Wenn man Zeit wie Heu hat

28. August 2009, 18:27
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Der US-Autor John Wray beschreibt in "Retter der Welt" einen Tag im Leben des schizophrenen Teenagers Will "Lowboy" Heller

William Heller ist ein Typ, neben dem man in der U-Bahn nicht sitzen möchte. Er murmelt unverständliches Zeug, seine Kleidung wirkt alles andere als frisch, er selbst unberechenbar. Das ist er auch. Denn Will, 16 Jahre alt, leidet an paranoider Schizophrenie und ist eben seinen Begleitern entwischt, die ihn aus der Klinik nach Hause überstellen sollten, zu seiner Mutter. Und: Er hat schon länger keine Medikamente genommen. Problem. Untergetaucht ist er in das New Yorker U-Bahn-System, in dem er sich selbst Lowboy nennt - so lautet auch der Originaltitel des dritten Romans von John Wray.

In der U-Bahn fühlt er sich einigermaßen sicher. Sie soll ihn zu der Vollendung seiner Mission führen: Lowboy muss die Welt retten. Diese erhitzt sich nämlich in ihm - der Klimawandel als zutiefst individuelle Phobie! -, und er ist davon überzeugt, dass nur er sie retten kann.

John Wray, geboren 1971 in Washington D. C. als Sohn eines Amerikaners und einer Österreicherin, der unter anderem an der Uni Wien studiert hat, entwickelt in seinem jüngsten Roman eine desperate Liebesgeschichte rund um seine beschädigten Protagonisten. Dieser hatte vor seinem Klinikaufenthalt seine Freundin Emily vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen, was diese glücklich überlebt hatte.

Der verschobenen Realitätswahrnehmung von Will, dessen Wirklichkeit von Wandkritzeleien - sogenannten Tags - ebenso beeinflusst wird wie von zufälligen Begegnungen in den U-Bahn-Zügen sowie der weit verzweigten Welt des unterirdischen Systems der Metropole, setzt Wray ein schlankes Suchkommando gegenüber, das Will finden will, bevor sich ein ähnlicher Zwischenfall wie jener mit Emily ereignet. Wills tatsächliches Gefährdungspotenzial für seine Umwelt liegt im Dunklen.

Ein Cop des New York Police Department, Ali Lateef, ist mit dem Fall betraut. Dafür sucht er dessen aus Österreich kommende Mutter Yda auf, deren holpriges Englisch in der deutschen Übersetzung von Peter Knecht seltsame Dinge wie "Wir haben Zeit wie Heu" hervorbringt. Diese sprachlichen Unschärfen der Mutter erweisen sich bald als Indiz dafür, dass diese ebenso beschädigt ist wie ihr Sohn.

Mit derlei Wissen, das Wray tröpfchenweise preisgibt, erhöht er langsam, aber sicher die Geschwindigkeit der Geschichte. Er verdichtet die gegeneinander geschnittenen Erzählebenen, die innerhalb nur eines Tages auf ihr Ende zurasen. Auf seiner verzweifelt-wirren Mission besucht Will Emily. Sie weiß von seiner Krankheit, vertraut ihm erneut - mit Resten instinktiver Skepsis.

Die verwirrte Zärtlichkeit, mit der der Teenager Will den Teenager Emily gewinnen will, gehört mit zu den besten Momenten des Buchs. Wills Begehren ihr gegenüber, zwischen gesunder Teenager-Geilheit und Verschwörungsparanoia, wird zu einem existenziellen Konflikt: "Ihr Bauch entzog sich seinen Fingern. Lowboy war alt genug, um zu wissen, dass ihre Frage ein Zeichen von Liebe war oder zumindest von vorübergehendem Interesse, und er bemühte sich, eine Antwort zu finden, die sie zufriedenstellte. Am liebsten hätte er überhaupt nicht geantwortet, sondern auch noch die andere Hand auf ihre Rippen gelegt und sie festgehalten, bis das, was als Nächstes passieren musste, passierte."

Schon die US-amerikanische Kritik begeisterte sich für Wray und feierte den Retter der Welt, den Lowboy, als zeitgenössischen Holden Caulfield, den jugendlichen Protagonisten in J. D. Salingers 1951 erschienenem Fänger im Roggen. Doch erscheint Hellers Schicksal mit seinem Krankheitsbild zu speziell, um einen ähnlich gültigen alters- wie generationsbezogenen Prototypen abzugeben. Das will Retter der Welt auch gar nicht. Vielmehr begleitet es einen tragischen Helden auf seinem Weg an den Abgrund, erlaubt Einblicke in seinen und den Mikrokosmos der wenigen Nebendarsteller seines Lebens. Dabei bleibt er packend bis zum letzten Schritt. (Karl Fluch, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

John Wray, "Retter der Welt" . Deutsch von Peter Knecht. € 20,50 / 348 Seiten. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009

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