Held des Versuchsprogramms

25. August 2009, 16:11
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1956 wurde Toni Sailer der erste TV-Sportstar der Nation

Draußen ratterte quietschend eine Garnitur der Straßenbahnlinie 360 vorbei, als Ende Jänner 1956 im Extrazimmer eines Gasthauses am Stadtrand von Wien die Eurovisionshymne erklang. Aus der ganzen Umgebung strömten die Menschen herbei, um Toni Sailer und die anderen Ski-Asse aus Kitzbühel bei den Olympischen Spielen in Cortina d'Ampezzo siegen zu sehen.

Grau in Grau und verschneit waren die Bilder auf der Mattscheibe, auf der es dennoch spannend zuging wie beim Showdown eines Edelwesterns. Mit flatternder Zipfelmütze und unter den Knien festgebundenen Keilhosen stürzte sich Sailer beim Abfahrtslauf ins Tal; er brauchte um 3,5 Sekunden weniger Zeit als der zweitplatzierte Raymond Fellay aus der Schweiz.

Im Riesentorlauf nahm er dem Silbermedaillengewinner Anderl Molterer mehr als sechs Sekunden ab, im Slalom lag er vier Sekunden vor dem Japaner Chiharu Igaya. Das gab es bei Winterspielen vorher noch nie: Sailer hatte dreifaches Alpin-Gold gewonnen, und, weil es zugleich eine WM war, den Kombinationstitel dazu.

Erstmals wurden in diesem Jahr Bewerbe Olympischer Winterspiele im Fernsehen übertragen. In Österreich hatte im Jahr davor, gleich nach der das ganze Land begeisternden Unterzeichnung des Staatsvertrags, die Ausstrahlung eines "Versuchsprogramms" begonnen. Fernsehempfänger hatte noch kaum jemand zu Hause, und so gingen alle in Kinos oder in Gaststätten, wo sie in verrauchten Hinterzimmern die Rennen verfolgten.

Sailer war erfolgreichster Sportler dieser Spiele, insgesamt kam Österreich im Medaillenspiegel hinter der UdSSR auf Rang zwei. Die von Krieg und Nachkriegsmisere bedrückten Österreicher mag das in patriotische Hochstimmung versetzt haben. Ein damals Siebenjähriger ging eher nach der Sympathie. Da war der lustig wirkende Molterer Sailer mindestens ebenbürtig. Und es gab auch noch den traurigen Clown Ernst Hinterseer, der erst 1960 in Squaw Valley Gold holte. Toni Sailer war da als Rennläufer schon nicht mehr dabei. (Erhard Stackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 26.8. 2009)

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