"Jedes Buch ist ein Auge auf das Menschsein"

27. August 2009, 18:57
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Vor zwanzig Jahren gründete Richard Pils die Bibliothek der Provinz. Rund 1200 Bücher sind seither entstanden. Bis Sonntag wird auf Schloss Raabs gefeiert

Großwolfgers - Nein, einen Verlag wollte er niemals gründen, lächelt Richard Pils: "In einem Verlag stehen wirtschaftliche Fragen im Vordergrund." Eine Bibliothek wollte er zusammentragen, eine Bibliothek, die jene Fragen versammelte, die die Welt ihm stellte. Etwa jene nach den Wegen des Granits von Ägypten quer durch das Wald-viertel.

Jedes Sandkorn ist ein Stück hieß denn auch das erste Buch seiner Bibliothek der Provinz. Es versammelte Texte von Goethe, Stifter und anderen, die sich ernsthaft mit der Geologie auseinandergesetzt hatten. Eine private Freude des damaligen Lehrers und Direktors einer kleinen Dorfschule in Haid bei Königswiesen. Bereits mit den Schulkindern hatte er eigene Bücher produziert. Nun also eine Bibliothek.

Am 29. August 1989 erhielt Richard Pils den Gewerbeschein. Heute, genau zwanzig Jahre später, umfasst die Bibliothek etwa 1200 Bände. In dem Hof in Großwolfgers im hintersten Waldviertel, wo der unfreiwillige Verleger mit seiner Frau Helga wohnt und arbeitet, stehen modernste Computer und garantieren höchste Druckqualität der vielfach mit Staatspreisen ausgezeichneten Bücher.

"Jedes Buch ist ein Auge, das eine Facette im Hologramm des Menschseins sehen lässt" , so Pils. Gedruckt wird, was ihn bewegt. So fanden eigenwillige Autoren wie Herbert Achternbusch in die Bibliothek der Provinz. Der Dichter und Filmemacher wollte die Willkür der großen deutschen Verlage, in denen er seine frühen Bücher publizierte, nicht länger ertragen. Zwanzig Titel, darunter viele selbstgezeichnete Kinderbücher hat Achternbusch in der BdP.

Richard Pils brachte das Gesamtwerk des von ihm verehrten Franz Kain heraus, von Gerhard Amanshauser, Käthe Recheis. Sepp Dreissingers Bildbände zu Thomas Bernhard erschienen in Großwolfgers ebenso wie jene über George Tabori. Und: Kinderbücher! Richard Pils, Vater von fünf erwachsenen Kindern, druckt Österreichs schönste Kinderbücher. Dank der Liebe und der Offenheit, die er der bildenden Kunst entgegenbringt, publizieren Illustratorinnen wie Angelika Kaufmann oder Linda Wolfsgruber ihre zeichnerischen Kunstwerke bevorzugt in der BdP.

Und zunehmend entdecken Österreichs Autoren die Lust, Texte für diese Kinderbücher zu schreiben. Eben erst erschien Roberts Donauschlepper von Julian Schutting mit Zeichnungen von Angelika Kaufmann.

Vor einigen Jahren erwarb der Verleger das Schloss Raabs in Raabs an der Thaya. Jeden Sommer lädt er hier zum dreitägigen Poetenfest. Heuer, durch den Rückzug der Landesregierung Niederösterreich aus einer geplanten Landesausstellung, für die die Bauarbeiten schon begonnen hatten, belastet mit 450.000 Euro Schulden. Eine große Sorge. Gefeiert wird trotzdem. Zwanzig Jahre Bibliothek der Provinz. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.8.2009)

 

Poetenfest in Raabs

Freitag, 28. August:
20 Uhr: Netzwerk Memoria - Gedächtnisbibliothek des 20. Jahrhunderts. Geschichte(n) aus Tschechien und Österreich.

Samstag, 29. August:
16-19 Uhr: Lesungen & Musik.
20 Uhr: Hommage für Wieland Schmied zum 80. Geburtstag. Mit Michael Köhlmeier, Franzobel, Renald Deppe. Eröffnungskonzert: Schubert, Forellenquintett.

Sonntag, 30 August:
11-13 Uhr: Literarischer Frühschoppen.
16 Uhr: Böhmen liegt am Meer.
Lesung und Klaviertrios.

www.bibliothekderprovinz.at

 

 

  • Im ehemaligen Wirtssaal von Großwolfgers lädt die Bibliothek der Provinz zufällige Besucher zum Lesen und Verweilen.
 
    foto: robert newald

    Im ehemaligen Wirtssaal von Großwolfgers lädt die Bibliothek der Provinz zufällige Besucher zum Lesen und Verweilen.

     

  • Verleger, Bienenzüchter, Sinologe: Richard Pils.
 
    foto: robert newald

    Verleger, Bienenzüchter, Sinologe: Richard Pils.

     

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