"Die Skandale sind nur die Spitze des Eisbergs"

25. August 2009, 19:30
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Alan Colman ist einer der Väter des Klonschafs Dolly - Klaus Taschwer sprach ihm über Anwendungen seiner Forschung und Betrug in der Wissenschaft

STANDARD: Sie haben 1997 mit dem Klonen des ersten Säugetiers für eine wissenschaftliche Sensation gesorgt. Was war ein vergleichbarer Durchbruch in der biomedizinischen Forschung in den vergangenen Jahren?

Colman: Auf diese Frage gibt es einige mögliche Antworten - je nachdem, was man selbst gerade macht und für wichtig hält. Aus meiner eigenen Perspektive würde ich sagen, dass die Entdeckung der Reprogrammierung von Zellen zu sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) durch Shinya Yamanaka im Jahr 2006 den wohl wichtigsten Fortschritt markierte. Wobei Yamanakas Entdeckung ja einiges mit Dolly zu tun hatte.

STANDARD: Wie das?

Colman: Mit Dolly wurde erstmals gezeigt, dass man aus einer ausdifferenzierten somatischen Zelle durch sogenannten Zellkerntransfer ein Säugetier klonen kann. Wie Yamanaka selbst sagte, gab ihm das Optimismus, dass das schier Undenkbare doch klappen könnte: eben eine normale entwickelte Zelle komplett rückzuprogrammieren und daraus eine pluripotente Zelle zu machen, die sich wieder in alle möglichen anderen entwickeln kann.

STANDARD: Sie haben lange an embryonalen Stammzellen (eS) gearbeitet, sich nach der Bestätigung von Yamanakas Erkenntnissen aber ganz auf die iPS-Forschung verlegt. Ist die Forschung mit den ethisch umstrittenen eS überflüssig geworden?

Colman: Ich denke, dass wir immer noch nicht ganz sicher sagen können, dass iPS und eS im Wesentlichen identisch sind. Es gibt ein paar winzige Unterschiede, von denen wir nicht wissen, wie wichtig sie sind. Insofern sind eS zu Vergleichszwecken wichtig, quasi als "Reality-Check". Eine andere Frage ist, ob wir zusätzlich zu den bereits existierenden embryonalen Stammzelllinien noch neue brauchen. Die scheinen mir allenfalls für klinische Zwecke nötig, wo man eine größere "Reinheit" der Zellen braucht. Erst letzte Woche ist ein Antrag der Firma Geron aus diesen Gründen von der FDA, der US-Arzneimittelzulassungsbehörde, fürs Erste abgelehnt worden. Man muss in Zukunft abwägen, was es rechtfertigt, Embryos für neue Zelllinien zu zerstören.

STANDARD: Worin sehen Sie im Moment die größten Anwendungschancen für iPS?

Colman: Einerseits könnten sie als Modelle für das Studium von genetischen Krankheiten dienen, indem man an Zellen forscht, die man diesen Patienten entnommen und rückprogrammiert hat. Aber ob das auch funktioniert, weiß man noch nicht. Man kann sie andererseits aber auch für das Austesten von neuen Medikamenten verwenden, indem man unbegrenzte Mengen von bestimmten Zellen herstellt und diese den Wirkstoffen aussetzt. Anhand der iPS könnten sich aber auch neue Aufschlüsse in Sachen Krebsentstehung ergeben. Jedenfalls zeigt sich, dass Stammzellen und Krebs mehr miteinander zu tun haben dürften, als man früher einmal dachte.

STANDARD: Und wie sieht es mit Zelltherapien aus, an denen Sie selbst einige Jahre arbeiteten?

Colman: Das war ein sehr schwieriges und letztlich unbedanktes Feld. Es zeigte sich, dass das eine viel größere Herausforderung ist, als es das Klonen von Dolly war. Diese Schwierigkeiten haben sich durch iPS nicht verändert. Das trifft auch auf die Herstellung und Verpflanzung von Gewebe aus iPS-Zellen zu. Bei Diabetes oder Erkrankungen des Herzens wird es wohl noch sehr lange dauern, bis man da so weit ist. Bei bestimmten Krankheiten der Haut und des Auges könnte es allerdings schon relativ bald mit klinischen Tests klappen. Ein Kollege in London zum Beispiel arbeitet an Therapien für altersbedingte Blindheit. Da könnte es schon in zwei bis drei Jahren zu entsprechenden Erprobungen kommen.

