Gepflegte rechte Tradition in Vorarlberg

26. August 2009, 19:21

Österreich empört sich über den Satz vom "Exil-Juden aus Amerika" - Der Boden, in dem solche Saat gedeiht, wurde gut gedüngt und jahrelang mit Hingabe gepflegt - nicht nur von der FPÖ - Von Harald Walser

Vorarlbergs Freiheitliche verstehen die Welt nicht mehr. Warum soll plötzlich schlecht sein, was lange gut war? Mit Antisemitismus wurde in Vorarlberg schließlich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erfolgreich Politik gemacht. Genauso logisch war es für die mit absoluter Mehrheit ausgestattete ÖVP, seit Jahrzehnten an einer Koalition mit dem "blauen Lager" festzuhalten. Ein Blick in die Landesgeschichte erklärt, warum.

Was ist daran antisemitisch, wenn FPÖ-Landesrat Dieter Egger den Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, Hanno Loewy, vor 400 begeisterten Parteifreunden als "Exil-Juden aus Amerika in seinem hochsubventionierten Museum" bezeichnet? Dem FPÖ-Landtagsabgeordneten Siegi Neyer ist das nicht klar: "Wenn das schon antisemitisch sein soll, dann hat es weit heruntergeschneit." Neyer muss geholfen werden. Immerhin soll er im Herbst, dann als Ex-Landtagsabgeordneter und Lehrer, seinen Schülerinnen und Schülern wieder die Welt erklären.

Da wäre einmal der "Exil-Jude": Egger weiß natürlich ganz genau - oder er müsste sträflich dumm sein -, dass Loewy, geboren 1961 in Frankfurt, nie im Exil war. Loewys Eltern allerdings konnten dem Holocaust durch rechtzeitige Flucht nach Palästina entrinnen. "Exilant" ist im "nationalen" Lager eine Kodierung für "feig", für jene, die es sich nach Ansicht der blauen Ideologen und ihrer Anhänger im Ausland bequem gemacht hätten, während die "Kriegsgeneration" ihre vaterländische Pflicht erfüllt habe. Eine Vertreibungsgeschichte muss herhalten, um das Bild vom "feigen Juden" hervorzurufen.

Und Amerika? Egger weiß natürlich ebenso, dass Loewy nicht aus den USA stammt, sondern aus Frankfurt nach Hohenems gekommen ist - oder besser: als hochqualifizierter Museumsfachmann geholt wurde. Aber seit der "Campaign" der "Ostküste" kennt man in Österreich eben "Amerika" - schon einmal, als Kurt Waldheim 1986 als Bundespräsidentschaftskandidat antrat, reichten diese Wörter als Code für jüdische Geld- und Medienmacht zum Wahlsieg.

Soweit alles klar, Herr Neyer?

Die historische Dimension

Warum aber wundern sich Egger und Co darüber, dass plötzlich Schluss mit lustig zu sein scheint und sich Landeshauptmann Sausgruber ein Ende der Koalition mit der FPÖ zumindest vorstellen kann?

Ein Blick zurück: In Vorarlberg gelang es dem dominierenden katholisch-konservativen Lager jahrzehntelang nicht, die "Textilbarone" des Landes, somit die Wirtschaftselite, sowie Teile des dörflichen und städtischen Bürgertums für sich zu gewinnen. Sie waren anfänglich liberal eingestellt, drifteten aber an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Deutschnationalismus und benutzten wie die Christlichsozialen den Antisemitismus als politisches Agitationsmittel. Die finanzielle und ideelle Unterstützung zuerst der illegalen und dann der an der Macht befindlichen NSDAP durch Textilindustrielle (inklusive des Lohns in Form umfangreicher "Arisierungen") ist bestens bekannt.

