Neue Fragen an alte Scherben

25. August 2009, 19:23
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Die österreichische Archäologin Sabine Ladstätter gräbt seit 13 Jahren im türkischen Ephesos

Nach anfänglichen Schwierigkeiten als neue Grabungsleiterin geht Ladstätter anhand der Fundstücke dem Alltag der Bewohner sowie deren Gewohnheiten und Geschmäckern nach.

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Sabine Ladstätter spricht ganz passabel Türkisch. Wenn sie also mit ihrer fünfjährigen Tochter zu einem Spielplatz im dritten Wiener Gemeindebezirk geht, kommt sie immer wieder auch mit türkischen Eltern ins Gespräch. Die freuen sich zu hören, dass die Archäologin schon seit 1996 jeden Sommer in Ephesos gräbt. "Ich bin ein Gastarbeiter hier und du ein Gastarbeiter dort", scherzte einer der türkischen Spielplatzväter.

Gar nicht zum Lachen zumute war Ladstätter, als ausgerechnet ihr, die man mit gutem Gewissen als turkophil bezeichnen kann, im April 2008 der Vorwurf gemacht wurde, es gäbe in ihrem Umfeld Personen mit antitürkischer Einstellung. Der Hintergrund: Ende 2007 hatte eine Berufungskommission Ladstätter zur neuen Grabungsleiterin in Ephesos erkoren. Für sie waren diese Vorwürfe Teil einer Intrige, der Neid unter einigen der nachgereihten Kollegen sei groß gewesen. Schließlich sei die Grabungsleitung in Ephesos der prestigeträchtigste Job des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI).

Die türkischen Behörden verweigerten in der Tat die Bestätigung ihrer Berufung. "Wir haben dann eine Konstruktion gefunden, wonach ich die Arbeiten vor Ort leite und die türkischen Behörden das nach ein bis zwei Jahren evaluieren", berichtet Ladstätter.

Die Wogen haben sich mittlerweile geglättet, ihrer Karriere haben die Anschuldigungen nicht dauerhaft geschadet. Im Juni dieses Jahres wurde Ladstätter zur Direktorin des ÖAI ernannt, ab 1. Oktober wird sie die erste Frau auf diesem Posten sein.

Die gebürtige Kärntnerin hat wissenschaftlich bereits einige Meriten. So gelang es Ladstätter gemeinsam mit ihren Kollegen zu zeigen, dass das berühmte Hanghaus 2 in Ephesos sehr viel früher zerstört wurde als bislang angenommen, nämlich bereits durch das Erdbeben von 262 n. Chr. Damit war klar, dass die zahlreichen Wandmosaiken des Hauses aus dem dritten Jahrhundert stammen und nicht, wie bis dato geglaubt, aus der Spätantike. Diese Rückdatierung hat weitreichende Folgen, denn nun können ähnliche Wandmosaiken aus dem gesamten Mittelmeerraum neu datiert und interpretiert werden.

Antiker Take-away

Für die Bewohner von Ephesos war das Erdbeben von 262 eine Katastrophe, für die Archäologie erweist es sich als Glücksfall. Im Hanghaus 2 komme man den Menschen sehr nahe, sagt Sabine Ladstätter. Die Funde werfen ein Schlaglicht auf deren Alltag: Es gab etwa nur wenige Küchen, dafür aber tragbare Herde. Laut den Einkaufslisten wurde Essen häufig auf der Straße gekauft, der antike Take-away sozusagen.

In den Räumen finden sich marmorne Porträts der Eigentümer, an den Wänden zahlreiche Graffiti. Eigene Räume für den Kaiserkult zeigen, wie stark sich die Epheser mit dem römischen Kaiserreich identifizierten. Es fanden sich auch 15 Zentimeter große Terrakottafiguren von Gladiatoren, die die Beliebtheit dieser Spektakel belegen. "Etwas zugespitzt formuliert waren die Gladiatoren die Fußballstars von heute", erklärt Ladstätter.

