Die wahren Dompteure der Heuschrecken

25. August 2009, 17:22
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In den größten deutschsprachigen Theaterhäusern wird alles anders - Ein Rundblick von Hamburg bis nach Zürich

Wien - Intendanzwechsel an den großen deutschsprachigen Theaterhäusern gehen meist mit Proklamationen einher: Kein neuer Intendant, keine frischgebackene Intendantin lässt es sich nehmen, die eigenen Theaterabsichten mit einer wahren Flut von Verkündigungen zu untermauern.

Joachim Lux, zuletzt Chefdramaturg an der Wiener Burg, macht den größten Karrieresprung in einer an Intendantenrochaden wahrlich nicht armen Spielzeit: Er folgt Ulrich Khuon als Chef des Hamburger Thalia Theaters nach. Lux beruft sich im Katalog zur neuen Saison auf Lessings Hamburger Erbe. Er mahnt beim hanseatischen Publikum Neugier an - und stellt seinen Hausautor Ilija Trojanow als Gewährsmann für Weltoffenheit bewusst in die Auslage.

Lux hat tatsächlich aufgerüstet wie ein Champions-League-Fußballklub: Der Flame Luk Perceval agiert als leitender Regisseur, Elfriede Jelinek ist die vielleicht fruchtbarste Impulsgeberin.

Nach einer Eröffnung mit Open House präsentiert Perceval am 4. September die Clan-Geschichte Die Kennedy-Trilogie, ehe der nämliche Regisseur (Perceval) je eine Arbeit von Ingmar Bergman (Nach der Probe) und Shakespeare (Othello) hinterherschickt. Inszenierende Aktivkräfte des Hauses sind Nicolas Stemann und Jan Bosse, überdies Jette Steckel und Christiane Pohle. Für 4. Oktober wird eine Jelinek-Uraufführung angekündigt: Stemann präsentiert die Abraumhalde Nathan, einen Tag nach einer von ihm inszenierten Nathan der Weise-Produktion.

Das ungleich schwerer zu bespielende Hamburger Deutsche Schauspielhaus unter Friedrich Schirmer stellt sich mutig der neuen Herausforderung. In seiner Saisonvorschau bespiegelt es den Begriff der "Krise" - und schmilzt ihn nicht ganz unerwartet in ein Qualitätsprädikat um. Gleich am 17. September zeigt der Kärntner Martin Kušej seine Version von Ibsens Baumeister Solness. Weitere Saisonvorhaben schließen Uraufführungen von Alexander Kluge und René Pollesch ein - und verheißen eine Erstaufführung von Simon Stephens: Punk Rock (18. März 2010, Regie: Daniel Wahl).

Khuon, der vielleicht meistgelobte Intendant des vergangenen Jahrfünfts, wechselt seinerseits an das ruhmreiche Deutsche Theater in der Berliner Schumannstraße: In seiner verschriftlichten Antrittsrede (Katalog Seite 4) erinnert er an das "tastende und meist auch Besitz ergreifende Vordringen in die Fremde" . Irgendwie habe die globale Weltgesellschaft ihren Fokus verloren - es würde besinnungslos gehandelt, ohne die Konsequenzen des je eigenen Tuns zu bedenken.

Koloniale Albträume

Die Saison wird daher von Regisseur Andreas Kriegenburg eröffnet, der Joseph Conrads Kolonial-Albtraum Herz der Finsternis für die Bühne adaptiert. Besagter Regisseur, ein ausgewiesener Vielarbeiter, schickt gleich selbst einen Prinzen Friedrich von Homburg (Kleist) hinterher. Uraufgeführt wird das Lukas-Bärfuss-Stück Öl über die unheilvolle Verstrickung Europas in die Geschicke der Dritten Welt (Regie: Stephan Kimmig, Premiere: 18. September). Kein Zufall auch, dass man über Aufsteigernamen wie Jette Steckel oder David Bösch stolpert - von "alten" Regie-Meistern wie Stemann oder Dimiter Gotscheff zu schweigen.

In Frankfurt tritt Oliver Reese die Nachfolge der Österreicherin Elisabeth Schweeger an: Reese begrüßt nicht nur via Katalog "sehr herzlich" sein Publikum, er stellt auch fest: "Vieles wird anders, wird neu sein - das fängt mit den Menschen an und hört bei den Räumen nicht auf." Die bekannten Namen schließen Regisseur Michael Thalheimer ein: Er inszeniert zum Auftakt Ödipus/Antigone nach Sophokles (1. Oktober). Der vergessen geglaubte Michael Simon stellt Cabaret nach; aus einer Flut von Premieren ragen Arbeiten wie Roland Schimmelpfennigs theatralische Nachstellung des Weißen Albums der Beatles reizvoll hervor. Hübsch auch: Stadt aus Glas, von Bettina Bruinier nach Paul Auster in die Kammerspiele gestemmt.

Neu positionieren will sich nach Matthias Hartmanns Abgang nach Wien das Schauspielhaus Zürich: Barbara Frey lässt gleich zum Auftakt Stefan Bachmann den Gottfried-Keller-Roman Martin Salander inszenieren (Premiere: 18. September). Bereits einen Tag vorher wuchtet die inszenierende Direktorin Schillers Maria Stuart in den Schiffbau hinein. Neben Regisseuren wie Sebastian Nübling oder Frank Castorf (Der Hofmeister von Lenz, 14. Jänner 2010) machen auch Rimini Protokoll ihre Aufwartung: Heuschrecken hat am 19. September Premiere. Martin Kušej begibt sich übrigens unter die Uraufführer: Im Mai kommenden Jahres hebt er ein Lukas-Bärfuss-Stück in Zürich aus der Taufe. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 26.08.2009)

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    Wechselte aus Hamburg nach Berlin: Ulrich Khuon.

  • Bewegt den Zürcher Tanker: Barbara Frey.
    foto: schmidt/epa

    Bewegt den Zürcher Tanker: Barbara Frey.

  • Ging von Wien an das Hamburger Thalia: Joachim Lux.
    foto: corn

    Ging von Wien an das Hamburger Thalia: Joachim Lux.

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