Reaktion

"Zivilisatorische Grundlagen"

26. August 2009, 14:37

Hohenemser Erklärung gegen Antisemitismus

Hohenems - "Ein beispielhafter Text, der das Zeug zu einem historischen Dokument hat" ist für den Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, die Hohenemser Erklärung gegen Antisemitismus und Rassismus. Auf Initiative der SPÖ und der alternativen Fraktion "Die Emsigen" verabschiedete die Stadtvertretung Dienstagabend die Resolution als Reaktion auf die antisemitischen Äußerungen von FP-Landeschef Dieter Egger, der Loewy "Exiljude aus Amerika" genannt hatte.

Die Stadtpolitiker rufen auf, "daran mitzuwirken, dass alle Menschen ohne Ansehen der Person, insbesondere der Herkunft oder Religion, ohne Diskriminierung und auf dem Boden der unveräußerlichen Menschenrechte friedlich leben können". Dazu gehöre auch der Schutz vor verbalen Verletzungen, die den physischen immer vorausgingen.

Die vier FPÖ-Mandatare verließen unter Protest die Sitzung. "Äußerst peinlich für die FPÖ", findet Stadträtin Elisabeth Märk (SP). Sie versteht die Resolution als Leitbild für die Integrationspolitik. "In Hohenems hat das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen Tradition", verweist Märk auf die Geschichte der früheren jüdischen Landgemeinde und die Zuwanderung der letzten Jahrzehnte. Gemeinsam arbeite man am Integrationsprojekt "Zusammen leben in Hohenems", die Ausgrenzungspolitik der FPÖ sei da "pure Häme".

Für Loewy und das Jüdische Museum ist die Resolution Bestätigung und Ermutigung. Sie zeige, so Loewy, "den breiten Konsens darüber, dass zivilisatorische Grundlagen für alle gelten". Man habe in Hohenems, wo ein Viertel der Bevölkerung Zuwanderer sind, erkannt, dass man eine Gesellschaft nur gemeinsam aufbauen kann. Loewy: "Da weiß ich wieder, warum ich mich hier heimisch fühle."

 (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2009)

Resolution im Wortlaut:

"1. Die Stadt Hohenems hat mit Entsetzen und tiefer Sorge wahrnehmen müssen, dass von ihrem Boden aus Menschen mit antisemitischen und rassistischen Äußerungen aufs tiefste beleidigt, verletzt und mühsam verheilt scheinende Wunden neuerlich aufgerissen wurden. Dies trifft Hohenems besonders, weil es der einzige Ort Vorarlbergs ist, wo es eine langandauernde Jüdische Gemeinde gab. Das Jüdische Erbe ist für unsere Stadt über das Stadtbild und die kulturellen Einrichtungen hinaus auch für unser Bewusstsein konstitutiv.

2. Die Stadt Hohenems weist diese Äußerungen entschieden zurück und verurteilt sie als Störung des friedlichen Gemeinschaftslebens in der Stadt. Sie entschuldigt sich ausdrücklich - auch ohne eigenes ihr zurechenbares Verschulden - bei allen Menschen, welche durch diese Äußerungen getroffen oder auch nur betroffen wurden.

3. Die Stadt Hohenems blickt mit Stolz auf das, was in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in ihrer Stadt an Erinnerung an ihre jüdische Geschichte neu entstanden ist. Es ersetzt zwar nichts, dennoch dürfen wir feststellen, dass wir hier wieder einen Neuanfang gewagt haben, der sich immerhin in einem international geschätzten Jüdischen Museum Ausdruck schafft.

4. Die Stadt Hohenems sieht sich schon aus ihrer eigenen Geschichte veranlasst, alles zu unternehmen, damit Menschen unterschiedlicher Herkunft hier auch in Zukunft friedlich und gerecht zusammenleben können. Sie wird sich im Rahmen ihrer Jugend-, Kultur- und Bildungsaktivitäten diesem Ziel vermehrt zuwenden.

