Die Nachbarn von Kaisermühlen

27. August 2009, 19:05
76 Postings

Im Gemeindebau Goethehof gegenüber der Uno-City ist das Diplomatenleben ganz weit weg

Für die Menschen in Kaisermühlen zählt das Hundeverbot im Bad mehr als die großen internationalen Krisen.

Wien – Die 10er-Stiege ist nicht die 15er-Stiege, und das Fernsehen ist nicht das richtige Leben. Vielleicht kennt Ruth Prediger auch deshalb keinen Mann aus Nigeria, der als Chauffeur bei der Uno arbeitet, so wie Gitti Schimek in der Serie Kaisermühlen Blues. Oder sonst einen der Angestellten aus der Uno-City, die hinter ihrem Haus in den Himmel ragt. Diplomaten, sagt die 77-Jährige, hätten sich hierher jedenfalls noch nicht verirrt.

Schauplatz Goethehof, Gemeindebau in Kaisermühlen. Nur wenige hundert Meter vom Vienna International Center entfernt, auf der anderen Seite der Wagramer Straße, befindet sich eine andere Welt. Eine, in der nicht die International Herald Tribune über das Geschehen informiert, sondern die Krone. Und in der die fünfstelligen Monatsgehälter der Uno-Direktoren fast ein Jahresgehalt sind.

Ruth Prediger wohnt seit 57 Jahren in ihrer kleinen Wohnung im Parterre auf Stiege 15. An diesem sonnigen Morgen tut sie das, was sie vermutlich jeden Tag tut: am Fenster sitzen. Dann schaut sie auf die anderen Bauten und den Kindergarten, der gerade renoviert worden ist. "Da in der Nähe" sei sie noch nie gewesen, sagt sie und meint das VIC. "Ein Büroklotz. Die Uno interessiert mich nicht."

Nur einmal im Jahr trifft sich das Leben der Pensionistin mit dem der Uno-Diplomaten: "Da haben die da drüben eine Katastrophen-Übung und müssen das Gebäude verlassen. Dann sperren sie hier alles ab, und die kommen hier rüber", erzählt sie und zeigt in Richtung des Badestrandes am Kaiserwasser.

Abgeschlossen sei die Uno-City, "da geht nix auße", sagt Ernst Domic, der im Ruderleiberl und kurzen Hosen im Innenhof im Schatten der Bäume sitzt. "Ich weiß nur, dass es uns viel Geld kostet. Weil der Kreisky das ganze Areal für einen Schilling hergegeben hat."

"Geld haben sie ja genug"

Sein Nachbar Manfred Lechner von Stiege 44 schnippt die Asche seiner Zigarette in eine alte Konservendose, die schon voll ist mit ausgerauchten Stummeln in dicker schwarzer Brühe. Er trinkt Feldner Bräu aus der Dose, zwei Packungen Hundefutter stehen auf dem Tisch. "Interessieren täten sich sicherlich etliche Leut", meint er und untermalt das mit einer ausschweifenden Bewegung seiner tätowierten Arme. "Aber die Information fehlt. Die könnten doch alle halben Jahr eine Postwurfsendung machen – Geld haben sie ja genug."

Außerhalb des Goethehofs, am Kaiserwasser, zwängen sich die beiden Kinder von Sabine und Johann Resch gerade in ihre Badehosen. Familienbadetag. Dafür sind sie aus Floridsdorf nach Kaisermühlen gekommen. "Uno – das ist doch das Spiel, das wir immer gespielt haben", sagt der eine Sohn im Grundschulalter. Sabine Resch sitzt am Tisch und raucht, den Zigaretten-Nachschub in einer Tupperdose vor sich. "Gar nichts" halte sie von den Vereinten Nationen, sagt die 42-Jährige gleich, denn: "Was bringt's?" Dabei fehlten zum Beispiel Arbeitsplätze, darum solle sich die Uno kümmern. "Es sind doch schon zu wenig."

Johann Resch – 53 Jahre alt, Beisl-Besitzer und seit 50 Jahren regelmäßiger Badegast am Kaiserwasser – meint: "Was das uns Kleinen bringt ... – es wird nie was erzählt." In der Krone lese er ab und zu, wenn im VIC wieder ein Kongress stattfinde. "Aber mehr nicht." Und in den Nachrichten höre man ja auch nichts darüber.

Und weil die Uno auf der anderen Seite des Wassers so weit weg ist, beschäftigen ihn ganz andere Dinge, auf die er viel lieber zu sprechen kommt. Zum Beispiel, dass es hier eigentlich Hundeverbot gebe, aber "oft mehr Hunde als Badegäste". Der Spielplatz sei weg, "und da drüben wird gesoffen, und dann brunzen sie ins Gebüsch". Und keiner tue etwas dagegen. "Das gehörert auch mal geschrieben: Dass mehr kontrolliert werden sollte." (Julia Raabe, DER STANDARD – Printausgabe, 28. August 2009)

  • Die Pensionistin Ruth Prediger hat schon die Anfänge der Uno-City
miterlebt. Trotzdem hat sich die Frau aus Kaisermühlen das VIC noch
nie angeschaut.
    foto: standard/heribert corn

    Die Pensionistin Ruth Prediger hat schon die Anfänge der Uno-City miterlebt. Trotzdem hat sich die Frau aus Kaisermühlen das VIC noch nie angeschaut.

  • Sabine und Johann Resch sind Stammgäste am Kaiserwasser.
    foto: standard/heribert corn

    Sabine und Johann Resch sind Stammgäste am Kaiserwasser.

Share if you care.