Die Erforschung des Hanghauses 2 erlaubt freilich nur Einblicke in das Leben der Oberschicht. Wie die einfachen Menschen in der Vorstadt gelebt hätten, ist sehr viel weniger dokumentiert, bedauert die Archäologin.

Ladstätters Spezialgebiet ist die Keramik. Die Fundstücke der Grabung werden gewaschen, vermessen, fotografiert und in Gattungen wie Kochgeschirr eingeteilt. Blieb man früher bei der Typologisierung stehen - also etwa: italische Amphore -, stellen die Forscher heute ganz andere Fragen an die antiken Scherben: Gab es punkto Geschirr so etwas wie regionale Moden? Was lässt sich über den Keramikhandel der Zeit sagen? Wurden heimische Produkte gekauft oder wurde aus dem ganzen Mittelmeerraum importiert? Bei der Analyse hilft die Petrografie, die von einem OMV-Mitarbeiter vorgenommen wird. Der Gehalt an Schwermineralien gibt Hinweise auf die Herkunft des Rohmaterials.

So ergibt sich ein komplexes Bild an Strömen von Rohstoffen und Waren, neuen Herstellungsverfahren und sich wandelnden Geschmäckern. Nicht zuletzt deshalb, weil Ephesos mittlerweile über eine zentrale Datenbank verfügt, in die alle dort tätigen Grabungsteams ihre Funde einspeisen.

"So kann sich auch ein Außenstehender einen Überblick verschaffen", sagt Ladstätter und befürwortet eine "Open-Access-Politik". Argwöhnisch auf seinen eigenen Funden zu sitzen schade dem Wissensaustausch und damit dem Erkenntnisfortschritt. Und der Wissenschaftsfonds FWF, der einen Großteil der Forschung in Ephesos finanziert, schreibe ohnehin Open Access vor.

Vertrauensarbeit

Mehr Offenheit und Transparenz bedürfe es auch beim ÖAI. Dies sei für sie auch die Lehre aus den Vorfällen des Vorjahres, das für sie zum Crashkurs im Umgang mit Medien wurde. "Vieles ist auf Defizite in der Informationsarbeit zurückzuführen. Mittlerweile haben wir durch eine enorme Arbeitsanstrengung viel Vertrauen hier in der Türkei zurückgewonnen", so Ladstätter. Dies gelte nicht nur für die Kommunikation mit den türkischen Behörden, sondern auch mit der Bevölkerung vor Ort, die man mit Tagungen und Vorträgen über die Arbeit in Ephesos informiert. Etwa darüber, dass die Stadt keineswegs bereits im 7. Jahrhundert aufgegeben wurde, wie heute noch in allen Handbüchern zu lesen steht, sondern zumindest Teile der antiken Großstadt bis ins 14. Jahrhundert bewohnt waren.

Auch in Österreich will Ladstätter verstärkt auf die Öffentlichkeit zugehen. Schon jetzt nutzt sie ihre Vorträge in Volkshochschulen dazu, ihrem Publikum nicht nur etwas über das Ephesos von gestern, sondern auch über das Selçuk von heute zu berichten, der Stadt in der Nähe der antiken Metropole. Die Archäologin möchte dem in der österreichischen Diskussion oft so negativ besetzten Bild der Türkei etwas entgegensetzen.

Und so erzählt sie nicht nur vom großen kulturellen Erbe Ephesos', das allen gehöre, von Hanghäusern, Amphoren und Erdbeben, sondern auch von der türkischen Gastfreundschaft und Herzlichkeit, nicht zuletzt auf Spielplätzen.

Sabine Ladstätter leitet am 27. 8., 20.00-21.30, im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche die Diskussionsrunde "Blick in die Vergangenheit, das Rätsel unserer Herkunft" (Congress Centrum Alpbach). (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 26.08.2009)

  • Das etwas andere Fundstück aus Ephesos: Ein antiker Wegweiser zu einem Bordell.
    foto: ullstein-bild/picturedesk.com

    Das etwas andere Fundstück aus Ephesos: Ein antiker Wegweiser zu einem Bordell.

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    Sabine Ladstätter leitet ab 1.Oktober das Archäologieinstitut.

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