5. Die Stadt Hohenems ruft alle Menschen, die hier leben, dazu auf:

a) Daran mitzuwirken, dass alle Menschen ohne Ansehen der Person, insbesondere der Herkunft oder Religion ohne Diskriminierung und auf dem Boden der unveräußerlichen Menschenrechte friedlich leben können. Dazu gehört auch der Schutz vor verbalen Verletzungen, die den physischen immer vorausgehen.

b) Sich in ihren religiösen Gemeinschaften, in ihren Kirchen, Vereinen, Arbeitsstätten, Unternehmen, Initiativen und Parteien um die Verwirklichung einer toleranten und offenen Gesellschaft zu bemühen und sich dafür auch mit aller Kraft einzusetzen.

c) Sowohl in respektvoller Erinnerung an die leidvolle Geschichte der jüdischen Bürger unserer Stadt als auch aus dem allgemeinen Menschenrecht gegen jeden Totalitarismus, gegen Intoleranz und Rassismus aufzutreten und allen Verharmlosungen und allen Bestrebungen entschieden entgegen zu treten, mit denen die Ereignisse verharmlost und das Erinnern an sie verdrängt werden sollen.

Hohenems am 26. August 2009

Die Stadtvertretung von Hohenems" (red, derStandard.at, 26.8.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 32
1 2
lioniyu
 
11
27.8.2009, 16:31
endlich

höchst erfreulich, dass auch das andere Österreich endlich vernehmbar wird.
Es brauchte viel mehr so klare Bekenntnisse zu Toleranz und Demokratie wie die von Hohenems! In den Gemeinden, in den Ländern und auch auf Bundesebene.

Barney_Stinson
25
27.8.2009, 10:47
"Die vier FPÖ-Mandatare verließen unter Protest die Sitzung"

liebe FPÖ!

ich bitte um genaue ausführung gegen WELCHE punkte dieser resolution protest eingelegt wird.

oder geht das vielleicht nicht, ohne sich strafbar zu machen?

Lexibald
21
27.8.2009, 10:56
Ganz klar!

Für die FPÖ ginge das nur, wenn in der Resolution Schimpfworte antisemitischer Ausprägung enthalten wären, die die FPÖ dann nach eigener Auslegung zu Nicht-Schimpfwörtern erklären könnte

Chukche
13
26.8.2009, 22:54
Das Schlimme ist nur,

dass man sich angesichts der zahllosen Entgleisungen, Diffamierungen, Wiederbetätigungen und der damit verbundenen Gibts-nichts-Wichtigeres-Sagerei schon über eine solche Erklärung freuen muss!
Dass sie aber kam, verdient Respekt, weil man nicht mehr davon ausgehen kann, dass eine solche käme!

LeMik
14
26.8.2009, 19:52

gute sache!

ulli52
 
210
26.8.2009, 18:59
chapeau!

hohenemser stadtregierung
________
mögen viele eurem beispiel folgen

André Romano
32
26.8.2009, 18:30
Auch ...

... meinen Respekt!

Kalvarienberg
36
26.8.2009, 16:59
Respekt !

marc bygones
73
26.8.2009, 16:11

Noch deutlicher können diese Herren und Damen nicht zeigen, wo sie stehen.

Audio Video Pirate
00
28.8.2009, 14:48

+30% sind ihnen damit bei der nächsten Wahl sicher, denn nicht alle Österreicher lassen sich von Exil-Juden vorschreiben wie sie zu denken, wählen etc... haben .

marc bygones
01
27.8.2009, 11:16

Ich meinte natürlich die vier Herren und Damen der FPÖ oder hab ich mich unklar ausgedrückt und daher die roten Stricherl. Oder die roten Stricherl, weil ich Herren und Damen geschrieben habe.

God_of_the_Wind
25
26.8.2009, 15:55

zeigt großartig wiedermal welchen geistes kind die blauen herren (und damen?) sind

New Hampshire
86
26.8.2009, 15:55
Bedenklich

Wenn das Wort "Exiljude" antisemitisch, hetzerisch, rassistisch und beleidigend ist, dann läuft aber auch ein bisschen was verkehrt in unserem Land....und das sage ich als Freund des Staates Israel und seiner Menschen, die ich stets bewundert habe.

Es gibt seit neuestem einen Reflex, der gewisse Teile der Bevölkerung in Hysterie versetzt, sobald nur die Worte Jude, Moslem, Moschee, Integration, Schleier,...genannt werden.
Fallen diese Wörter läuft die Empörungsmaschinerie schon auf Hochtouren.
Es beginnt schön langsam eine Zeit, in der man gewisse Wörter (obwohl ganz harmlos eigentlich) nicht mehr sagen darf, ohne dafür in ein ganz unappetitliches Eck gestellt zu werden.

Exiljude ist genausowenig ein Schimpfwort wie Exilcubaner.

