Bangen und Hoffen um Wiens Mitte

27. August 2009, 20:01
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Wien-Mitte verändert sich, noch ist nicht entschieden wie: Ersetzt ein neues Geschäftsviertel ein altes oder lässt sich die Chance nutzen und kunstvoll ein neues Zentrum schaffen? - Von Peter Noever

Moderne Städte benötigen multiple Zentren, schon allein, um der rasanten Transformation menschlicher Lebensgewohnheiten gerecht zu werden. Rund um Wien-Mitte könnte ein neues urbanes Zentrum entstehen - könnte; denn dazu müsste man die folgenschwere Angst vor Veränderungen überwinden. Ließe man Neues oder Andersartiges einfach geschehen - kreative Potenziale sind ja reichlich vorhanden -, welch positive Energien würden freigesetzt!

Soll die entgegengesetzte Tradition das Erscheinungsbild Wiens prägen? Immerhin wird das meiste, was sich im Nachhinein als bedeutend herausstellt, gegen beträchtliche Widerstände durchgesetzt, beispielsweise die Favoritener Filiale der Wiener Zentralsparkasse. Letztere ging in den 1970ern das Wagnis ein, Günther Domenig, dessen Einfluss auf die Architektur selbst aus heutiger Perspektive noch unabsehbar ist, zu engagieren. Dennoch wurde das Gebäude, eines der wenigen Schlüsselwerke zeitgenössischer Architektur in Wien, letzten Endes zur Spielmarke im kommerziellen Monopoly.

Bezeichnend ist auch der Umgang mit einem der bedeutendsten Wiener Baumanifeste, dem Wittgenstein-Haus: Nachdem ein internationaler Aufschrei dessen Abriss (für einen Hotelkomplex) in letzter Sekunde verhindern konnte, wurde in nächster Nähe ein Bürohochhaus errichtet, das Haus zur Portierloge einer Versicherungsanstalt degradiert, der einzigartige Ort von Architektur und Geisteswissenschaft zerstört.

Viele günstige Gelegenheiten verstreichen ungenutzt; etwa in Hinblick auf eine neue Straßenbeleuchtung der Wiener Ringstraße: Im Versuch, auf dem Vorplatz zweier Kunstinstitutionen neue Wege zu beschreiten, das sich abzeichnende Desaster einer einzigartigen Rückwärtsgewandtheit zu verhindern, hat Ross Lovegrove auf Initiative des Mak mit Solar Tree in kürzester Zeit ein ästhetisch, ökologisch wie technologisch sinnvolles Designprojekt für Wien entwickelt. Man hat sich trotzdem für Reproduktionen historischer Straßenlaternen (aus 1899 und 1903) entschieden.

Gibt es dennoch Anzeichen für Fortschritt? Eine brisante Frage, insbesondere in Bezug auf das Großprojekt Wien-Mitte (Bahnhofsneubau). Wie gesagt, ringsherum könnte ein neues urbanes Zentrum entstehen.

Am Knotenpunkt Wien-Mitte verkehren täglich 120.000 Personen (laut ÖBB liegt er an der meistbefahrenen Bahnstrecke Österreichs). Wie will man dieses riesige Potenzial entfalten? Anscheinend nur kommerziell, mit einem Shoppingcenter und Büros. Wobei: Der Verlust der natürlich gewachsenen, kommunikative Öffentlichkeit generierenden und für die Stadtteilkultur wichtigen Landstraßer Markthalle wiegt schwer (ob das "Stadtfoyer" dies wettmachen kann, bleibt dahingestellt).

Ökonomische Imperative kolonialisieren unsere Lebenswelt immer lückenloser. Stadtplanung aber dient der Berücksichtigung vielfältiger Bedürfnisse (Arbeiten, Wohnen, Kultur, Naherholung etc.); sie muss von einer klaren Vision getragen werden und die heute gelebte Öffentlichkeit verwirklichen. Es gilt, die innere Gliederung (City, Wohnviertel, Gewerbegebiet) in Richtung Multifunktionalität aufzusprengen, das Stadtgebiet - infrastrukturell - umfangreich aufzuwerten, der Stadtflucht real, sprich ohne Alibiaktionen entgegenzuwirken (z. B. neue öffentliche und individuelle Verkehrs- und Kommunikationssysteme, neue Parks und neue urbane Plätze).

