"Titanenprojekt" österreichischer Hochschulplan

25. August 2009, 12:57
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Minister Hahn: "Maximale Abstimmung zwischen den Hochschulen" als Ziel

Wien - Mit den Vorbereitungen für einen "Österreichischen Hochschulplan" startet Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) im Herbst ein zentrales Projekt seines Ressorts aus dem Regierungsprogramm. Als Ziel des Vorhabens nannte Hahn Montag Abend vor Journalisten in Wien, die derzeitige "unglaubliche Vielfalt" des tertiären Sektors in ein System überzuführen, in dem es "eine maximale Abstimmung zwischen den einzelnen Einrichtungen gibt", in dem es klar sei, welche Aufgabenstellung der tertiäre Sektor habe und wo die Berufsqualifikation von Bachelor-Absolventen sichergestellt sei.

Laut Regierungsprogramm soll mit dem "Österreichischen Hochschulplan" eine "klare Aufgabenteilung und Schwerpunktsetzung" angestrebt werden. Schwerpunkte eines solchen Plans sollen "strategische Leitlinien, Standortoptimierungen, Durchlässigkeit innerhalb des Hochschulwesens in Österreich sowie Balance zwischen regionalen Bildungsangeboten und Bündelung von Forschungsinfrastruktur" sein.

Ausgangspunkt für Hahn ist die derzeitige "bunte Hochschullandschaft" mit 21 Universitäten, 19 Fachhochschulen (FH), zwölf Privatunis und anderen hochschulischen Einrichtungen mit über 300.000 Studenten im tertiären Sektor. Neben der enormen Expansion des Sektors habe sich die Hochschulbildung auch stark aufgesplittert, mit fast 300 Bachelor- und 400 Masterstudiengängen an Unis und Fachhochschulen.

"Mit Humboldt brechen, um Humboldt neu definieren zu können"

Dabei gelte nach wie vor das Humboldtsche Bildungsideal von der Einheit von Forschung und Lehre, obwohl dieses vor rund 200 Jahren formuliert worden sei - zu einer Zeit, als die Uni Wien noch 5.000 Studenten hatte. Heute stelle sich die Frage, wie man den tertiären Sektor gestalten müsse, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen zu können. "Wir müssen mit Humboldt brechen, um Humboldt neu definieren zu können", sagte Hahn.

Folgende Fragen stehen für den Minister am Beginn des Prozesses: "Was sind die Anforderungen an den tertiären Sektor; was erwartet die Gesellschaft von einer fundierten Hochschulbildung und wie kann diese Erwartungshaltung beantwortet werden, insbesondere in der Erstausbildungsphase; wie kann die Berufsqualifikation von Bachelor-Absolventen sichergestellt werden?" Dabei ist dem Minister die Zusammenarbeit mit den Beteiligten wichtig, "das Ziel muss sein, die Leute emotional im Boot zu haben". Für die Ausarbeitung des Hochschulplans will man sich im Ressort zwei Jahre Zeit nehmen, "der Weg dorthin ist ein wesentlicher Teil des Prozesses", so Hahn.

Weißbuch mit Leitlinien

Deshalb sollen im Herbst auch die Ausgangsfragen gemeinsam mit der Universitäten- (uniko) und der Fachhochschulkonferenz (FHK) und dem Verband der Privatunis formuliert werden. Im Frühjahr 2010 soll dann in Dialogveranstaltungen und auch im Internet mit den Betroffenen, den Sozialpartnern, Berufsverbänden etc. darüber diskutiert werden und die Ergebnisse in ein Weißbuch mit Leitlinien für die weitere Entwicklung nach 2011 eingearbeitet werden.

Dieses Weißbuch soll dann als Grundlage für die Verhandlungen über die Leistungsvereinbarungen zwischen Unis und Bund für die Jahre 2013 bis 2015 sein und auch in den nächsten FH-Entwicklungsplan einfließen. Die Leistungsvereinbarungen, in denen nicht nur die Aufgaben der Unis, sondern auch deren Budgetierung geregelt werden, sind für den Chef der Hochschulsektion und Generalsekretär im Wissenschaftsministerium, Friedrich Faulhammer, der "Schlüssel für Veränderungen". Erstmals gebe es damit ein Steuerungselement und erstmals sei die Zielsetzung im Regierungsprogramm festgeschrieben, zeigten sich Hahn und Faulhammer zuversichtlich, dass es trotz vergeblicher ähnlicher Bemühungen in der Vergangenheit diesmal klappen wird.

Dabei sieht Johannes Hahn "keinen Gegensatz zwischen Ministerium und Hochschulen", Ziel sei, "dass am Ende alle zufrieden sind". Alle Unis hätten ihre Schwerpunkte und ihre Daseinsberechtigung, "das heißt aber nicht, dass man sie nicht besser aufstellen kann". Auch die OECD konstatiere, dass in Österreich gar nicht so wenig Geld im System sei, dass es aber nicht so effizient eingesetzt werde wie andernorts. Man müsse den Hochschulen "nicht alles auf's Auge drücken, ich hoffe, dass die Betroffenen selbst zur Einsicht kommen", sagte Hahn.

