"Es hat geheißen: Wir haben gewonnen"

    25. August 2009, 19:07
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    Laut Sporthistoriker Rudolf Müllner ließ Toni Sailer ein Wir-Gefühl entstehen. Sailer schloss eine Klammer vom Westen nach Wien, setzte "intuitiv den Schritt Richtung Beckhamisierung des Sports". Mit Müllner sprach Fritz Neumann

    Standard: Was hat Toni Sailer dargestellt, verkörpert, bedeutet?

    Müllner: Der Sailer war nicht nur wegen seiner drei Olympiasiege eine ganz außergewöhnliche Figur in der österreichischen Sportgeschichte. Er war, so kurz nach dem Staatsvertrag, die wirkmächtigste Figur zur Identitätsfindung. Er hat dem Land Identität gegeben.

    Standard: Dafür hat er in diesem Land Skifahrer sein müssen, oder?

    Müllner: Der Sport, dem das gelingt, muss massenfähig sein. Dafür wäre nicht nur der Skisport, sondern auch der Fußball infrage gekommen. Der Fußball zu der Zeit war aber sehr stark Wien-lastig.

    Standard: Das Fußballteam hatte 1954 den dritten WM-Platz belegt.

    Müllner: Retrospektiv ist das ein Wahnsinn, aber damals wurde dieser dritte Platz als Niederlage gewertet. Und so war's der Sailer, der auch die Klammer geschlossen hat vom Westen nach Wien.

    Standard: Was den Deutschen ihr Fußball-WM-Titel 1954, war Sailer also den Österreichern?

    Müllner: Das kann man durchaus vergleichen. Es ist ein Wir-Gefühl entstanden. Es hat geheißen: Wir haben gewonnen. Wir, das war der Sailer. Und wir haben die Russen geschlagen. Das war den Leuten damals besonders wichtig. Sie brauchten Selbstvertrauen, sie mussten es selbst schaffen. Sailer war das Vorbild, er hatte Selbstvertrauen, und er zeigte vor, dass man es selbst schaffen kann. Er war ja Spengler, und er ist nicht zufällig sehr oft als kleiner, braver, fleißiger Handwerker dargestellt und beschrieben worden. Ein Spengler legt das Blech aufs Dach eines ansonsten fertigen Hauses, das hat damals ausgezeichnet zum Bild gepasst, das Österreich insgesamt abgegeben hat. Sailer war schnell, ein Modernisierer, er war fröhlich und fesch, ein natürlicher Mensch. Und dann ist er noch ins Filmgeschäft gegangen.

    Standard: War's wichtig, dass dieser Impuls eben nicht vom Wasserkopf Wien ausgegangen ist?

    Müllner: Österreich war ja nicht nur in Zonen eingeteilt, sondern auch in die Stadt, Wien, und den Rest, den die Stadt als großen Bauernhof wahrgenommen hat, der sie versorgt. Plötzlich waren die Berge wichtig, die Ski-Erfolge trugen zum Aufkommen des Wintertourismus, zum Bruttoinlandsprodukt bei. Sailer wurde schnell zum Fremdenverkehrs-Außenminister.

    Standard: Wenn man so will, bilden die Helden Sailer, Schranz, Klammer und Maier gemeinsam mit der Heldin Pröll eine Kette. Ist Sailer nicht nur ihr Ausgangs-, sondern auch schon ihr Höhepunkt?

    Müllner: Das würde ich nicht so sehen. Alle diese Figuren stehen für etwas ganz Spezielles. Sportliche Erfolge sind nur die Basis, doch es geht um Geschichten und Emotionen, die in die jeweilige Zeit passen. Sailer ist nur aus den Fünfzigern heraus zu verstehen. Die Geschichte von Schranz hat vielleicht noch mehr Aussagekraft, weil sie österreichischer ist, eigentlich eine Verlierergeschichte. Sailers Geschichte ist eine Siegergeschichte. In den Siebzigern hätte sie vielleicht nicht so funktioniert.

    Standard: Wie Schranz hatte schon Sailer ein Problem mit dem Amateur-Paragrafen. Anders als Schranz trat er zurück, um in der Filmbranche Geld zu verdienen.

    Müllner: Er ist damit ein ziemliches Risiko eingegangen. Sailer hat intuitiv den Schritt Richtung Beckhamisierung des Sports gemacht. Erst jetzt, fünfzig Jahre später, ist der Sport dort angekommen.

    Standard: Wie stark war Sailer auf Massenmedien angewiesen?

    Müllner: Zu Sailers Zeiten war das Fernsehen noch nicht sehr verbreitet. Er war der Radio-Star, Schranz war der Fernseh-Star. So oder so hatte man damals einen Sender, jetzt sind's 120. Es ist aber auch der Identitätsbedarf nicht mit jenem zu Sailers Zeiten vergleichbar. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 26.8. 2009)

    ZUR PERSON:

    Rudolf Müllner (49), Sporthistoriker an der Universität Wien. Letzte Publikation: "Sport Studies. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung" (gemeinsam mit Matthias Marschik, Georg Spitaler und Otto Penz). Foto: Archiv

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