Karzai empört über Betrugsvorwürfe

28. August 2009, 17:49
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US-Gesandter Holbrooke drängte auf Stichwahl - Präsident wütend

Die bereits angespannten Beziehungen zwischen Washington und Kabul sind durch die Wahlen in Afghanistan nicht besser geworden. Die USA halten Präsident Karsai Wahlschwindel vor - er will nichts davon hören.

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Kabul - Zwischen dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und dem US-Sondergesandten für die Region, Richard Holbrooke, hat es am Tag nach der Präsidentschaftswahl offenbar eine handfeste Auseinandersetzung gegeben, wie erst jetzt bekannt wurde. Bei einem "schwierigen" Treffen habe Holbrooke Karsai mit Vorwürfen konfrontiert, wonach es bei dem Urnengang vor einer Woche zu Wahlbetrug im großen Stil gekommen sei, sagte ein Vertreter der US-Regierung am Donnerstag.

Es habe einen "scharfen Meinungsaustausch" gegeben. Dem US-Vertreter zufolge traf sich Holbrooke auch mit den anderen Präsidentschaftskandidaten.

Zuvor hatte bereits der britische Rundfunksender BBC unter Berufung auf hochrangige Quellen berichtet, dass Holbrooke gegenüber Karsai große Bedenken wegen der mutmaßlichen Fälschung von Wahlzetteln und anderen Manipulationen geäußert habe. Holbrooke habe erklärt, eine Stichwahl würde dem Wahlergebnis mehr Glaubwürdigkeit verleihen. Karsai habe wütend reagiert. Das Karsai-Lager hatte bereits kurz nach der Wahl mitgeteilt, dass der Präsident eine absolute Mehrheit in Aussicht habe, die eine Stichwahl unnötig mache.

Ein hochrangiger US-Regierungssprecher bestätigte dem Sender CNN, dass es einen verbalen Schlagabtausch zwischen Holbrooke und Karsai gegeben habe. Das Essen, bei dem die Auseinandersetzung stattfand, habe aber "freundschaftlich" geendet, und es habe danach weitere Treffen der beiden Politiker gegeben.

Bisher liegen erst wenige Teilergebnisse der Wahl vom 20. August vor, nach denen weder Karsai noch sein größter Herausforderer Abdullah Abdullah im ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit erreicht hat. Das Endergebnis wird für Mitte September erwartet. Falls der Sieger dann noch nicht feststeht, muss nochmals abgestimmt werden.

Abdullah, aber auch unabhängige Gruppen haben zahlreiche Beschwerden eingereicht, da es bei der Abstimmung seiner Ansicht nach einen staatlich organisierten Wahlbetrug gegeben habe. Laut Wahlkommission sind Dutzende dieser Beschwerden schwerwiegend und für das Wahlergebnis entscheidend.

Amerikaner sind kriegsmüde

Holbrooke hat angekündigt, dass Washington den Kampf gegen die Korruption nach den Wahlen besondere Aufmerksamkeit schenken wird - eine Aussage, die im Karsai-Lager als direkt gegen die afghanischen Behörden gerichtet verstanden wird. Umfragen in den USA zeigen, dass immer weniger Amerikaner hinter dem US-Einsatz in Afghanistan stehen.

Die Sicherheitslage für Zivilisten ist laut Amnesty International so gefährlich wie nie zuvor seit dem Sturz der Taliban 2001. Die Gefahr für Millionen Afghanen steige stetig an, erklärte die Menschenrechtsorganisation am Donnerstag. Immer öfter geraten Zivilisten zwischen die Fronten. Am Freitag teilte die internationale Schutztruppe ISAF mit, bei Gefechten in der Provinz Kundus mehrere Aufständische, darunter eine Frau, getötet zu haben. (AFP, dpa, Reuters/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2009)

 

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    US-Sondergesandter Holbrooke und Präsident Karsai: Krach am Tag nach der Wahl.

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    Ein Sprecher der US-Botschaft in Kabul bestritt Berichte, denen zufolge sich Karzai und Holbrooke angeschrien hätten. Auch sei Präsident Obamas Sondergesandter nicht aus dem Zimmer gestürmt.

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