Die "Good Enough"-Revolution

25. August 2009, 13:46
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Flip-Camcorder und MP3 haben den Weg bereitet, nun folgen Mikro-Kliniken und E-Rechtsberatung

Netbooks, die gerade soviel Leistung bieten, um damit im Web zu surfen, E-Mails zu schreiben oder Textverarbeitungs-Software laufen zu lassen, haben einen Trend zu günstigen Geräten mit abgespeckten Features begründet - möchte man meinen. Doch in Wahrheit sind sie nur eine konsequente Fortsetzung eines Technologie-Trends der vergangenen Jahre, den Wired-Autor Robert Capps als die "Good Enough Revolution" bezeichnet.

Billig, einfach, ständig verfügbar

Einer der ersten "Good Enough"-Revulutionäre ist das vor kurzem von Cisco gekaufte Unternehmen Pure Digital. Mit dem Flip-Camcorder hat der Hersteller 2007 eine Videokamera auf den Markt gebracht, die die drei maßgeblichen Eigenschaften dieses Trends in sich vereint: sie ist billig, sie ist einfach zu bedienen und sie macht Videoaufnahmen dank ihrer geringern Größe jederzeit verfügbar. Zusammen mit der wachsenden Popularität von YouTube hat es die Flip-Kamera in den USA auf 17 Prozent Marktanteil gebracht.

Hier und jetzt wichtiger als Perfektion

Die Anforderungen an Technologie-Produkte für den Massenmarkt haben sich verändert. "Wir bevorzugen nun Flexibilität statt High Fidelity, Bequemlichkeit statt Features, schnell und schmutzig statt langsam und aufpoliert", fasst Capps zusammen. Das hier und jetzt sei viel wichtiger geworden, als Perfektion. Viele Nutzer nehmen in Kauf, einen neuen Film als erste auf einem PC-Monitor in schlechter Qualität von der Leinwand abgefilmt zu sehen, als darauf zu warten, bis man Zeit hat, ins Kino zu gehen.

Nutzer gewöhnen sich an dünnen MP3-Sound

Ein gutes Beispiel dafür sei laut Wired auch das MP3-Format. Die Klangqualität der komprimierten Musikdateien kann mit CDs oder Vinyl nicht mithalten, dennoch hat das Format die Musikindustrie auf den Kopf gestellt. Denn Musikdateien können damit in großer Menge gespeichert werden - sei es nun am Rechner oder auf dem MP3-Player - und sie können ins Internet und aus dem Web geladen werden. Es gebe bereits Untersuchungen, wonach sich Konsumenten langsam an den schlechteren MP3-Sound gewöhnen und ihn als normal für Musik empfinden.

Web-Anwendung statt installierter Software

Das "Good Enough"-Prinzip stehe auch hinter Cloud Computing. Anstatt umfangreiche Software zu kaufen und am Rechner zu installieren, geht man hier in die Richtung Web-Anwendungen zu nutzen, die gerade das erforderliche Maß an Funktionen besitzen. Word beispielsweise ist ein enormes Tool, doch die meisten Nutzer benötigen die Vielzahl an Funktonen nicht, ja wissen teilweise gar nicht, was Word alles kann. Das hat Microsoft bereits mit der Einführung von Office 2007 mit einer einfacheren Benutzeroberfläche zu adressieren versucht. Doch da Google immer stärker auf sein Online-Applikationen zu Textverarbeitung und Co setzt und mit Chrome OS auch eigenes Cloud-Betriebssystem angekündigt hat, muss Microsoft nachziehen und will mit Office 2010 ebenfalls Online-Versionen der bekannten Büro-Programme zur Verfügung stellen.

Drohnen

"Good Enough" ist aber laut Wired nicht mehr nur auf Consumer-Technologie beschränkt. So setzt das US-Militär verstärkt auf unbemannte Drohnen wie den MQ1-Predator, der zwar weder so hoch noch so schnell wie bemannte Kampfjets fliegen kann, aber günstiger zu produzieren ist und schneller verfügbar ist. In den vergangenen Jahren habe der Predator bereits 250.000 Flugstunden nahezu vollständig in Kampfeinsätzen absolviert.

Rechtsberatung im Web

Und auch im juristischen Bereich und der Gesundheitsversorgung gibt es Tendenzen zu "Good Enough". Capps berichtet von einem US-Anwalt, der Web-Applikationen für einfachere juristische Probleme anbietet. Diese Tools würden Klienten bei gängigen Problemen helfen und am Schluss das entsprechende Formular zum Ausdrucken bereitstellen. Bei Bedarf würden die Unterlagen noch von einem Anwalt durchgesehen, der den Klienten telefonisch berät. Zwar sei diese Art der Rechtsberatung nicht für komplexe Dinge geeignet und die Beziehung zwischen Anwalt und Klienten sei weniger intensiv. Klienten könnten jedoch täglich rund um die Uhr auf die Online-Rechtsberatung zurückgreifen. Anwalt Richard Granat meint, dass das sogenannte E-Lawyering in drei Jahren bereits Mainstream sein werde.

Micro-Kliniken

Im medizinischen Bereich sei ein Vorreiter Kaiser Permanente, der 2010 auf Hawaii die erste "Micro-Klinik" errichten will. Dabei handle es sich um medizinische Einrichtungen, beispielsweise in Einkaufszentren, in denen nur wenige Ärzte behandeln und sich Patienten an einem Kiosk statt bei der Rezeption anmelden. Über das Netzwerk stünden den Ärzten sämtliche Patientenakten in digitalisierter Form zur Verfügung, bei Bedarf könne über ein Videokonferenz-System auch Hilfe von größeren Krankenhäusern angefordert werden. Laut Kaiser würden so 80 Prozent der Fälle behandelt werden können.

80/20-Prinzip

Die 80 Prozent Patienten, die in der Micro-Klinik behandelt werden könnten, würden auch dem bekannten Pareto-Prinzip (oder 80/20-Regel) entsprechen, das besagt, dass 80 Prozent eines Projekts mit 20 Prozent der Gesamtzeit umgesetzt werden könnten. Wenn Hersteller voll ausgestattete Digicams oder Rechner auf 20 Prozent der Funktionen und Leistung reduzieren - so der Regel folgend - könne man damit 80 Prozent der Kunden zufriedenstellen. Diesem Prinzip dürften in Zukunft jedenfalls noch weitere Hersteller und Branchen folgen. (red)

 

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    Flip Camcorder, gerade gut genug

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