Spiel mit dem Feuer

26. August 2009, 19:16
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Man muss alle Politiker, auch in Budapest und Pressburg, vor der politisch motivierten Manipulation mit der "nationalen Karte" warnen

Dieser Tage erinnern die europäischen, vor allem die deutschen und österreichischen Medien an die Kette jener schicksalhaften Ereignisse, die am 1. September 1939 zu dem von Hitler-Deutschland entfesselten Krieg mit 60 Millionen Todesopfern führten. Der Zweite Weltkrieg, der Hitler-Stalin-Pakt und das zeitweilige Bündnis der Westmächte mit der Sowjetunion lösten dann jene tektonischen Änderungen aus, die die Spaltung Nachkriegseuropas, die Teilung Deutschlands und die Westverschiebung Polens bewirkten. Ohne Hitlers Krieg hätte es auch die bis 1989 währende sowjetrussische Vorherrschaft in Mittel- und Osteuropa nicht gegeben. Deshalb gibt es einen historischen Zusammenhang zwischen dem Überfall auf Polen 1939 und der Wende von 1989; deshalb prägt das komplexe Verhältnis zwischen Geschichte und Erinnerung bis heute die Außen- und Innenpolitik aller europäischen Länder.

Das gilt vor allem für die in der Form vielfältigen, aber im Grunde im gleichen Denken wurzelnden Erscheinungen des immer wieder auflebenden Nationalismus, Kleinstaaten-Imperialismus, Rassismus und Antisemitismus. Der jüngste Konflikt zwischen Ungarn und der Slowakei, die Begleichung alter Rechnungen zwischen den baltischen Staaten und dem großen Nachbarn Russland sowie der Grenzstreit zwischen den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Kroatien und Slowenien sind mahnende Beispiele dafür, wie dornenvoll und unsicher der Weg zu einer Friedensordnung im Osten bleibt.

Gerade vor dem Hintergrund des von Hitler entfesselten Infernos und des von Stalin betriebenen Massenmordes muss man jetzt alle Politiker, auch in Budapest und Pressburg, vor der politisch motivierten Manipulation mit der "nationalen Karte" warnen. Es ist für alle Seiten ein Spiel mit dem Feuer.

Natürlich war die Verweigerung der Einreise durch einen EU-Mitgliedstaat für den Präsidenten eines anderen, noch dazu benachbarten Landes eine unerhörte Ohrfeige der slowakischen Führung - auch für die über eine halbe Million Menschen zählende ungarische Minderheit in der Slowakei und für die ganze ungarische Nation. Das internationale Echo des unerhörten Schrittes war ebenso negativ wie die Einführung von Geldbußen für den öffentlichen Gebrauch der ungarischen Sprache unter gewissen Umständen. Zugleich weisen selbst in Ungarn liberale und europäisch gesinnte Beobachter auf die Provokationen der eigenen Seite hin. Beide Staaten gehören der EU und der Nato an. Trotzdem schüren die lautstarken Bemühungen mancher Budapester Politiker um die gemeinsamen Interessen "aller Ungarn im Karpatenbogen" nicht nur in der Slowakei, sondern auch in Rumänien und Serbien die Befürchtungen um den Schutzherrschaftsanspruch für die kompakten ungarischen Minderheiten in Regionen, die fast ein Jahrtausend lang Teile des durch das Diktat von Trianon 1920 amputierten Groß-Ungarn waren.

Nur eine konsequente Europäisierung, die Einschaltung der EU, könnte den Streit zwischen Budapest und Pressburg so entschärfen, dass die Rechte der Minderheiten ebenso wie die souveräne Staatlichkeit der Mehrheitsnationen respektiert und die Extremisten am Nord- und Südufer der Donau zurückgedrängt werden. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2009)

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