Wichtig aber ist der politische Elitenwandel nach 1945: Genauso geschlossen, wie Vorarlbergs führende Industrielle vor 1945 dem deutschnationalen Lager zugerechnet werden konnten, gingen diese nun - mit mehr oder weniger Begeisterung - zur ÖVP. Dort finden wir nun Repräsentanten der größten Texilunternehmen des Landes: Das NSDAP- und SS-Mitglied Rudolf Hämmerle zum Beispiel wurde ÖVP-Nationalratsabgeordneter. Hermann Rhomberg, NSDAP-Mitglied, Chef des "NS-Musterbetriebs Franz M. Rhomberg" und von Vorarlberg bis Slowenien für Rüstungsaufträge zuständig, wurde Ehrenbürger von Dornbirn und gründete die Dornbirner Messe. Das NSDAP-Mitglied Hans Ganahl war in der NS-Zeit ebenso wie nach 1945 Chef der Handelskammer und wurde ÖVP-Landtagsabgeordneter. Dass sie alle 1945 erst einmal verhaftet und als "schwerbelastet" eingestuft worden waren, versteht sich von selbst. Dass sie schon ab 1946 politisch wieder "mitmischten", versteht sich nur aus dem damaligen politischen Machtkalkül: die wirtschaftlich Mächtigen nun an die ÖVP zu binden.

Kein Wunder daher, dass die Landesschwarzen trotz ihrer ungefährdeten absoluten Mehrheit die FPÖ beziehungsweise deren Vorläuferorganisation als politisches Schoßhündchen seit 1949 in der Landesregierung hielten. Berührungsängste gab es keine: Mit Elmar Grabherr war mehr als zwanzig Jahre ein ehemals fanatischer Nationalsozialist Landesamtsdirektor und somit der höchste Beamte des Landes - nebenbei auch Wortführer der völkischen Alemannenideologie.

Ähnlich die Situation im Kulturbereich: Die ehemalige NSDAP-Bereichsleiterin für Kultur und Propaganda, Natalie Beer, erhielt als einzige Schriftstellerin in Vorarlberg ein lebenslanges Stipendium. Ihre Weltanschauung verleugnete sie nie und meinte noch 1945, der Nationalsozialismus habe ein "starkes Erbe" hinterlassen: "Und ich schaue heute noch alle, die nachher wieder zum Kreuz gekrochen sind, als lautere Verräter an und lauter Leute, die einfach keinen Charakter hatten. Sie haben keinen Charakter." Einiges hat sich aber doch geändert. Neu ist, dass die blaue Rechnung mit dem Antisemitismus nicht aufzugehen scheint. Denn viele - nicht nur jüngere - Menschen im Land stellen sich unzweideutig und offensiv gegen diese Politik. Und die Chancen stehen nicht schlecht: Sogar der wertkonservative Teil der ÖVP mit dem Exponenten Herbert Sausgruber zeigt Wirkung und distanziert sich von der antisemitischen und (gesellschafts-)spalterischen Propaganda der FPÖ. Vorsichtig zwar, aber immerhin.

Nur der Herr Lehrer Neyer versteht die Welt nicht mehr.

 (Harald Walser, DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2009)

Zur Person

Dr. Harald Walser ist Abgeordneter zum Nationalrat und Bildungssprecher der Grünen.

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    G.S.I. Berger
    10
    Textilbarone

    Dass die Textilbarone immer schon die nähe der Macht suchten ist nix neues. Zuerst war es eben der K.u.K.-Franzl, dann der Nazi-Adi und heute haben sie sich bestens über die Parteien und die WKO organisiert. Die Sausgrubersche Aufkündigung des Fäkalpaktes mit der FPÖ ist allzu durchsichtig und reines politisches Kalkül. Die ÖVP hofft, den Preis für die Rechts-Inzucht am Wahltag nicht zahlen zu müssen. Ob zurecht, werden wir ja sehen...

    nachtflug71
    00
    31.8.2009, 23:38
    "Gepflegte rechte Tradition in Vorarlberg"

    die historische aufarbeitung ist gut gelungen. den wahrheitsgehalt kann ich so nicht prüfen, kann mir aber durchaus vorstellen, dass die ehemaligen funktionäre auch in einer neuen regierung wieder untergekommen sind. wenn ich mich richtig erinnere wurde auch ein SS-offizier von kreisky zum regieren benötigt und auch nicht alle bundespräsidenten (schon vor waldheim) waren ohne schuld.

