihre Seite. Sie bekam eine Stelle in der Fabrik, heiratete bald, und nach einigen Jahren schickte sie einen Brief an Olga, ihre Lieblingsschwester: Sie wäre jetzt wohlhabend, ihr Mann sei Abteilungsleiter, Olga sollte kommen, eine bessere Zukunft sei ihr versprochen.

Drei Wochen dauerte die Überfahrt, aber Olga langweilte sich nicht, auch wenn sie an vielen Spielen an Deck, wie z.B. dem Körperbemalen, nicht teilnehmen konnte, da sie keinen Badeanzug besaß. Ihr Schiff ging ein paar Mal an der brasilianischen Küste vor Anker. Von kleinen Booten aus wurde Obst verkauft. Das war das erste Mal, dass sie Bananen und Orangen aß. Die neue Welt war farbenfroh und schmeckte gut.

Einen Tag nach ihrer Ankunft in Buenos Aires sah Olga den Mann ihrer Schwester von der Arbeit kommen. Seine Kleidung war voll von Spänen. Er stand im Patio und klopfte sie ab. Späne rieselten auch von seinem Hut. "Du, Janka, bist du sicher, dass dein Mann Abteilungsleiter ist?" , fragte Olga ihre Schwester, und diese brach in Tränen aus: "Neeeeein! Er ist... Tischler! Verzeih mir, ich war so einsam hier!" Nach einer Woche arbeitete Olga als Zimmermädchen im Haus des berühmten Schokoladefabrikanten Felipe Fort.

Ihre Aufgabe war "Trockenarbeit" , erklärt sie: Servieren, Bügeln, Aufräumen. Herr Fort wollte auch, dass sie ihm zuhörte, wenn er Klavier spielte. "Ich wusste, dass er mich mochte, aber er hat mich nie berührt, nicht einmal mit seinem Blick" , beteuert sie. Er hat aber fast jeden Tag sein Taschentuch vergessen, und Olga musste es ihm dann in die Fabrik bringen. Das war sein Trick, um sie zu sehen.

"Ich verstehe nicht, warum du weggefahren bist, Mama" , sagt Alina plötzlich. "Es gab keinen Krieg damals, keinen Hunger, dir ist es so gut gegangen, ihr hattet zwei Bedienstete im Haus, und hier musstest du selbst als Dienstmädchen arbeiten."

"Ich wollte raus" , sagt Olga entschieden. "Ich wusste, dass es so nicht weitergeht. Ich war 19 und immer noch unverheiratet. Man heiratete damals mit 16. Ich habe mich ständig verliebt und dann doch jeden abgelehnt. Ich war jung und verwirrt. Das hat meinem Vater Sorgen bereitet. Er hätte nie etwas gesagt, aber ich habe es gespürt. Als ich hierher kam, war das alte Leben mit einem Mal zu Ende, und ich musste kämpfen, damit ich nicht untergehe. Es war eine Herausforderung, und die hat meinem Leben gutgetan."

Nach einem Jahr verkuppelte sie ihr Schwager mit seinem Arbeitskollegen. Es war wieder eine Falle, die ihr die ältere Schwester gestellt hatte. Der Mann besaß ein kleines Häuschen. Das war schon etwas. Sie hat nächtelang geweint: "Dafür habe ich meine Familie verlassen und bin ans Ende der Welt gegangen, um hier jemanden zu heiraten, den ich nicht liebe?! Der mir nicht einmal gefällt?!"

Sie kichert, wie ein kleines Mädchen: "Mir haben immer die Männer gefallen, die Frauen mochten - schlanke, gutaussehende, in deren Blick so etwas war, dass du nicht mehr wusstest, wie dir geschieht. Teodoro war todernst - und langweilig. Wenn wir spazieren gingen, hat er zwei Meter Distanz zu mir gehalten. Aber er hatte ein Haus, und ich musste ihn heiraten. Das hatte meine ältere Schwester so beschlossen."

Er war mir tagelang böse

"Aber Mama, sei nicht ungerecht, Papa war doch ein guter Mensch" , sagt Alina auf Spanisch. Sie spricht kein Polnisch. Olga hat ihren Kindern ihre Muttersprache nicht beigebracht. Die Zeiten waren gefährlich. Unter Perón wurde das Slawische oft mit dem Kommunistischen gleichgestellt. Und unter der Junta war es noch schlimmer. Einmal wurde Alina von einer Patrouille auf der Straße festgenommen: Man hatte in ihrer Tasche eine Tonbandkassette mit der Aufschrift Tschaikowski gefunden. Doch auch ohne die Sprache zu kennen, weiß Alina genau, was ihre Mutter sagt. "Ja, eigentlich kann ich mich nicht beschweren" , sagt Olga leise. "Er war fleißig, hat nicht getrunken und war ein guter Vater. Aber es hat ihn gestört, dass ich in Gesellschaft laut lache. Er fand es unanständig. Und ich war immer lustig, habe gerne Späße gemacht. Dann war er mir tagelang böse."

