"Euch G'sindl brauch ma da nit"

25. August 2009, 20:00
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Bei einem Konzert im Osttiroler Ainet vertrieben Ortsansässige eine Gruppe Roma - Auch Polizistensöhne sollen dabei gewesen sein

Ein Wiener Anwalt zeigte den Vorfall an und ist seither Ziel rechter Attacken.

Ainet/Wien – Die nächtliche Vertreibung der wahrscheinlich aus Frankreich stammenden Roma ist schon drei Wochen her, und laut dem Lienzer Bezirkspolizeikommandanten Silvester Wolsegger ist das, was damals geschah, ohnehin "strafrechtlich nicht relevant". Im Umkreis des Osttiroler Ortes Ainet jedoch melden sich immer wieder Zeugen, zuletzt in der Kleinen Zeitung, die berichten, Randalierer hätten damals rechte Parolen, wie "Zigeuner raus!" und "Euch G'sindl brauch ma da nit!" skandiert.

Anlass war ein Konzert der Kärntner Metalband Foxcocks auf dem Aineter Sportplatz am Abend des 1. August: Eine Gruppe Jugendlicher soll gegen Mitternacht auf die Wohnwagen der durchreisenden Manouche eingeschlagen haben. Manouche sind jene Roma, die vor allem in Frankreich, Deutschland und Oberitalien als "Fahrende" leben.

Jetzt meldet sich der Wiener Anwalt Josef Unterweger zu Wort: "Ein Anrufer in meiner Kanzlei, der seinen Namen nicht nannte, erzählte, dass Jugendliche und Erwachsene, Männer und Frauen, auf das Lager der Manouche losgegangen sind. Unter den später von der Polizei aufgegriffenen Jugendlichen sollen sich zwei Söhne von Polizisten befunden haben." Dieser heikle Umstand könne die bis dato zurückhaltenden polizeilichen Ermittlungen vielleicht mit erklären, meint er.

Unterweger ist nicht der Einzige, der einen Hinweis auf Polizistensöhne unter den Randalierern erhalten hat – während Bezirks-Polizeichef Wolsegger betont, nichts von derartigen Gerüchten zu wissen: "Ich höre das zum ersten Mal", sagte er zum Standard. Vielmehr habe sich in besagter Nacht ein Manouche beim Gendarmerieposten Lienz über den Konzertlärm beschwert: "Der Mann dürfte auch Angst vor Übergriffen gehabt haben." Daher habe der Posten Lienz sofort drei Polizeistreifen zum Sportplatz ins sieben Kilometer entfernte Ainet geschickt.

Bürgermeister bedauert

Vor Ort habe man fünf betrunkene Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren angetroffen, die noch in der gleichen Nacht als Zeugen befragt worden seien. Einer habe zugegeben, an die Wohnwagen geklopft zu haben. Also sei "eine Ver- waltungsstrafe möglich". Der Bürgermeister von Ainet, Karl Poppeller, bedauert den Vorfall. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund schließt er aus. Die Namen der Befragten kenne er aber nicht.

Das ist Unterweger zu wenig. Am 13. August hat er an die Staatsanwaltschaft Innsbruck eine Sachverhaltsdarstellung geschickt, in der er von einem "pogromartigen Vorgehen gegen Ausländer" schreibt. Die Staatsanwaltschaft möge wegen Körperverletzung durch Einschüchterung vor allem der Kinder, Nötigung, Sachbeschädigung, Gemeingefährdung, Landzwang und Verhetzung ermitteln. Das fordern auch Philipp Sonderegger von der Menschenrechtsgruppe SOS-Mitmensch und Andrea Härle von der Roma-Organisation Romano Centro. Anwalt Unterweger und die Organisation SOS-Mitmensch sind seit ihrer Forderung nach Aufklärung der Vorgänge in Ainet Ziel rechter Attacken im Internet. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) beobachtet die einschlägige Seite "Alpen-Donau-Info" schon seit längerem mit Besorgnis: Mit Aktualitätsanspruch, spezifischer Ästhetik und Rebellenpose werde versucht, den Neonazismus jugendkulturell zu verankern, warnt das DÖW.

Die Ermittlungen in Ainet dauern. Ergebnisse werde es in etwa einer Woche geben, heißt es im Polizeikommando Lienz. Roma-Sprecherin Härle fordert, die Behörden sollten nach den Vertriebenen suchen". Ihre Personalien waren nie aufgenommen worden. In der Nacht auf den 2. August hätten sie "eine sichere Fahrt" gewünscht", sagt Polizist Wolsegger – und diese auch bekommen, mit Polizeieskorte. (Irene Brickner, Verena Langegger, DER STANDARD Printausgabe, 26.08.2009)

  • Eine Neonazi-Site hetzt gegen Roma und Menschenrechtsorganisationen.
Für das DÖW zeigt das einen Generationenwechsel in der zunehmend
militanter agierenden Neonaziszene.

    Eine Neonazi-Site hetzt gegen Roma und Menschenrechtsorganisationen. Für das DÖW zeigt das einen Generationenwechsel in der zunehmend militanter agierenden Neonaziszene.

  • Anzeiger: Anwalt Josef Unterweger beklagt fehlendes Engagement der Behörden.
    foto: fischer

    Anzeiger: Anwalt Josef Unterweger beklagt fehlendes Engagement der Behörden.

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