Trotz Schutzdamm sinkt Venedig dem Untergang entgegen

25. August 2009, 17:43
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Studie zeichnet düstere Zukunft der Lagunenstadt: Meeresspiegel und Absinken machen Regierungsprojekte unwirksam

Venedig - Venedig könnte trotz aufwändiger Schutzmaßnahmen letztlich dem Untergang geweiht sein. Eine Studie des Instituts für Meereswissenschaften in Venedig, die in der Zeitschrift Climate Dynamics veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Lagunenstadt am Ende des Jahrhunderts fast täglich von Überflutungen geplagt sein wird.

Die Forscher um Laura Carbognin stellten Daten zum langsamen Absinken des Unterbodens der Stadt den Prognosen des Weltklimarates (IPCC) für den Meeresspiegel-Anstieg in der nördlichen Adria gegenüber, der infolge des Klimawandels zu erwarten ist. Bisherige Maßnahmen zur Verhinderung von Überschwemmungen, die derzeit mit großem Aufwand erstellt werden, könnten aufgrund der steigenden Gezeitenhöhe langfristig wenig Schutz bieten, geben die Wissenschaftler zu bedenken.

25 Zentimeter im 20. Jahrhundert

Der Untergang Venedigs ist ein Prozess, der schon seit längerem im Laufen ist. Der Unterboden der auf Holzpfählen errichteten Häuser sank im 20. Jahrhundert um zwölf Zentimeter. Gemeinsam mit dem ebenso hohen Anstieg des Adria-Meeresspiegels stieg das relative Meeresniveau der norditalienischen Stadt seit 1900 damit um 25 Zentimeter.

Die Folgen sind heute siebenmal häufigere Hochwasser und bereits ernste Schädigungen der Bausubstanz der Weltkulturerbe-Stadt. Laut den italienischen Forschern wird das Absinken im 21. Jahrhundert beschleunigt und beträgt zwischen 17 und 53 Zentimeter, wodurch die Hochwasserereignisse weiter zunehmen werden.

"Konservative" Schätzung

Als Hochwasser gilt in Venedig, wenn das Meeresniveau bei Flut um über 110 Zentimeter steigt, was derzeit rund viermal pro Jahr passiert. 2100 könnte dies zwischen 20 und 250 Mal der Fall sein, was die Studienautoren als "unhaltbare Aggression für das Stadtbild" bezeichnen. Es könnte jedoch noch schlimmer kommen. Vivien Gornitz, Klimatologin der US-Raumfahrtsbehörde NASA und eine der Autoren IPCC-Berichts, bezeichnet die Schätzungen Carbognins als "konservativ" und befürchtet ein noch deutlicheres Absinken der Stadt. Die Meeresspiegel würden bereits bisher schneller ansteigen als dies der IPCC vorausgesagt hat.

Das stellt die Nachhaltigkeit des MOSE-Projekts in Frage, mit dem die italienische Regierung ab 2014 durch 78 gigantische mobile Deich-Module die Laguneneingänge bei Bedarf abschließen will. "Steigen die Meere um mehr als 26 bis 53 Zentimeter bis 2100, wie Carbognin angenommen hat, wird MOSE, das nur mit 60 Zentimeter Meeresanstieg zurecht kommt, nicht zum Schutz der Stadt ausreichen", so Gornitz.

Ergänzungen nötig

In gleichem Ton hinterfragen auch die Studienautoren das Projekt: "Ergänzungen zu heutigen Projekten sind dringend notwendig. Auch wenn sich der Meeresanstieg nicht plötzlich vollziehen wird und zu hoffen ist, dass die Prognosen in Zukunft noch genauer werden, sind Pläne zur besseren Hochwasserabwehr in Venedig für Zeiten mit höherem Meeresspiegel jetzt schon dringend notwendig."

Als eine Möglichkeit sehen die italienischen Forscher, Meereswasser in tiefe Gesteinsschichten, die 700 Meter unter der Stadt liegen, zu pumpen. Modelle hätten gezeigt, dass man dadurch in zehn Jahren Venedig um 30 Zentimeter heben kann. Denn die übermäßige Grundwasserentnahme zur Deckung des Bedarfs in der Stadt war bisher ein Hauptgrund für das Absinken der Lagunenstadt. (red/pte)

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    Die Prognosen für die Lagunenstadt sind düster: Trotz technisch aufwändiger Schutzmaßnahmen könnte Venedig bereits am Ende des Jahrhunderts fast täglich Überflutungen ausgesetzt sein.

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