STANDARD: Sie selbst sind vor einigen Jahren für Ihre Forschung nach Singapur übersiedelt, kürzlich wieder halb zurück nach London gegangen ...

Colman: ... und werde ab Mitte September wieder vollzeit in Singapur sein - und am King's College karenziert. London ist mit seinem ganzen kulturellen Angebot zwar eine fantastische Stadt zum Leben. Aber die Forschungsbedingungen in Singapur sind einfach besser.

STANDARD: Es sieht so aus, als ob Europa in der Stammzellforschung einen gewissen Aufholbedarf gegenüber den USA und Asien hat. Sehen Sie das auch so? Und woran liegt das?

Colman: Es stimmt, dass es da einen gewissen Rückstand gibt. Zum Teil liegt das sicher daran, dass es rund um die embryonalen Stammzellen in vielen Ländern Europas intensive ethische Debatten gab und gibt - sowie eine restriktive Gesetzgebung. Und die Länder mit einer liberaleren Haltung in Sachen Stammzellforschung scheinen auch mehr Geld in die Stammzellforschung zu investieren. Dazu gehört im Übrigen sogar das katholische Spanien, das mit Erwin Wagner einen hervorragenden österreichischen Forscher in diesem Bereich anwerben konnte.

STANDARD: Ethik spielt aber auch innerhalb der Forschung eine wichtige Rolle, worüber Sie diesen Samstag in Alpbach einen Vortrag halten werden. In der Stammzellforschung gab es mit dem Südkoreaner Hwang einen der größten Betrugsfälle. Inwieweit hat das der Forschung geschadet?

Colman: Die großen Skandale wie von Hwang sind nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt viele verschiedene Arten des kleinen Schwindelns - wie etwa Gastautorschaften. Viel davon hat es immer schon gegeben. Sogar Gregor Mendel scheint Daten zurechtgebogen zu haben. Wir Forscher dürfen nie vergessen, dass viel Forschung von der öffentlichen Hand finanziert ist. Wenn die Öffentlichkeit zu Recht über solche Skandale entsetzt ist, kann das negative Folgen für unsere Finanzierung haben.

STANDARD: Wie kann man dem vorbeugen? Ist die Einrichtung einer Agentur für wissenschaftliche Integrität, wie man sie vor kurzem endlich auch in Österreich gegründet hat, eine gute Vorsorgemaßname?

Colman: In Österreich gab es in den letzten zwei Jahren einige Skandalfälle, mit denen man nicht sehr glücklich umgegangen ist. Insofern ist eine solche Agentur sinnvoll. Es braucht einerseits sicher mehr Regulierung innerhalb der Wissenschaft. Andererseits können diese Regulierungen und Untersuchungen den Nachteil haben, die Forschung zu behindern - was letztlich auch schlecht für die Gesellschaft ist. Ich bin unschlüssig, was die beste Lösung ist. Ich sollte mir jedenfalls bis Samstag eine einfallen lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.08.2009)

Zur Person
Alan Colman studierte Biochemie in Oxford und Cambridge. 1996 gelang ihm mit Kollegen das erstmalige Klonen eines Säugetiers. Colman forscht heute am Institute of Medical Biology in Singapur. Am Montag referierte er am IMP über iPS, am Samstag wird er im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche einen Vortrag zum Thema "Vertrauen in die Wissenschaft?" halten.

  • "Es braucht sicher mehr Regulierung innerhalb der Forschung. Zugleich kann das den Nachteil haben, sie zu behindern, was auch schlecht ist." Alan Colman über Betrugsvorbeugung in der Wissenschaft.
    foto: standard/corn

    "Es braucht sicher mehr Regulierung innerhalb der Forschung. Zugleich kann das den Nachteil haben, sie zu behindern, was auch schlecht ist." Alan Colman über Betrugsvorbeugung in der Wissenschaft.

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