Tatrekonstruktion: Weiterhin Aussage gegen Aussage

28. August 2009, 13:29
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Polizisten-Anwalt: "Es war die Abwehr eines Angriffs" - Frage geklärt, wer tödlichen Schuss abgegeben hat

Krems - Rund dreieinhalb Stunden hat in der Nacht auf Donnerstag im Kremser Merkur-Markt die gerichtlich angeordnete Rekonstruktion jener Tat gedauert, die am 5. August in den frühen Morgenstunden den Tod des 14-jährigen Florian P. zur Folge hatte. Die Tatrekonstruktion sollte Klarheit darüber bringen, was genau sich vor inzwischen mehr als drei Wochen in der Filiale des Supermarktes abgespielt hat. Die Aussagen der beiden Polizisten, eine Frau und ein Mann, die dreimal geschossen hatten, und des verletzten 17-Jährigen divergieren weiterhin. Von der Staatsanwaltschaft Korneuburg gab es auch am Freitag keinerlei offizielle Ergebnisse. Für die "absolute Klarheit" würden noch die Gutachten fehlen, sagte Karl Schober, Leiter der Staatsanwaltschaft.

Alle Beteiligten seien "bei dem geblieben, was sie bisher schon gesagt haben", so der Korneuburger Staatsanwalt Friedrich Köhl am Donnerstag. Drei bei der Tatrekonstruktion anwesende Sachverständige sollen nun in den kommenden Wochen Gutachten abliefern.

Frage nach Todesschützen geklärt

Die Tatrekonstruktion soll eindeutig geklärt haben, welcher der beiden Beamten den tödlichen Schuss auf den 14-jährigen Florian P. abgegeben hat. Allerdings wollten sich weder die Behördenvertreter noch andere daran Beteiligte mit dem Hinweis auf die laufenden Ermittlunge offiziell äußern, um die Erhebungen nicht zu behindern.

Laut ersten inoffiziellen Informationen des "Kurier" soll die Kugel aus der Dienstwaffe des Polizisten abgefeuert worden sein. Zuvor soll seine Kollegin ein Mal in die Decke des Supermarktes und ein Mal auf den 17-Jährigen geschossen haben, heißt es in dem unbestätigten Bericht. Erst als die Polizistin angeblich ein Codewort für "Gefahr in Verzug" rief, habe der Polizist auf den 14-Jährigen Florian P. geschossen, schreibt der "Kurier" weiter.

Außerdem heißt es, die Kugel des Polizisten dürfte knapp unterhalb des linken Schulterblattes eingedrungen und vorne auf der rechten Seite wieder ausgetreten sein. Statt um einen klassischen Schuss in den Rücken, würde es sich um einen schrägen Einschuss handeln.

Gutachten in kommenden Wochen

Bei der Tatrekonstruktion waren auch drei Sachverständige anwesend - ein Mediziner, ein Schießtechniker und ein Chemiker. Sie sollen in den kommenden Wochen ihre Gutachten abliefern. Die Staatsanwaltschaft werde danach zur Enderledigung schreiten. Dabei handelt es sich um die Entscheidung, ob das Verfahren gegen die Polizisten eingestellt oder Strafantrag - in welche Richtung auch immer - erhoben wird, erläuterte Köhl. Derzeit ermittelt die Korneuburger Anklagebehörde wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen (Strafrahmen bis drei Jahre Haft) gegen die Beamten.

"Es war die Abwehr eines Angriffs"

Für Hans-Rainer Rienmüller, den Rechtsvertreter der beiden Polizisten, hat die Tatrekonstruktion die bisherige Verantwortung seiner Mandanten bestätigt. "Sie hatten Gelegenheit, konkret fallbezogen zu zeigen, wie ein Beamter in so einer Situation reagiert. Es war die Abwehr eines Angriffs entsprechend ihrer Ausbildungsrichtlinien", sagte der Wiener Anwalt.

Es sei in der Nacht auf den 5. August in einem dunklen, schlecht beleuchteten Raum zu der Begegnung zwischen den mutmaßlichen Einbrechern und den Uniformierten gekommen, so Rienmüller. Dabei hätte sich aus Sicht der Polizisten eine gefährliche Situation ergeben, die vermummten, daher nicht als solche erkennbaren Jugendlichen hätten sich ihnen mit einem Schraubenzieher bzw. einer Gartenharke in den Weg gestellt. "Ein Beamter muss blitzschnell in Sekundenbruchteilen entscheiden, wie er darauf reagiert", meinte Rienmüller.

Fenster und Tür abgeklebt

Die Tatrekonstruktion hatte plangemäß gegen 21.30 Uhr begonnen. Zuvor waren Fenster und die Eingangstür des Supermarktes abgeklebt worden. Der Parkplatz vor der Filiale wurde gesperrt. Bereits ab 20.40 Uhr trafen Vertreter des Gerichtes und der Polizei, die bestellten Sachverständigen, Rechtsvertreter und die beiden Beamten ein, die sich in einem gegen Blicke von außen geschützten Wagen befanden.

Bei der Tatrekonstruktion dürfte zunächst der 17-Jährige seine Sicht der Dinge dargestellt haben. Er wurde bereits gegen 23.15 Uhr wieder zurück in die Justizanstalt Krems gebracht. Die beiden Polizisten dürften im Anschluss an den 17-Jährigen am Zug gewesen sein. Für die Außensicherung des Areals bei dem Merkur-Markt waren etwa 30 weitere Beamte vor Ort. Dass die Tatrekonstruktion stattfindet, hatte in Krems-Lerchenfeld schnell die Runde gemacht. Immer wieder kamen Schaulustige, unter ihnen vor allem Jugendliche, vorbeil.

17-Jähriger in U-Haft

Die Klärung der Einbruchsvorwürfe gegen den 17-Jährigen und einen weiteren mutmaßlichen Komplizen (28) laufen bei der Staatsanwaltschaft Krems weiter. An der Entscheidung, den angeschossenen 17-Jährigen vorerst bis Ende September in U-Haft zu behalten, hatte es Kritik gegeben. Schon vor Tagen ist er aus dem Krankenhaus in die U-Haft-Zelle entlassen worden. Für den Richter blieb der Haftgrund "Tatbegehungsgefahr" (Wiederholungsgefahr) aufrecht - es soll also verhindert werden, dass der junge Mann sich erneut des Einbruchs verdächtig macht. Das soll nämlich schon früher mehrmals vorgekommen sein.

In der Strafprozessordnung wird aber auch vorgeschrieben, wenn möglich gelindere Mittel als die U-Haft anzuwenden. Vor allem muss der Freiheitsentzug in einem angemessenen Verhältnis zur erwartbaren Strafe stehen. Auf Diebstahl durch Einbruch stehen sechs Monate bis fünf Jahre Haft. Auf fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen bis zu drei Jahre Gefängnis. (APA/red)

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