Neue Technologien schaffen "Brain Gap"

28. August 2009, 17:40
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Experte: "Digitale Ureinwohner" erlernen menschliche Kommunikationsformen gar nicht mehr

Wien - "Die digitalen Technologien verändern nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn" - genauer die Struktur der neuronalen Schaltkreise, lautet die These des US-Neurowissenschafters Gary Small. Der häufige Gebrauch von Hightech-Geräten, wie Computer oder Handy, führe dazu, dass der Mensch soziale Fähigkeiten wie etwa bei der persönlichen Kommunikation verliere. Mit dem "iBrain" sei die nächste Evolutionsstufe des Hirns erreicht, so Small im Vorfeld seines Vortrags bei den Alpbacher Technologiegesprächen.

Von den bisher noch nicht bewiesenen Veränderungen der neuronalen Verdrahtung im Hirn als Folge übermäßigen Konsums und Nutzung der digitalen Welt seien vor allem jene betroffen, die mit der digitalen Welt aufgewachsen sind - die "digitalen Ureinwohner" (digital natives), so Small. Sie wüssten die neuen Technologien bestens zu nutzen, doch sie verbrächten unglücklicherweise so viel Zeit damit, dass sie menschliche Kommunikationsformen wie etwa das persönliche Gespräch und das Lesen von Gesichtsausdrücken gar nicht erst erlernen.

Sensibilität

Vom Mobiltelefon über den Computer und Videospielen bis hin zum Fernsehen - "der junge Mensch verbringt im Schnitt etwa neun Stunden täglich mit den Technologien", so der Professor für Psychiatrie am Semel Institute der University of California in Los Angeles (UCLA) und Direktor des UCLA Memory and Aging Research Center. Das wirke sich auf die neuronalen Schaltkreise aus. Das Gehirn eines jungen Menschen, das sich noch entwickelt, sei auch am sensibelsten gegenüber der technologischen Stimulation. Small verweist zudem auf Studien mit jungen Probanden, bei denen nach dem Spielen von gewaltsamen Videogames hinterher ihre Fähigkeit beeinflusst war, emotionale Gesichtsausdrücke zu erkennen.

"Brain Gap"

Den digitalen Ureinwohnern stehen die "digitalen Zuwanderer" (digital immigrants) gegenüber - "meine Generation, die erst später im Leben zu den Technologien gekommen ist", so Small. Zwischen den zwei Generationen liege ein "Brain Gap": "Die Hirne der zwei Gruppen sind anders verdrahtet." Man müsse sich fragen, wie die Lücke zu überbrücken sei.

Möglichkeiten

Zu Verteufeln sind die neuen Technologien für den renommierten Alzheimer-Forscher aber nicht: Sie böten Möglichkeiten, das Leben effizienter zu gestalten. "Ärzte, die Videogames spielen, machen weniger Fehler im Operationssaal", so Small, hier werde vermutlich die Hand-Augenkoordination verbessert. Small selbst war schon an Projekten beteiligt, bei dem man Videospiele entwickelt hat, mit denen ältere Menschen ihre kognitiven Fähigkeiten verbessern können sollen. "Der Teufel steckt im Detail. Die neuen Technologien sind wunderbar. Doch wir müssen sie so nutzen, dass zwar ihr Potenzial maximiert wird, sie aber nicht unser Leben bestimmen", verweist Small u.a. auf das Problem der Abhängigkeit.

Small, Co-Erfinder des ersten Scanners, der Alterungsprozesse und Alzheimer im Gehirn von Lebenden physikalisch nachweisen kann, hat gemeinsam mit seiner Frau Gigi Vorgan Argumente für seine These wie auch Vor- und Nachteile der Hightech-Welt in seinem Buch "iBrain: Wie die neue Medienwelt Gehirn und Seele unserer Kinder verändert" vorgestellt - im Originaltitel: "iBrain: Surviving the Technological Alteration of the Modern Mind" (2008). (APA)

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