2200 Kinder mit Bleivergiftung

27. August 2009, 19:47
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Behörden schlossen sieben gesundheitsschädliche Metallschmelzen in Mittelchina

Peking - Chinas Behörden haben diese Woche in den Provinzen Shaanxi und Henan in Zentralchina zwei Metallwerke geschlossen, deren Abluft und Abwässer zu schweren Bleivergiftungen bei 2200 Bauernkindern geführt haben. Nach Angaben von China Daily kam auch das Aus für fünf weitere Metallschmelzen, zwei in der Provinz Shaanxi und drei in Mittelchinas Henan. Diese Aktion folgt wenige Tage, nachdem medizinische Untersuchungen die Nation in Schock versetzten.

Bei 1350 Kindern beziehungsweise 70 Prozent aller Jugendlichen unter 14 Jahren in vier Dörfern um die "Jinglian"-Manganhütte nahe Wenping wurden gefährlich hohe Bleikonzentrationen im Blut gemessen. Zwei Wochen zuvor waren die Bauern in der Nachbarprovinz Shaanxi auf die Barrikaden gegangen, weil in Fengxiang 851 ihrer Kinder in zwei Dörfern um die Blei- und Zink-Schmelzen "Dongling" nahe der Stadt Baoji erkrankten. Bleivergiftungen greifen insbesondere bei Kindern Gehirnfunktionen, Nervensystem und die Blutbildung an.

Ermittlungen eingeleitet 

Das Dongling-Hüttenwerk wurde 2003 gegründet, das Manganwerk 2008. Beide Metallschmelzen konnten alle Umweltverträglichkeitsprüfungen umgehen und sich direkt zwischen den Dörfern niederlassen. Erst als Staatsmedien über Proteste von Eltern berichteten, reagierten das Umwelt- und das Gesundheitsministerium. Gegen die Verantwortlichen wird ermittelt. Der Geschäftsführer des Manganwerks, Liu Zhongwu, ist auf der Flucht.

China stellt als größter Batterieproduzent der Welt das meiste Blei her. 2008 waren es 3,2 Millionen Tonnen, 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hunderte Hüttenwerke schmelzen die Rohstoffe ein, die ungefiltert versickern oder in die Luft entweichen. China Daily schrieb, dass Bleivergiftungen in den betroffenen Dörfern keine Einzelfälle, sondern "endemisch" sind und in Provinzen wie Henan mehr als die Hälfte der Werke geschlossen werden müssten, weil sie die Grenzwerte überschreiten.

Chinas Medien durften bislang mit erstaunlicher Offenheit über die neuen Umweltskandale berichten. Doch inzwischen scheint den Behörden die Transparenz zu weit zu gehen: Ein BBC-Team wurde Anfang der Woche nicht in ein Dorf nahe der Stadt Baoji gelassen. Chinesische Journalisten bestätigen, dass sie die Order haben, in Internetportalen oder in ihren Medien weniger "Negativnachrichten" zu veröffentlichen. Vor den Nationalfeiern zum 60. Jubiläum der Staatsgründung am 1. Oktober sei für eine "harmonische Atmosphäre" zu sorgen.

Ähnlicher Skandal schon 2006 

Neu sind die Bleiskandale nicht. Im September 2006 erkrankten mehr als 2000 Bauern, darunter hunderte Kinder, an den Rückständen privater Hüttenwerke in nordwestchinesischen Dörfern. Pekings damaliger Umweltminister Zhou Shengxian warnte vor "Zündschnüren der sozialen Instabilität" durch industrielle Verschmutzer, die gemeinsame Sache mit lokalen Behörden machen.

Chinas Umweltprobleme gehen aber nicht nur auf das Konto profitgieriger Unternehmer und korrupter Behörden. Chemie- und Metallindustrien sind innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte aus den Industrieländern mit ihren hohen Umweltschutzanforderungen in Entwicklungsländer wie China abgewandert. Dessen hochentwickelte Küstenzentren drängten die Bleihütten ins In- und Hinterland, wo ihre Investitionen willkommen und Umweltauflagen leicht zu umgehen sind - auf Kosten der Bauernkinder. (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 28. August 2009)

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