Falsche Empörung

25. August 2009, 18:04
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In diesem sinnlosen Streit hat sich Israel noch viel stärker ins Unrecht gesetzt

Antisemitismus ist die Erbsünde der europäischen Zivilisation. Deshalb ist ein Gräuelbericht wie jener im schwedischen Boulevardblatt Aftonbladet über den angeblichen Organraub israelischer Soldaten an Palästinensern heikler als andere journalistische Fehlleistungen. Denn es erinnert an alte antijüdische Klischees.

Es mag auch stimmen, dass der schwedischen Regierung das Krisenmanagement von Anfang an missglückt ist. Zuerst eine Verurteilung der Botschafterin, dann ein Rückzieher des Außenministers - wie einst beim Umgang Dänemarks mit den Mohammed-Karikaturen hat ungeschicktes Vorgehen die Emotionen der Betroffenen weiter angeheizt.

Dennoch hat sich in diesem sinnlosen Streit Israel noch viel stärker ins Unrecht gesetzt. In einer freien Gesellschaft muss sich, ja darf sich eine Regierung nicht für das entschuldigen, was unabhängige Medien schreiben. Auch eine Verurteilung steht ihr nicht zu. Das ist die Aufgabe der Gerichte auf Grundlage des nationalen Presserechts.

Dazu kommt, dass der Aftonbladet-Artikel viel mehr Ausdruck von Sensationslust als von Antisemitismus ist. Die Empörung der israelischen Regierung ist künstlich aufgebauscht. Gerade weil sich Israel als normale westliche Demokratie betrachtet, kann es nicht, wie es Diktaturen gerne tun, einen speziellen Schutz vor medialer Kritik oder auch Verleumdung verlangen. Und 65 Jahre nach dem Holocaust sollte das Verhältnis zwischen dem jüdischen Staat und der europäischen Zivilgesellschaft nicht nur von Schuld und Sühne geprägt werden. Das wäre auch in Israels Interesse. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2009)

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