Träumen von Soda Zitron

31. August 2009, 17:54
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"Schon ein bissl anstrengend": Fastende Kebab-Verkäufer im Ramadan - eine derStandard.at-Reportage

 „Einmal Riesen-Bosna.“ Der Baseballkappenmann hat es eilig, schnappt nach dem fettig-zwiebeligen Fundament seines Bierdurstes und verschwindet in die Nacht. Ramazan A. legt derweil die nächste Käsekrainer auf den Grill. Er ist satt und zufrieden. Vor einer Stunde hat er hier, am Boden des Kebab-Würstelstands Wien-Mitte, seine erste Mahlzeit verdrückt. Reis, Kichererbsen, Salat. Um drei Uhr früh sperrt er den Stand zu. Dann gibt es noch einmal Kichererbsen. Und dann ist Nahrungs- und Getränkesperre bis morgen abend. 

Ein bisschen Leiden

„Für mich ist es gar nicht schwierig“, sagt A. zum Thema Ramadan. Da er die Spätschicht hat, verschläft er den halben Fasttag ohnehin. Wenn er aufsteht, sind nur noch sechs Stunden bis zum Fastenbrechen, dem Iftar. Kollege Hasan hat es schlechter erwischt. Während er den Hacklern der Großbaustelle Wien-Mitte beim Cola- und Bierdosen-Zischen zuschaut, steht er in der würsteldampfenden Mittagshitze und träumt von Soda Zitron. Es ist eben Ramadan. Da gehört Leiden ein bisschen dazu.

Nur heute setzt der 23-Jährige aus: Wer krank ist, muss nicht fasten, sagt der Islam. Arbeiten muss er trotzdem, sagt der Kontostand. Hasans Studium will finanziert werden. Irgendwann soll es ihm einen Job einbringen, wo er nicht Dinge verkaufen muss, die er selbst nicht in den Mund nehmen würde: Bier, Obstler, Käsleberkäs und Burenhaut.

In der Döner-Sauna

Wie geht es Fastenden, die beruflich Essen servieren und Getränke ausschenken? Nichts zu essen sei nicht so schwer, sagt Tütüncü Ekrem, Co-Chef des Restaurant Kent in der Märzstraße. „Aber ohne Trinken und Rauchen ist es schon ein bissl anstrengend.“ Die Zeiten würden härter, sagt Ekrem: Jedes Jahr rückt der Ramadan-Beginn um zehn Tage nach vorne - und damit in den kommenden Jahren stets weiter in Richtung Julihitze.

Özdemir, Döner-Beauftragter im Kent, ignoriert den Fastenmonat: „Zu heiß.“ Zwischen Lamm und Huhn wird auch er immer ein bisschen mitgegrillt. Auf bis zu 70 Grad heizt sich das Kebab-Eck auf. „Dort nichts zu trinken wäre ungesund“, meint auch Özdemirs Chef, Herr Ekrem. 

Essen mit dem Gong

Wie wichtig gläubige AustrotürkInnen fürs „Kent“ sind, sieht man an der gähnenden Leere des Lokals zur besten Mittagszeit. „Untertags machen wir viel weniger Geschäft. Aber am Abend holen wir alles wieder auf“, so Ekrems Umsatzprognose für den Ramadan. Kurz vor Sonnenuntergang werden Tröge mit Reis, Salat, Fleischspeisen, Gemüseeintöpfen und Süßspeisen aufgetragen. Fastenbrechen nach dem „All you can eat“-Schema um 12 Euro, einen Monat lang jeden Abend. Noch vor dem Startschuss zum Fastenbrechen hätten alle Gäste ihre Teller voll, sagt Ekrem. Um mit dem Gong synchron die Gabeln scheppern zu lassen.

Für die Kellner im Kent wird der Iftar zum Staffellauf. Jeden Tag zieht ein anderer das Glückslos des pünktlichen Fastenbrechens. Wenn er aufgegessen hat, darf der nächste pausieren. Alle anderen sind überbeschäftigt mit der Getränkeversorgung der Gäste. „Ein bissl grantiger sind die Leute schon“, sagt Ekrem. Umso wichtiger ist, dass das Essen schmeckt: Für Köche sieht der Islam eine Spezialbestimmung vor. Gekochte Speisen abschmecken zu dürfen, ist ausdrücklich gestattet. Für alle anderen gilt: Nichts in den Mund – nicht einmal Kaugummi. 

"Ramadan ist eine Meinung"

Ramazan A. wurde im Fastenmonat geboren, darum heißt er auch so. Er faste gern, erwarte es aber nicht von anderen. „Ramadan ist eine Meinung: Mein Freund fastet nicht, ich schon“, sagt A. Das werde er auch so beibehalten, es sei denn, er sei „krank oder müde“. Denn eines sei klar: „Erst kommt die Lebenssicherung. Und dann der Islam.“ (Maria Sterkl, derStandard.at, 27.8.2009)

  • Käsekrainer und vegetarisches Kebab: Bunte Kulinarik in Wien-Mitte
    derstandard.at/mas

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  • Vor der Nachtschicht noch schnell in die Moschee: Ramazan

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  • Fasten zwischen Getränkefach und Würstelgrill: Hasan
    derstandard.at/mas

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  • Mittagszeit im Ramadan: Restaurant Kent
    derstandard.at/mas

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  • Döner-Beauftragter Özdemir lässt das Fasten bleiben
    derstandard.at/mas

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