Ein Abschied mit betörendem Opernwahnsinn

26. August 2009, 20:15
1 Posting

"Orlando Paladino"-Premiere

Innsbruck - Es war seine letzte Premiere als Leiter der Innsbrucker Festwochen, und René Jacobs machte sie zu einem köstlichen Abschiedsgeschenk: Mit "Orlando Paladino" bricht er eine ritterliche Lanze für Joseph Haydn als Opernkomponisten und untermauert sein faszinierendes Plädoyer noch mit einem Symposium am 28.August. Das turbulente "dramma eroicomico" um den "rasenden Roland", der vor Liebe den Verstand verloren hat, erscheint in Regie und Ausstattung von Nigel Lowery und Armin Hosseinpour als Don Quichotterie, als skurriler Cocktail aus Verrücktheiten mit Tiefsinn, geadelt durch die mozartnahe, empfindungsreiche Musik.

Jacobs sieht in ihr "Haydns Zauberflöte", in der Freimaurersymbole, wie schon in den drei Eröffnungsakkorden, unverkennbar zutage treten. Mit lebendigsten Tempi führt er das glänzende Freiburger Barockorchester und macht mit exzellenten Sängern das Aufklärungsmärchen auch zu einem Freud vorwegnehmenden psychologischen Lehrstück.

Hier sind alle verrückt: Nicht nur stürmt Orlando (Tom Randle) halbnackt mit wirrem Haar und gezogenem Schwert durch die Szene, verfolgt von Rodomonte, den Pietro Spagnoli temperamentvoll gestaltet - auch das bedrohte Liebespaar Angelica/Medoro (Sine Bundgaard / Magnus Staveland) ist auf seiner Flucht gefühlsverwirrt und ständig in Angst. Nicht ganz so neurotisch geht's beim hinreißenden Buffopaar zu: Sunhae Im (als Eurilla) zwitschert und pfeift wie ein Vogerl, betört den der Commedia dell'Arte entstiegenen Pasquale, in dem Victor Torres alle "Verwandten" wie Sancho Pansa, Leporello und Papageno vereint.

Gespenstische Figuren machen als "Wilde" die Bühne vollends zum Irrenhaus, bis Zauberin Alcina (betörend Alexandrina Pendatchanska) dem Spuk ein Ende bereitet und Vernunft bringt: Durch Wasser aus dem Fluss Lethe wird Orlando geheilt und vergisst seinen Liebeswahn (bestechend die leere Bühne zur Metamorphose). Das Verwirrspiel wird zum bejubelten Erfolg. (Jutta Höpfel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2009)

 

 

Share if you care.