Deep Soul 2.0

27. August 2009, 17:01
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Die britische Band veröffentlicht "Broken", Sänger Mark Lanegan zeigt sich darauf in Bestform

Schon die Gästeliste lässt die Zielgruppe speicheln. Der britische Songwriter Richard Hawley ist dabei. Gibby Haynes von den texanischen Saubartln Butthole Surfers wurde eingeladen. Ebenso Jason Pierce, der verdrogt-psychedelische Raumfahrer von Spiritualized. Und Mike Patton (Faith No More ...) als nebenberuflicher Stargast konnte dieses Mal auch nicht verhindert werden. Sie alle sind auf Broken, dem dritten Album des britischen Bandunternehmens Soulsavers vertreten. Bloß - weiter auffallen tun sie nicht. Denn seit dem zweiten Album It's Not How Far You Fall, It's The Way You Land (2007) beschäftigt Rich Machin, der Chefmaschinist dieser Band, einen der größten Sänger unserer Zeit vorne am Mikro: Mark Lanegan.

Dessen seelenvoller Gesang, der jedes Mal die dunkelsten Kellergeschoße des menschlichen Daseins zu durchmessen scheint, bläst all die hübsch aufgereihten Gäste einfach weg. Auch wenn er nur zart atmet. Das verwundert nicht weiter. Bereits in den 1980ern stach er als Sänger der Screaming Trees aus US-Underground hervor, weil er seine Stimme nicht bloß zum damals topmodischen Schreien benutzte. Nach deren Ende forcierte der aus dem Umland von Seattle stammende Kurt-Cobain-Freund seine Solokarriere. Nebst Meisterwerken wie I'll Take Care Of You oder Bubblegum kollaborierte der introvertiert-sympathische Schattenmann mit Künstlern und Bands wie Queens Of The Stone Age, Masters Of Reality, den Twilight Singers, Isobell Campbell und betreibt mit Greg Dulli die Gutter Twins.

Das finanzierte nicht nur eine mittlerweile überwundene Sucht, die den tragisch Tätowierten öfter als einmal an den Eingang des Kanals mit dem hellen Licht an seinem Ende führte, sondern generierte eine Aufmerksamkeit für sein Talent, wie es kein Marketingplan je geschafft hätte. Für Josh Homme (Queens Of The Stone Age) ist er der größte Sänger der Welt. Gut, so weit der obligatorische Bauchfleck vor dem heute 44-Jährigen.

Machin und sein Kompagnon Ian Glover brachten ihr seit 2000 existierendes Unternehmen mit Lanegan in eine Liga, in der sonst nur Massive Attack, Portishead oder Tricky residieren. Gründer und gleichzeitig immer noch interessanteste Überlebenden des TripHop. Wie Genannte produzieren Soulsavers keine gefälligen Soundtracks für Friseursalons, sondern arbeiten an den Außenrändern von verschleppen Beats und prinzipiell im Dunklen angesiedelten Stimmungbildern von Genreweiterführungen in Richtung Song. Im Falle der Soulsavers handelt es sich dabei bevorzugt um Soul und Gospel. Bereits Spiritual, die Eröffnungsnummer des Vorgängeralbums, ließ sich da klar als Manifest deuten.

Auf Broken weisen Stücke wie Some Misunderstanding oder Shadow Falls klar in diese Richtung. Deep Soul für das dritte Jahrtausend. Lanegan hält in Shadow Falls ein Damenchor dagegen, über den sich jeder Dorfpfarrer freuen würde. Pracht und Glorie in süßer Umarmung. In Some Misunderstanding, in dem sich His Master's Voice waidwund gibt, spendet ihm eben jener Chor Trost - in symphonischem Breitband, wie man es aus den besten Momenten der britischen Band Spiritualized kennt: fette Orgel, verlorene Gitarre inklusive. Zwei Höhepunkte des Albums. Doch schon das mit dem Rauschen einer alten Vinylschallplatte (Einserschmäh!) unterlegte Instrumental (Klavier, Streicher, Oboe ...) zu Beginn des Albums rollt stimmungsmäßig den Teppich aus. Es folgt das dröhnende, euphorisch lospreschende Death Bells, das in jedem halbwegs ernstzunehmenden Club bestehen wird, bevor in Unbalanced Pieces erstmals die erwähnte Kernkompetenz ausgespielt wird.

Schließlich stimmt Lanegan noch eines der traurig-schönsten Lieder aller Zeiten an: You Will Miss Me When I Burn von den Palace Brothers. Lanegans Interpretation besitzt die Qualität, damit sein persönliches Hurt - das von Johnny Cash - geschaffen zu haben. Gegen Ende des Albums wirken Rich Machin und Ian Glover dann aber etwas ziellos. Den Stücken, die nun Rosa Agostino ihre Stimme leiht, fehlt die Prägnanz, sie verlieren sich zugunsten von eher nicht so wahnsinnig bestechenden Klangetüden, denen auch Lanegan keinen Mehrwert verliehen hätte. Kurz: Zwo, dro Stücke weniger - und es wäre gut gewesen. Aber wer zuvor so reichlich gibt, muss ja irgendwann einmal mit (fast) leeren Taschen dastehen. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2009)

 

Soulsavers: Broken (V2/Universal)

  • Rich Machin (vo.) und Mark Lanegan wollen unsere Seelen. Retten.
 
    foto: v2

    Rich Machin (vo.) und Mark Lanegan wollen unsere Seelen. Retten.

     

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