Bauen mit Millionen Händen

28. August 2009, 18:40
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Vor 90 Jahren wurde das Bauhaus gegründet. Die Ideen der fortschritt-lichen Denkschule sind bis heute nicht verhallt

Die damit verbundenen Missverständnisse auch nicht.

Mit keinem anderen Begriff in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts wird so viel Schabernack getrieben wie mit dem Bauhaus. Kaum ist irgendwo ein nacktes Stahlrohr zu sehen, spricht man bereits von einem Bauhaus-Stuhl. Kaum entwickelt ein Fertighaus-Hersteller eine weiß verputzte und alles andere als appetitlich gestaltete Kiste mit Flachdach obendrauf, kriegt sie sogleich den Bauhaus-Stempel aufgedrückt. Und selbst in den Gefilden der ausgebildeten Architektenschaft ist man vor Missbrauch nicht gefeit. Immer wieder stolpert man auf zahl-reichen, überaus suspekte Homepages über Einfamilienhäuser im sogenannten Bauhaus-Stil.

Ja, wenn es den bloß gäbe! Denn das Bauhaus, vor 90 Jahren in Weimar gegründet, ist kein stilistischer Überziehstrumpf, zu dem er mit Begeisterung zweckentfremdet wird. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Denkschule, die darauf basiert, Architektur, Kunst und Handwerk zu einem gemeinsamen Ganzen zu verflechten.

Ironie des Schicksals: Das einzige, heute noch existierende Bauhaus, das der Idee seines Gründervaters Walter Gropius (1883-1969) einigermaßen gerecht wird, ist der gleichnamige deutsche Baumarkt-konzern, der in riesigen roten Lettern die Ausfallsstraßen sämtlicher europäischer Großstädte flankiert. Besser als irgendwo sonst lebt hier das selbst entworfene, handwerkliche Produkt bis heute fort.

"Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau" , schrieb Walter Gropius 1918 in seinem Bauhaus-Manifest, wenige Monate vor der offiziellen Eröffnung der gleichnamigen Schule in Weimar, "Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine Kunst von Beruf. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker."

Und forderte schließlich in etwas entrischen Worten: "Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens."

Was von alledem übrigblieb, ist hinlänglich bekannt. In den bescheidenen 14 Jahren seines Bestehens entwickelte sich das Bauhaus zum wohl wichtigsten baukulturellen Fundament des 20. Jahrhunderts. Während sich die Schüler in den ersten Jahren eher auf Bildhauerei, Malerei und Kunstgewerbe konzentrierten, änderte sich 1925 mit dem Umzug nach Dessau der Schwerpunkt des Studiums und verlagerte sich zugunsten des größeren Maßstabs hin zu Möbeldesign und Architektur.

Mit dem neuen Standort war eine ebenso neue Ära angebrochen. Hatte die Schule in Weimar noch mit Budgetkürzungen um bis zu 50 Prozent zu kämpfen, stellte der Dessauer Gemeinderat mit einem Mal 680.000 Mark zur Verfügung. Zudem erwies sich der dort ansässige Flugzeugbauer Hugo Junkers als überaus angenehmer Kooperationspartner in Sachen Möbelbau. Nicht zuletzt erblickte der legendäre Clubsessel B3 von Marcel Breuer in Junkers' Produktionshallen das Licht der Welt. Der unverwechselbare Stahlrohr-Fauteuil mit seinen schwarz gespannten Lederbändern, besser bekannt als Wassily-Chair, gilt bis heute als Klassiker industrieller Möbelfertigung.

Neben der Neupositionierung der Schule und dem überarbeiteten Ausbildungsprogramm gab es noch einen weiteren bedeutenden Unterschied zu Weimar: Aufgrund der stattlichen Zuschüsse konnte das Bauhaus mit seinen knapp 200 Studenten erstmals in einem eigenen Gebäude untergebracht werden. Unter der Federführung von Gropius entstand ein moderner Hochschulbau mitsamt Klassentrakten, Werkstättengebäuden und sogenannten "Laboratorien der Ideen" . Die Architektur war radikal: Fensterband-Fassade, dünne Stahlsprossen zwischen den Gläsern und schnörkellos geglätteter Putz.

Ähnlich kompromisslos waren auch die sieben, in unmittelbarer Nähe errichteten Meisterhäuser, in denen einige der Meister aus den vielen unterschiedlichen Bauhaus-Werkstätten während ihrer Lehrzeit wohnten. Entgegen ihrem äußeren Erscheinungsbild waren die Wohnhäuser innen alles andere als schwarz und weiß. Die bisweilen knalligen Wandfarben orientierten sich an den unterschiedlichen Raumfunktionen. Jede einzelne Tätigkeit vom Arbeiten bis zum Schlafen wurde einmal kräftig, andermal zart mit dem entsprechenden Farbton untermauert.