    was mich aber doch erzürnt ist der titel der geschichte, dieser deutet darauf hin, dass dies immer noch gepflegt geduldet und ja: aktive betrieben wird.

    das ist schlicht und ergreifend eine frechheit. egger hat sich seine abfuhr abgeholt (hoffentlich auf bei den wahlen). nicht "verhalten" sondern sehr deutlich.
    der linke applaus dazu ist echt entbehrlich

    da dude
    10
    27.8.2009, 19:08

    Die Rechten neuerdings in den Standard-Kommentaren?

    systemfehler1
    517
    27.8.2009, 14:31
    Das Beste und Informativste,

    dass in letzter Zeit zu diesem Thema geschrieben wurde.

    Danke.

    Schnur
    25
    27.8.2009, 15:13

    Stimmt, ein wirklich ausgezeichneter Kommentar!
    Es geht eben nichts über grüne BILDUNGSSPRECHER mit Durchblick.
    UNBILDUNGSSPRECHER, Vertuscher, Lügner und Verschweiger haben wir ja noch und nöcher.
    Mehr Aufklärung, Ehrlichkeit und Wahrheit bräuchte das Land!

    Data100
    51
    27.8.2009, 17:54
    Was ist daran gut.

    Ein ganzes Land zu verunglimpfen? Eigentlich wird das doch immer den Rechten vorgeworfen. Wenn das Grün ist dann ist wohl alles verloren. Eigentlich sind die Grünen für begründete, sachliche Kritik bekannt nicht aber für das über einen Kamm scheren.

    Wers braucht.

    Buchstabierer
    01
    28.8.2009, 21:52
    Der Kommentar ist sehr gut

    Wenn man bedenkt, dass Herr Dr. Walser in den letzten 25 Jahren Unmengen an Fakten zu diesem Thema zusammengetragen hat, ist dieser Kommentar in seiner Dichte wunderbar gelungen.

    Ich fürchte aber, dass die schweizer Hilfe beim bildungsfernen Klientel besser ankommen wird.
    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/e... y/29971980

    an kog
    00
    28.8.2009, 08:41

    Wo sehen Sie hier das ganze Land verunglimpft?

    Soll man über die Vergangenheit und erklärende Zusammenhänge gefälligst schweigen, wenn sie nicht angenehm sind?

    Schnur
    02
    27.8.2009, 22:51
    Was heißt "verunglimpfen und vorwerfen?Das IST die grauenvolle Geschichte unserer Rechten und Nationalisten.

    Nehmen sie das zur Kenntnis. Die Geschichte von Menschen, die durch eine fremdenfeindliche und menschenverachtende Ideologie von kriminellen Psychopathen zu ENTmenschten Massenmördern wurden. Zu mordenden Bestien, wie sie nicht einmal im Tierreich zu finden sind, denn Tiere töten nicht aus niederen Gründen. 6 Millionen eiskalt ermordete Opfer, ein verheerender Krieg mit 60 Millionen getöteten Weltkriegsopfer, Krüppeln, Traumatisierten und Verletzten sollten ausreichen um zu denken und zu empfinden. Aus der Schande dieser Verbrechen, die noch unschuldige Generationen später belastet, ist gefälligst etwas zu LERNEN!

    Haben wir uns verstanden? Wenn nicht, suchen Sie schleunigst einen Notdienst auf. Dann fehlt Ihnen ein Kopf und ein Herz.

    r. g.4
    61
    27.8.2009, 14:57

    jetzt haben wir aber wieder gelacht, forumsclown.

    Kenny van Hummel
    33
    27.8.2009, 14:04
    Der Boden, in dem solche Saat gedeiht, wurde gut gedüngt und jahrelang mit Hingabe gepflegt - nicht nur von der FPÖ - Von Harald Walser

    könnte man auch falsch verstehen ;)

    Igor Gassner
    02
    27.8.2009, 13:53
    Solange ich lebe werde ich eine politik

    bekämpfen wo mit viel Geld eine künstliche Machtstruktur geschaffen wird, die sich eines der agressivsten Völker der Nachkriegszeit zu Nutze macht um weiter Menschen zu töten und zu unterdrücken es ist eine ehrenvolle Aufgabe gegen so etwas vor zu gehen und es ist ziemlich wurscht wie man bezeichnet wird denn es ist ein Gebot der Menschlichkeit solchen Missbraucht an Moral und Macht zu bekämpfen.

    an kog
    00
    28.8.2009, 08:44

    Welches ist jetzt noch einmal genau eines der "aggressivsten Völker" der Nachkriegszeit?