Als Paradebeispiel nennt der Minister immer wieder die Zusammenarbeit und gemeinsame Nutzung von Infrastruktur von Universität und Technischer Universität (TU) Graz im Bereich Chemie. Auch die Med-Uni und die Uni Innsbruck würden ein gemeinsames Chemie-Gebäude erhalten, und auch TU und Uni Wien würden diesen Gedanken nicht abwegig beurteilen, weil sie wüssten, dass nicht jeder ein neues Gebäude um je 30 Mio. Euro bekomme.

Stärkere Kooperation zwischen Uni und FH

So hofft Hahn auf eine stärkere Kooperation und besseres Schnittstellen-Management zwischen den Unis und mit den FH. Gleichzeitig müsse man stärker von einer Input- zu einer Output-Betrachtungsweise gelangen und für die unterschiedlichen Bereiche von Lehre und Forschung Output-Kriterien definieren, "nicht nur in den anwendungsorientierten Fächern". Dennoch seien Einrichtungen, die solche Kennziffern nicht erfüllen, keine Kandidaten für Schließungen oder Zusammenlegungen, versicherte Hahn.

Dass es im Zuge der Umsetzung des Hochschulplans zu Schließungen von Uni-Standorten kommt, schloss Hahn unter Hinweis auf deren geringe Anzahl aus. Auch die Verlagerung der gesamten Grundausbildung (Bachelor) an die FH kann sich Hahn unter Hinweis auf die rund 270.000 Uni- und 30.000 FH-Studenten nicht vorstellen, "ich glaube nicht, dass man diese Relationen gravierend verschieben kann". Diskutieren könne man aber, ob man nicht innerhalb der Universitäten Strukturen schafft, etwa wie Colleges im angloamerikanischen Raum, die diese Ausbildungsfunktion übernehmen, zu der sich die Unis "viel stärker bekennen müssten".

Bachelor-Abschluss soll attraktiver werden

Ein Output-Kriterium wird sicher die Absolventenquote sein, die Hahn weiter anheben möchte. Dazu müsse auch die Berufsqualifikation von Bachelor-Absolventen sichergestellt werden und möglichst viele gleich nach dem Bachelor-Abschluss in die Arbeitswelt gehen. Derzeit sei es "fatal", dass an den Unis fast alle nach dem Bachelor-Abschluss ein Master-Studium anschließen.

In diesem Zusammenhang setzt sich Hahn auch für die A-Wertigkeit von Bachelors im öffentlichen Dienst ein, wobei Faulhammer dieses Anliegen nach den bisherigen Gesprächen mit dem Bundeskanzleramt als "sehr realistisch" bewertete. Voraussichtlich komme ein entsprechender Vorschlag in einer für Herbst geplanten Dienstrechtsnovelle. Unterschiedlicher Ansicht sei man allerdings hinsichtlich der Bezahlung: Während Hahns Ziel ist, dass Bachelor- gleich viel verdienen wie Master-Absolventen, denke man im Bundeskanzleramt nach dem Relationssystem, wonach es schwer vorstellbar sei, dass jemand mit dreijähriger Ausbildung gleich viel verdiene wie jemand mit vierjährigem Studium.

42 Prozent machen Aufnahmeverfahren vor Studium

Beim Bachelor ist Hahn "grundsätzlich" für einen freien Hochschulzugang, der für ihn in Österreich aber ohnedies "eine Illusion" sei. Schließlich würden 42 Prozent der Studenten im tertiären Sektor ihr Studium mit einem Aufnahmeverfahren beginnen, etwa an FH oder Medizin-Unis. Dennoch könne es nicht, sein, moniert Hahn einmal mehr, dass Österreich eines der wenigen Länder sei, das weder Studiengebühren noch Zugangsbeschränkungen habe. Hier sei er "im herzhaften Gespräch" mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ), wobei er die Position der Sozialdemokratie nicht verstehe, warum etwa bei der geplanten neuen Lehrerausbildung Aufnahmeverfahren kommen sollen, in anderen Studien aber nicht. (APA)

  • Wie sich die österreichischen Universitäten und Fachhochschulen im besten Fall in den nächsten Jahren entwickeln sollen, soll in einem Weißbuch festgeschrieben werden. Minister Johannes Hahn will sich für die Ausarbeitung zwei Jahre Zeit nehmen.
    foto: standard/cremer

    Wie sich die österreichischen Universitäten und Fachhochschulen im besten Fall in den nächsten Jahren entwickeln sollen, soll in einem Weißbuch festgeschrieben werden. Minister Johannes Hahn will sich für die Ausarbeitung zwei Jahre Zeit nehmen.

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