"Ein Ding ist bestimmt durch sein Wesen" , sagte Architekt Walter Gropius damals. "Um es so zu gestalten, dass es richtig funktioniert, ein Gefäß, ein Stuhl, ein Haus, muss sein Wesen zuerst erforscht werden. Denn es soll seinem Zweck vollendet dienen, das heißt, seine Funktion praktisch erfüllen, haltbar, billig und schön sein."

Geschlossen und gescheitert

Um sich wieder vermehrt dem Entwerfen widmen zu können, trat Gropius im April 1928 als Direktor zurück. Nach einer zweijährigen Leitung durch den Schweizer Architekten Hannes Meyer folgte im August 1930 schließlich Ludwig Mies van der Rohe an die Spitze. Er begleitete das Bauhaus bis zur seiner endgültigen Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933.

Während einige der Bauhaus-Professoren – darunter Josef Albers, László Moholy-Nagy, Walter Gropius sowie Ludwig Mies van der Rohe – in der Folgezeit in die USA emigrierten, wurden Teile des Dessauer Bauhaus-Gebäudes und einige der Meisterhäuser in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs bis auf die Grundmauern zerstört. 1976 rekonstruiert, beherbergt das Bauhaus-Gebäude heute die Stiftung Bauhaus Dessau. Seit 1996 steht das Bauwerk auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes.

Mit einem Schlag wurden 14 Jahre harter Arbeit in Luft aufgelöst. In zwei Punkten ist das Bauhaus zeit seines Bestehens jämmerlich gescheitert. Zum einen stellte sich die Architektur als praxisfremd, funktionell umstritten und überaus anfällig in der alltäglichen Benützung heraus. Und zum anderen konnte die Vision von "Volksbedarf statt Luxusbedarf" – so lautete eine der wichtigsten Formeln der neuen Bewegung – niemals eingelöst werden. Nur die wenigsten Entwürfe hatten es je in den Olymp der industriellen Fertigung geschafft. Die handwerklichen Produkte wiederum waren zu teuer und verfehlten meist den Geschmack des breiten Publikums.

37 Farben in einem Haus

Übriggeblieben ist dafür, verstreut über den Erdball, eine erkleckliche Anzahl an gebauten und bis heute erhaltenen Architektur-ikonen. "Ich habe das Gefühl, dass das Bauhaus nichts an Aktualität eingebüßt hat" , sagt die Kulturwissenschafterin Barbara Happe. Gemeinsam mit ihrem Mann, Martin Fischer, bewohnt sie in Jena, nur einen Katzensprung von der Bauhaus-Geburtsstätte Weimar entfernt, das Haus W33. Es ist eines der wenigen realisierten Wohngebäude von Walter Gropius, seinerzeit erbaut für das jüdische Ehepaar Anna und Felix Auerbach.

Nach dem Kauf des Objekts 1993 steckten die beiden Aficionados erst einmal ein ganzes Jahr in die Recherche und Rekonstruktion dessen, was noch da war. "Das Haus war in einem ziemlich bedauerlichen Zustand" , erklärt Happe, "Vieles mussten wir rausreißen und anhand der damaligen Pläne neu machen."

Doch dafür habe man auch einige Überraschungen erlebt: Hinter vermoderten, braunen Tapeten beispielsweise kamen Fragmente der ursprünglichen Ausmalung zum Vorschein. Insgesamt hatte Gropius 37 unterschiedliche Pastelltöne auf die Wände aufgebracht. Überrascht hat das Farbkonzept nicht nur die Bauherren, sondern auch die Fachwelt.

Schritt für Schritt wurde das Objekt wiederbelebt. Vom Linolboden bis zur Einrichtung entspricht jedes einzelne Detail den Originalplänen oder zumindest dem baukulturellen Gedankengut der damaligen, euphorischen Zeit. "Viele meinen, wir wohnen hier wie in einem Museum" , sagen die beiden Bewohner, "aber nein, es lebt sich wunderbar! Wir empfinden es als großes Privileg, in so einem Haus wohnen zu dürfen."

Einen vermeintlichen Bauhaus-Stil sucht man auch hier vergeblich. Umso stärker ist dafür der Bezug zum Handwerk und zum Eigenbau. Hier lebt sie fort, die Idee des Bauhauses – und nicht in weißen Hauswürfeln und überkandideltem Stahlrohr-Mobiliar. (Wojciech Czaja, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

  • "Wie in einem Museum? Nein, es lebt sich hier wunderbar! Wir empfinden
es als Privileg, in so einem Haus leben zu dürfen." Barbara Happe und
Martin Fischer im W33, einem der seltenen Wohnhäuser von Walter
Gropius, Baujahr 1924.
    foto: maik schuck

    "Wie in einem Museum? Nein, es lebt sich hier wunderbar! Wir empfinden es als Privileg, in so einem Haus leben zu dürfen." Barbara Happe und Martin Fischer im W33, einem der seltenen Wohnhäuser von Walter Gropius, Baujahr 1924.

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