Privatisierung des Lernens

27. August 2009, 09:28
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Die Schule fängt bald wieder an: Zeit, um sich über das wichtigste Lernwerkzeug Gedanken zu machen - den PC

Langsam wird es wieder Zeit, die Schultaschen herauszuholen, und die Arbeiterkammer hat uns bereits darüber informiert, dass es bei Schulstartpaketen erhebliche Preisunterschiede gibt und dass der "gepackte Ranzen" "nicht mehr als 10 bis 12,5 Prozent" des Kindes wiegen soll.

Zu einem wichtigen Erstausstattungsdetail gibt es jedoch heuer wieder keine Information, weder von Konsumentenschützern noch von schulischer Seite: welches Netbook Kinder mit in die Schule bringen sollen. Zeit für mein jährliches "Ceterum Censeo": Die Nutzung des wichtigsten Kulturwerkzeugs unserer Zeit geht weiterhin im Großen und Ganzen an den Schulen vorbei und bleibt Sache privater Ambition.

Kein Lehrmittel

Damit meine ich nicht die vielen Lehrer und Schulleitungen, die in diesem Bereich Initiativen setzen - sie alle vor den Vorhang, bitte. Gemeint ist die Gesamtsituation: Während wir selbstverständlich Bleistift und Füller, Hefte und Arbeitsbehelfe, Bücher und sonstige Lehrmittel für das Lernen voraussetzen, werden Computer und Internet im Großen und Ganzen im Sinne des Informatikunterrichts als Objekte des Lernens, nicht als Lehr- und Lernmittel verstanden.

Sie als Werkzeuge zu begreifen würde hingegen bedeuten, dass ab der ersten Klasse ein Netbook in jedem "Ranzen" ist, das fast alles andere ersetzt, weil es universell nutzbar ist. Damit würde sich auch die Qualität des Unterrichts vom "Empfang" von Lehrinhalten zur Er- und Verarbeitung von Wissen verändern. Darin liegt das Versäumnis: Eine anregende Technologie, die die Aufmerksamkeit von Kindern einfängt, wird sträflich ignoriert.

Weitreichend

Die Änderung geht weit darüber hinaus, Papier zu ersetzen: Es geht um "Zugang, Management, Integration und Bewertung von Information", darum, "neues Wissen zu konstruieren und mit anderen zu kommunizieren", wie dies wissenschaftlich verbrämt eine Pisa-Arbeitsgruppe formuliert. Der vielgelobte Projektunterricht, in dem alles mit allem zusammenhängt: Mit Tools wie Wikis, Search und sozialen Netzen wird es lebendig.

Dabei können die meisten Kinder längst mit PC, Handy (immer mehr der PC unserer Tage) und Internet umgehen, weil diese in Familien Alltag sind. Natürlich kann man diese Entwicklung auch völlig privatisieren, wie dies bereits der Fall ist - mit Nachteilen für Kinder aus sozial schwächerem Hintergrund -, und damit die Chance verpassen, die Schulen in die Gegenwart aktiver Wissenserarbeitung zu holen.

Sprungbrett

Ins Positive gewendet könnte man jedoch die große private Verbreitung dieser Kulturtechnik (auch bei Lehrerinnen und Lehrern) als Sprungbrett verwenden, um sie endlich nachhaltig in den Schulen zu verankern.

Und die Kosten, häufig als Haupthindernis vorgeschoben? Es wird bei der ständigen Verbilligung der Technologie fast müßig darüber zu reden. Um zehn Euro pro Monat könnte man ein Kind mit einem Netbook ausstatten und die Kosten für Internet im Klassenzimmer decken. Gut gemacht, könnte man außerdem den Umstand nutzen, dass hier viel private Ausstattung ohnehin vorhanden ist und nicht alles öffentlich finanziert werden muss. Worauf warten wir eigentlich noch? (Helmut Spudich, DER STANDARD/Printausgabe, 27.8.2009)

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    Sollte der PC nicht längst schon zu den Lehrmitteln gehören?

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