Ich sag dazu Folgendes:
 
37
26.8.2009, 21:43
Stellen Sie sich doch nicht dümmer als Sie hoffentlich sind.

Wenn Sie oder ich jemanden Exiljude nennen, wäre es möglicherweis nicht antisemitisch, hetzerisch, rassistisch und beleidigend. Weil wir das Wort möglicherweise rein beschreibend verwendeten. Egger WOLLTE beleidigen, hetzen, er wollte seinen Geisteskumpanen zeigen, dass er rassistisch und antisemitisch ist, weil das in seinen Kreisen als gut gilt. Das aufzuzeigen, ist kein Reflex, sondern notwendig, um sich nicht in die Riege derer einzureihen, für die Egger das genau so gesagt hat.

Stef Hoche
04
26.8.2009, 18:58
nichts verstanden

sie haben die ganze problematik nicht verstanden, oder? es geht darum, daß man einem exiljuden verbietet sein meinung zu äußern mit dem grundtenor er dürfe sich nicht äußern weil er jude sei. er hätte genau so gut sagen können, von dem deutschen lassen wir uns nichts sagen. hat er aber nicht weil er sich ja selber als deutscher sieht wahrscheinlich. also eindeutig antisemitisch...

ipunkt
27
26.8.2009, 16:58
darum geht es ja

egger hat diese wort als schimpfwort verwendet

skip it
02
26.8.2009, 15:55
gratulation...

...das selbstverstaendliche getan.

polsport
143
26.8.2009, 15:26
naja,

gibts keine wichtigeren Themen mit denen sich unsere Politiker beschaeftigen sollten?

skip it
35
26.8.2009, 15:57
och, doch: da waere zb...

...die aechtung des braunen bodensatzes auf allen gesellschaftlichen und politischen ebenen.

Joe_Chip
02
26.8.2009, 15:45

wichtiger als "wehret den Anfängen"? momentan nicht.

@T: Top! zeitnahe, konkret und ohne "kindergartenstreiterei (bitte, der hat aber auch...)" reagiert.

clemens65
28
26.8.2009, 15:41

Mit diesen s.g. "wichtigeren" Themen beschäftigen sich die p.t. Politiker sowieso.
Zeit wird's, daß sich die Politik auch mit "unwichtigen" Angelgenheiten befasst.


Mich wiedert Ihr Posting so sehr an, daß ich es nicht einmal bewerte.

Barney_Stinson
114
26.8.2009, 15:16
die kleineste und jüngste stadt vorarlbergs

beweist mehr rückgrad als jede landes- oder die bundesregierung.

und das ohne jede ampel in der ganzen stadt :-)

awesome stinson
03
26.8.2009, 16:40
moooooment...

...eine fußgänger-ampel gibt es auf der lustenauerstraße!! und nach fertigstellung der stadtspange wohl gleich mehrere mit dazu ;)

die resolution ist wirklich rasch verabschiedet worden. da kann man endlich wieder einmal stolz auf das kleine ems sein!! sonst streiten sich ja die herren und damen stadtvertreter gerne über jede kleinigkeit aus - hier wird demonstrative einigkeit gezeigt. vielleicht auch ein startschuss in eine kooperativere zukunft?! wir werden sehen...

dieDritteGeneration
00
26.8.2009, 16:17

Hohenems ist zwar mit gerade einmal 25 Jahren die jüngste Stadt (wenn auch mit einer 700-Jährigen Geschichte), aber nicht die kleinste, das ist nämlich Bludenz. Dafür dürfen die sich schon seit über 700 Jahren als Stadt bezeichnen.
Die erste Stadt Vorarlbergs, noch älter als etwa Wien, ist übrigens Feldkirch.

Barney_Stinson
00
27.8.2009, 10:56
ach so, eines hab ich noch vergessen

feldkirch als statt gibt es seit 1218. besiedelt wurde die gegend in der römerzeit und um 800 wurde der name erstmals erwähnt. (feldchircha)

bregenz ist um welten älter, bereits 1500 v. Chr besiedelt, und in der Keltenzeit ab 500 v. chr einer der am stärksten befestigten orte, weswegen er schon damals nach der göttin Bragantia benannt worden ist.

brigantium als stadt wurde nach der römischen eroberung um 5 v. chr erstmals erwähnt.



aber immerhin hatten sie damit recht, mir was das alter von hohnems angeht recht zu geben ;-)

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