    Ein wenig gar "völkisch", Ihr Kommentar.

    Arbeiter11
    23
    27.8.2009, 13:07
    Die SPOE haette fast mit der FPOE in Salzburg koaliert

    und die OEVP hat jahrelang mit der FPOE regiert. Jetzt sieht man was das fuer Auswirkungen hat.

    Waehre de OEVP halbwegs vernuenftig wuerde Sie Graf abwaehrbar machen und Ihn mit Gruenen und SPOE rausscheissen aus dem parlament.

    Hamit_Hatemi
    62
    27.8.2009, 12:59

    Herr Walser, machen Sie es sich nicht zu leicht, wenn Sie Nationalsozialisten, Deutschnationale/-liberale und Christlich-Soziale zu einem Brei vermengen können?

    Ihnen wäre wahrscheinlich ein Vorarlbergerischer Hugo Tschaweß lieber, den wird es aber Gott sei Dank nicht geben.

    Hamit_Hatemi
    00
    7.11.2009, 12:38

    Die meisten hier wünschen sich einen Tschaweß?

    Na servas...

    Data100
    122
    27.8.2009, 12:35
    Oh Gott.

    Der Artikel liest sich wie eine Verschörungstheorie. Wenn das Objektiv sein soll dann weiss ich auch nicht mehr. So lässt sich doch alles herleiten. Hauptsache man kann ein ganzes Bundesland, wie schon die ganze Zeit Kärnten, abstempeln. Wo ist jetzt der Einzeltäter?

    Stahl_____666
    145
    27.8.2009, 12:26
    .

    Typisch grüner Berufs-Suderer-Artikel. Wenn die Vorarlberger Regierung tatsächlich so braun wäre würde es dort wohl kaum ein Jüdisches Museum geben. Wenn der Herr Loewy meint, er muss als Museumsleiter zur Vorarlberger Politik seinen Senf dazugeben, darf er sich nicht wundern wenn er dafür von kritisiert wird. So funktioniert Politik nun einmal. Und dann die Antisemitismuskeule zu schwingen ist ja nur mehr als feige zu bezeichnen.

    maximaxi
    01
    27.8.2009, 14:34
    Sie erleben eine Einschaltung der Neonazi-Verbreitungsseite „Alpen-Donau Info“.

    Dr. Harald Walser berichtet hier dankenswerterweise davon: http://haraldwalser.twoday.net/stories/5893417/

    mika33
    2412
    27.8.2009, 11:54
    Also ich empör mich nicht.

    Bitte nicht schreiben : Österreich empört sich.

    Der linke Teil Österreichs, die Beruf-Empörer empören sich.

    h 90
    31
    27.8.2009, 14:23

    mich empoers auch nicht

    christoph hofbaur
    05
    27.8.2009, 13:57

    wenn man sich zum thema sachlich nicht aeussern kann, muss man schnell thema wechseln.

    maximaxi
    04
    27.8.2009, 13:49
    "Beruf-Empörer"

    Aha. Geschädigte und Opfer hat man im Neoliberalismus ja wieder abgeschafft. Die für Gerechtigkeit, Rechtsstaat und die Verfassung eintreten, sind auch alles nur "Beruf-Empörer" oder "Linksextreme".
    Wie praktisch sind doch diese Ideologien!

    Porqué no te callas?
    30
    27.8.2009, 14:23

    jaja der "neoliberalismus". du hast probleme mit fremdwörtern, was?

    Thomas Haele
    13
    27.8.2009, 13:17
    falsch

    der demokratische teil empört sich. der facshistoide empört sich nicht.

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    Posting 1 bis 25 von 80
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