Immer noch wird nämlich gebaut, als bliebe alles beim Alten, als sei städtisches Leben noch ortsgebunden; wo de facto doch längst moderne Stadtnomaden (siehe etwa Wireless LAN) umgehen. Immer noch hinkt der öffentliche Raum den gesellschaftlichen Dynamisierungen hinterher.

Die Devise lautet also: weg von rein kommerziellen Funktions-, hin zu Lebensqualitäts-, zu Möglichkeits-Räumen. Wozu unbedingt künstlerische Interventionen gehören. Kunst muss auch - als Herausforderung für die Künstler - eigens für derlei Räume entwickelt werden; neue Lebensformen bedingen eine neue, gemeinsam mit Künstlern zu entwickelnde Urbanität; fortschrittliche Kunstinstitutionen, die ihrem Auftrag treu bleiben, gehen längst aus sich heraus.

Es sollte der Gegenwartskunst erlaubt sein, fremde Territorien zu besiedeln. Innovative Ideen sollten, anstatt reflexartig abschlägig beschieden oder durch unzählige Gutachten torpediert, als positive, Reflexionsprozesse initiierende Impulse begriffen werden.

Mondfenster für den Aufbruch
Nach wie vor baue ich darauf, dass es möglich ist bzw. sein muss, urbanistisch-künstlerische Zeichen zu setzen, auch rund um Wien-Mitte. Nun hat sich das Mak - infolge seiner gelebten Design-Strategie und geografischen Lage - jahrelang mit diesem Gebiet auseinandergesetzt und einen auf die örtlichen Gegebenheiten sensibel reagierenden Entwurf erarbeitet, welcher die vorhandene Baustruktur ebenso respektvoll behandelt wie mit Bedacht und gleichzeitig unverwechselbarer Zeichensetzung weiterentwickelt - "Mak über Wien": In erster Linie dreht es sich darum, dieses Areal auf vielfältige Art neu zu urbanisieren, Refugien (stadt-)kulturellen Vergnügens, Räume der kontemplativen Ruhe inmitten des Getriebes zu erschaffen. Kernstück: die Überplattung der Wien (bei der Stubenbrücke) mittels einer völlig neuen, künstlerisch gestalteten Oberfläche, welche die urbane Leerstelle zwischen Stadtpark und Donaukanal überbrückt und die City mit Wien-Mitte kurzschließt. Dergestalt aufgewertet, verwandelt sich dieser Ort in ein kommunikatives Forum der Öffentlichkeit, in eine Passage der/zur - zeitgenössischen - Kunst. Des Weiteren ist an der Freizeitmeile Donaukanal, direkt an der Mündung der Wien, ein begehbares Kunstschaulager samt Terrassencafé und Badeschiff vorgesehen. Nebenbei geht es um eine logische Fortführung dessen, was 1989 mit der Generalsanierung des Mak begonnen hat. Genau jetzt öffnet sich ein "window of opportunity", um die im Verlauf von zwanzig Jahren aufgetretenen baulichen/strukturellen Beeinträchtigungen der Museumsarbeit in einem erneuten Sprung nach vorn aus dem Weg zu räumen.

Eine Stadt muss, um stattzufinden und in der Gegenwart anzukommen, den Sprung wagen! Wie steht es um Wiens Wagemut? (Peter Noever, DER STANDARD - Printausgabe, 28. August 2009)

Zur Person
Peter Noever ist Direktor des Museums für Angewandte Kunst (Mak) in Wien.

  • Baustelle Wien-Mitte: 120.000 Menschen werden den neuen Bahnhof
frequentieren. Sie sollten neue Freiräume finden, ein urbanes Zentrum
könnte entstehen - wenn man das Wagnis eingeht.
    foto: standard/christian fischer

    Baustelle Wien-Mitte: 120.000 Menschen werden den neuen Bahnhof frequentieren. Sie sollten neue Freiräume finden, ein urbanes Zentrum könnte entstehen - wenn man das Wagnis eingeht.

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