Olgas erste Schwangerschaft war eine Fehlgeburt. Die Ausschabung erfolgte im Haus auf dem Küchentisch, ohne Betäubung und Schmerzmittel. An den Händen und Füßen wurde sie festgebunden, zwischen die Zähne hat man ihr ein Stück Holz gesteckt. Der Arzt sagte, dass sie ein Jahr lang nicht schwanger werden dürfte, weil es dem neuen Kind schaden könnte. Nach zwei Monaten war es dann doch wieder so weit. "Vor der Hochzeit war mein Mann zurückhaltend, aber dann konnte er nicht genug kriegen. Ich war vollkommen erschöpft."

Alina geht schweigend hinaus. Sie will es nicht hören. "Sie ist so langsam, weil ich immer alles für sie gemacht habe" , seufzt Olga. "Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr konnte sie nicht einmal Brot schneiden. Als Kind war sie dauernd krank. Ich zitterte um sie und fühlte mich schuldig. Der Arzt hat mich ja gewarnt. Sie hat dauernd erbrochen. Jede Mahlzeit. Und abends hatte sie Fieber. Im Krankenhaus wurde sie durchleuchtet, aber die Ärzte fanden nichts. Ich war immer bei ihr - beim Essen und sogar auf dem Klo. Erst als mein jüngster Sohn auf die Welt kam, ist alles vergangen. Da hatte ich keine Zeit, mich weiter um sie zu kümmern. Und da war sie plötzlich gesund." Olga runzelt die Stirn, die blinden Augen kreisen unruhig im Raum herum, als versuchte sie einen Gedanken zu fangen, der wie ein Vogel im löchrigen Netz ihres Hirns herumflattert und hinaus will. "Vielleicht war es nicht gut, auf den Kindern zu hocken wie eine Glucke..."

Von den Wänden schauen mich ausgeblichene Kindergesichter an. Die Söhne besuchen ihre Mutter selten, erfahre ich später von Alina. Sie meinen, sie würden mit dem jetzigen Zustand der Mutter nicht zurechtkommen. Alina hat keinen Platz im Leben für sich gefunden. Ihre kurze Ehe endete tragisch und hat sie in eine tiefe Depression gestürzt. Bis auf wenige Jahre hat sie ihr Leben im Elternhaus verbracht: zuerst als kränkelndes Kind, dann als Pflegerin ihrer kranken Eltern.

"So, jetzt muss ich abwaschen" , sagt Olga unvermittelt. Ihre Tochter protestiert, aber die Zweiundneunzigjährige hat ihr eigenes Programm und lässt sich davon nicht abbringen. Ungeduldig zieht sie an der Tischdecke und verlangt, dass Alina ihr das Geschirr in die Küche bringt. Auf zittrigen Beinen, mit Gehhilfe, schleppt sie sich aus dem Zimmer. Dann höre ich lautes Geklapper und das Plätschern des Wassers.

"Ich muss nachher noch einmal abwaschen, sie sieht ja nichts" , sagt Alina mit Tränen in den Augen. "Aber sie ist immer noch überzeugt, dass nur sie alles am besten macht. Ich kann es nicht mehr hören. Diese ewigen Lügen und Selbsttäuschungen. Warum hat sie alle, die sie liebte, verlassen? Es fehlte ihr nichts. Ihr Leben lang hat sie nur von Polen gesprochen und Polen vermisst. Als wir erwachsen waren, haben wir ihr ein Flugticket gekauft. Aber sie ist nicht geflogen. Sie sagte, sie wollte uns nicht alleine lassen. Obwohl wir doch schon erwachsen waren!"

Alina holt einen Bildband über Polen aus dem Regal. "Es muss dort schön sein" , schwärmt sie. "Wenn die blinde Mutter nicht wäre, würde ich alles hinschmeißen und nach Polen gehen." "Argentinien ist auf Fotos noch schöner" , sage ich. "Nein, nicht so." Sie will mir nicht glauben. Ein großes, blondes, siebzigjähriges Kind, dem man aus Liebe das Rückgrat gebrochen hat.

Als Olga wieder auftaucht, will sie wissen, wer ich bin. Sie kann sich weder an unser Gespräch vor fünf Minuten erinnern, noch daran, dass ich sie seit zwei Monaten jeden Sonntag besuche und sie mir jedes Mal aufs Neue ihr Leben erzählt. "Was? Meine Großnichte aus Polen? Kind, ich muss dich umarmen" , seufzt sie gerührt. "Weißt du, wenn ich alleine bin, singe ich immer auf Polnisch..." (Monika Muskala, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

 

 

 

 

Zur Person:
Monika Muskala ist polnische Schriftstellerin und Übersetzerin, lebt seit 1993 in Österreich. Ihr Theaterstück "Die Reise nach Buenos Aires" wurde in Polen mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

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sieben pfoten für alle
00

wunderbar. hat mich zum Weinen gebracht.

arno über alles
05
29.8.2009, 11:39
hmm

schön.

Ein nitupsaR
 
01
30.8.2009, 14:31

...traurig.

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