Schach dem Gratispisser

28. August 2009, 16:54
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Wider die Mentalität des Umsonst im Häusl

Schuld an der Umsonst-Kultur ist natürlich das vermaledeite Internet. Seit es das Netz gibt, wollen die Leute nichts mehr zahlen. Sie wollen umsonst Musik hören, umsonst den neuen Batman runterladen, umsonst irgendwelchen Amateurpuderanten beim Koitieren zusehen, umsonst die ganze Weltliteratur und die neuesten Bestseller lesen, umsonst Kolumnen lesen, umsonst Kolumnisten beschimpfen. Vor allem das Gratis-Beschimpfen stört mich.

Wenn ich hier (links) schon den Kopf hinhalte, soll es sich auch satt auszahlen. Gegen Überweisung von fünf Euro aufwärts (Kto.-Nr. 201 444 811 11; Vorarlberger Hypo, BLZ 58000) dürfen Sie mir von heute an auf derstandard.at reinposten, was immer Sie wollen: dass ich ein Schwein bin, des Deutschen nicht mächtig, ein Langeweiler und Knallkopf, von mir aus sogar BZÖ-Mitglied. So viel zum Preis der Kolumnisten-Ehre, aber das nur nebenbei.

Vergangene Woche war ich erstmals auf dem Bahnhofsklo von St. Pölten, man gönnt sich ja sonst nichts. Das Bahnhofsklo von St. Pölten betritt man nicht einfach so. Das Bahnhofsklo von St. Pölten ist durch eine zweitei-lige gläserne Flügeltür gesichert, die den Weg zur drangvoll ersehnten Muschel erst dann freigibt, wenn man 50 Euro-Cent in einen Münzschlitz im Türpfosten eingeworfen hat. Irgendwie erinnert der ganze Aufbau an diese Klapptüren in der Pariser Metro, die einen immer fast guillotinieren, wenn man nicht auf der Hut ist.

Weshalb diese sauteure, technisch ausgefuchste, hochgradig absurde St. Pöltener Bahnhofskloflügeltüranlage? Natürlich deshalb, weil sich die Klobetreiber nicht mehr anders gegen die Umsonst-Mentalität der urinier- oder defäkationswilligen Klientel wehren konnten. Früher warf man der Klofrau oder dem Klomann das Geld ins Schälchen. Seit es aber das Internet gibt, greift eine Unkultur der a priori vermuteten Gratisausscheidung um sich.

Dem Zechpreller folgt also der Pisspreller. Klar, das entgeltliche Ausscheiden will differenziert betrachtet werden. In einem Lokal, in dem ich eh schon konsumiere (nicht selten zu überhöhten Preisen), wünsche ich gratis zu urinieren, sonst werde ich unwirsch. Aber bitte, verehrte Leser, wenn ihr wisst, dass ein Klomann oder eine Klofrau in einer öffentlichen Toilette auf euren Obolus wartet, dann schmeißt halt die fünfzig Cent in die Schale. Alles muss ja auch in der Internet-Ära nicht gratis sein. Und zudem: Non olet. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

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