Eine Geisterarmee

26. August 2009, 19:26
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Es gibt immer weniger einsetzbare Milizsoldaten, weil die Miliz kaum beübt wird - Von Conrad Seidl

Österreichs Bundesheer hat den von der Politik gestellten Anspruch nie voll erfüllen können. Daran sind jene Politiker schuld, die das Militär in Sonntagsreden loben, seinen Assistenzeinsatz bei jeder Hochwasser- oder Flüchtlingswelle (und oft auch nach deren Abebben) fordern - aber bei Budgetbeschlüssen stets hinter den selbstgesteckten Zielen zurückbleiben.

Die Militärs haben damit zu leben gelernt - Improvisation wurde zur soldatischen Haupttugend, man hat eben das Beste aus dem gemacht, was man hatte. Dabei ist unter anderem das international viel beachtete Kleinkriegskonzept des Generals Emil Spannocchi entstanden, samt dem dafür notwendigen Milizheer. Das heißt, dass die Masse der Soldaten kurz ausgebildet und dann in regelmäßigen Übungen weitergebildet wird. Wenn man diesen oder jenen Truppenteil braucht (an einen "All-out-War" denkt seit 20 Jahren ohnehin keiner mehr), kann man diesen ja rasch einberufen und einsetzen. Sagt die Theorie. Sagt auch die Verfassung.

Aber die Praxis widerspricht dem: Es gibt immer weniger einsetzbare Milizsoldaten, weil die Miliz kaum beübt wird. Es fehlt am Geld. Es fehlt aber auch am Willen - nicht nur in der Politik, sondern auch bei etlichen Berufssoldaten, die am liebsten unter sich blieben. Sie wissen, dass die Reform, die 2010 abgeschlossen sein sollte, gescheitert ist. Und freuen sich schon auf die Stabsarbeit am nächsten Reformprojekt. Vielleicht bekommen sie ja dann statt der jetzigen Geisterarmee jene Berufsarmee, die sie sich heimlich wünschen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 27.8. 2009)

 

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