Linkes Bündnis will Merkels Höhenflug bremsen

26. August 2009, 19:05
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Am Sonntag wählt das Saarland. Linke und SPD planen die erste rot-rote Koalition im Westen. Ein Sturz von Regierungschef Peter Müller (CDU) soll auch Angela Merkel treffen und ihr den Endspurt im Wahlkampf erschweren.

"Oskar, mit meiner Tochter bitte auch noch!" Entschlossen schiebt der bärtige Herr einen etwas peinlich berührten Teenager an die Seite von Oskar Lafontaine. "Na klar, komm her, das müssen wir festhalten", sagt der Vorsitzende der Linkspartei, legt den Arm um das errötende Mädchen und lächelt in die Kamera.

Ruiiitsch - diese macht beim Auslösen ein Geräusch, das nur noch die älteren Semester kennen. Lafontaines Mitarbeiterin benützt eine Polaroidkamera, worüber man sich in der saarländischen SPD prächtig amüsiert - nach dem Motto: Diese veraltete Technik ist Sinnbild für Lafontaines "Politik von gestern". Der Chef der Linkspartei kennt die Sticheleien natürlich, aber sie kümmern ihn nicht. Seit Wochen tourt er durch das Saarland und beglückt das Wahlvolk mit signierten Polaroidfotos.

Auch in Friedrichsthal, unweit der Landeshauptstadt Saarbrücken, wo Lafontaine ein Sommerfest der Linkspartei besucht, will der Strom der Autogrammjäger nicht enden. Dieter Prenz stellt sich ebenfalls geduldig an. Er ist mit seiner Frau gekommen, die bei den Linken aktiv ist. Der Pensionist selbst ist Sozialdemokrat. "Ja, aber den Oskar find ich schon gut", sagt er. So läuft das im Saarland.

13 Jahre lang, von 1985 bis 1998, war Lafontaine hier Ministerpräsident - damals noch für die Sozialdemokraten. "Oskar" nennen ihn die meisten, selbst wenn sie ihn siezen. Seine Flucht aus der SPD, sein Kampf gegen sie - viele tragen ihm das nicht nach, sondern verehren ihn geradezu.

Im Bund liegt die Linkspartei in Umfragen bei elf Prozent, im Saarland kommt sie auf 16 bis 18 und Demoskopen räumen ein, dass am Sonntag die Zwanzig-Prozent-Marke leicht übersprungen werden kann. Dann läge die Linke nur knapp hinter der SPD, der 26 Prozent vorausgesagt werden.

Dass die Linke nur dritte Kraft wird, ist Lafontaine ganz recht. Denn eigentlich will er ja in der Bundespolitik bleiben, darf das aber natürlich nicht laut sagen. Und für sein großes Ziel ist es ohnehin egal, wer stärker wird. In seiner saarländischen Heimat will Lafontaine das erste rot-rote-Bündnis in einem westdeutschen Bundesland etablieren und die Linke auch im Westen salonfähig machen.

Schwieriger Strukturwandel

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Seit zehn Jahren regiert Peter Müller (CDU) das kleine Land an der französischen Grenze mit absoluter Mehrheit. Gut für ihn, dass der Wahlkampf im Sommer stattfindet. Müller mag Volksfeste, und die gibt es gerade in jedem Marktflecken. Bierzapfend und Feuerwehr-Kapellen dirigierend absolviert Müller seine Tour ganz mit dem Habitus eines Landesvaters.

Wo er auch hinkommt, lobt er die Arbeit seiner Regierung: "Nirgendwo in Deutschland sinkt die Arbeitslosigkeit schneller als im Saarland. Auch die Zahl der Schulabbrecher haben wir halbiert." Doch viele Wähler wissen auch: Das Saarland ist hochverschuldet. Trotz milliardenschwerer Bundessubventionen für den Strukturwandel vom Bergbau- zum Technologie-Land schwächelt die Wirtschaft. Daher wird Müller nicht nur seine absolute Mehrheit verlieren, sondern voraussichtlich so tief abstürzen, dass auch kein Bündnis mit der FDP zu schaffen ist.

Auf diesen Moment wartet SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas seit fünf Jahren. 2004 hat er es schon einmal gegen Müller versucht, das Ergebnis war verheerend. Im Bund war Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gerade dabei, seine Arbeitsmarktreformen durchzusetzen. Lafontaine, damals noch frustrierter SPD-Chef a. D., wetterte heftig dagegen, die Saar-SPD rutschte daraufhin von 44 auf 30 Prozent ab.

Auf Lafontaine ist Maas immer noch nicht gut zu sprechen. Überhaupt ist es ein schwieriges Verhältnis, schließlich war Maas einst unter Lafontaine Regierungsmitglied in Saarbrücken. "Der neue Mann" lässt sich Maas nun auf Wahlplakaten feiern. Soll heißen: Mit Lafontaine hat er nichts mehr zu tun.

Aber er braucht ihn doch, denn auf Maas, der erst 42 Jahre alt ist, lastet enormer Druck. Vier Wochen vor der Bundestagswahl soll er der darbenden Bundes-SPD zur Trendwende verhelfen. "Gelingt es uns, im Saarland den Ministerpräsidenten abzulösen, wäre es ein Signal", lässt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier aus dem fernen Berlin ausrichten. Ein Signal, dass die SPD doch Mehrheiten organisieren kann und nicht bloß die CDU mit ihrer Kanzlerin Angela Merkel auf der Siegerstraße ist.

Dafür muss Maas aber ein rot-rotes Bündnis, an dem auch die Grünen beteiligt sind, schmieden. Er ist dazu bereit. Anders als seine glücklose hessische Kollegin Andrea Ypsilanti hat er sich niemals strikt gegen eine Zusammenarbeit mit den Linken ausgesprochen. Im Gegenteil. Seine Devise lautet: "Wir halten uns alle Optionen offen." (Birgit Baumann aus Saarbrücken/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2009)

 

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    Kanzlerin Angela Merkel und Saar-Ministerpräsident Peter Müller (CDU) prosten sich vor der Wahl Mut zu.

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