"KV-Flucht"

"Zeitung ohne Inhalt ist nicht denkmöglich"

25. August 2009, 22:43

Seit Dienstag laufen erste Ver­fahren gegen Journalismus ohne Journalistenkollektivvertrag bei der "Presse" - Redaktionen protestierten

Wien - Presse-Betriebsversammlung, zum Wirtschaftsblatt, ab in den Zug nach Graz zur Kleinen Zeitung. Presse-Betriebsrat Michael Lohmeyer auf Österreich-Tour in Sachen Journalismus und Kollektivvertrag. Fünf Redaktionen versammelten sich Dienstag zu einem Thema: Immer weniger Medienunternehmen stellen Journalisten nach dem für sie vorgesehenen Kollektivvertrag an.

Die Styria-Blätter Presse und Wirtschaftsblatt haben oder gründen dafür Tochterfirmen. Konzernschwester Kleine sei als nächstes dran, prognostiziert Wirtschaftsblatt-Betriebsrat Herbert Geyer. Die Redaktion der Tiroler Tageszeitung ist auf zwei Firmen aufgeteilt, die Fusion mit der Styria soll Synergien bringen. Die APA will - nach Prüfung der Sozialversicherung - freie Mitarbeiter anstellen, nach Gewerbekollektivvertrag. APA-Manager Peter Kropsch redet am Mittwoch wieder mit dem Betriebsrat.

"Journalismus ist kein Gewerbe" , betont Presse-Betriebsrat Lohmeyer: "Journalisten diesem Kollektivvertrag zu unterstellen ist grundfalsch." Ein Fliesenleger brauche nicht fragen, was er für die Demokratie tut, er erfülle Aufträge für Geld. Journalisten aber hätten die Aufgabe, Fragen zu stellen, "die nicht mit Geld zu bewerten sind" , ja sogar Inserenten kosten könnten. Vertragsentwürfe für die Presse-Tochter sähen vor, dass sie journalistische Arbeiten für PR und Werbung von Fremdfirmen weiterverkaufen darf.

Wirtschaftsblatt-Manager Hans Gasser sagt den Gewerkschaftern nach, ihnen gehe es allein um "wohlerworbene Rechte", sie ignorierten die neue Medienwelt. Dass andere Kollektivverträge das Berufsbild negativ beeinflussen, sei "vollkommen ungerechtfertigt" . Das Journalistengesetz regle die beruflichen Rahmenbedingungen. Die "überwiegende Mehrheit" der Journalisten sei nicht nach diesem KV angestellt. Der Zeitungsverband sieht rund 1350 in diesem KV bei Tages- und Wochenzeitungen.

Arbeitsrichterin Ingeborg Piatnik wunderte sichDienstag in der ersten Verhandlung, warum dieselbe Tätigkeit, etwa Pressefotos bei der Presse Journalismus sind, bei ihrer Tochter plötzlich nicht mehr:"Mein gesunder Hausverstand wehrt sich dagegen. Das ist genau das Gleiche." Inhalte machten doch die Zeitung aus: "Zeitung ist ohne Inhalt nicht denkmöglich. Eine Zeitung hat einen Inhalt, oder sie ist ein Schmarrn." (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 26.8.2009)

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CapeCode
00
30.8.2009, 16:49
Völliger Schwachsinn

auch die heutige Sonntagsrundschau hat wieder keinerlei Inhalt und existiert doch (noch): meiner Katze hat schon einen Koffer drauf abgestellt. Die wirds aber länger geben als die Sonntagsrundschau.

Leo Naphta
00
26.8.2009, 18:32

"Ein Fliesenleger brauche nicht fragen, was er für die Demokratie tut" - aber er kann vielleicht besseres Deutsch.

Also: Journalisten-KV für die Fliesenleger

Barbara Schett
00
26.8.2009, 21:16

Das würde sicher auch die Qualität des gelegten Fliesenteppichs erhöhen. Das Problem ist nur: Der Herr der Fliesen ist überzeugt, dass dem Fliesenleser die Qualität schnuppe ist, darum soll alles nur schnell und billig vollgefliest werden. Ohne Fliesematenten. Ein riesengroßer (Fliesen)Leger.

kulimuh
00
26.8.2009, 16:22
Die Qualitätsspirale dreht sich nach unten ...

Schlechte Bezahlung mag vielleicht irgendwann die Unabhängigkeit angreifen, sie erhöht aber ganz sicher nicht die Motivation der Jungen und den sozialen Frieden in den Redaktionen. Berichterstattung - und die nicht unwichtige Kreativität beim Geschichten aufbereiten - leiden.

Allerdings: Der Journalisten-KV ist nicht mehr zeitgemäß und dringend reformbedürftig. Ein 15. Monatsgehalt hat im 21. Jahrhundert nicht mehr viel zu suchen. Und immer noch verdienen sich Kollegen mit alten Verträgen eine goldene Nase, hackeln aber tw. nur wenig und/oder fröhnen - in ihrer Arbeitszeit - dem Alkohol.

Barbara Schett
00
26.8.2009, 20:52

Letzteres gilt freilich auch für die Manager, die solche "gewieften" Sparprogramme ausarbeiten.

Mucius Valerius Scapula
00
29.8.2009, 12:51

Ehrlich gesagt sind diese Sparprogramme gar nicht so gewieft. Nicht, wenn jedes Jahr Hunderte Publizistik-Studenten fertigwerden, die gewohnt sind, vollkommen gratis zu arbeiten. Da kann man leicht Lohndumping betreiben, wenn die 1000 Euro brutto für einen Offenbarung halten.

luis trew
00
26.8.2009, 15:44
Selbst schuld - wenig Mitleid

Selbstverständlich will der (tiefschwarze) Styriaverlag seine Mitarbeiter runtermachen und deren Einkommen drastisch kürzen.

Und er wird ein leichtes Spiel haben. Ein sehr leichtes.

Aber die Herren/Damen Journalisten sind selbst schuld, denn

1) es sind nur sehr sehr wenige von ihnen Gewerkschaftsmitglied. Aber nur mit der vollen Unterstützung des ÖGB kann es einer Berufsgruppe gelingen, Verschlechterungen zu verhindern.

2) viele Journatisten, die jetzt jammern, haben in ihren Artikeln jahrelang den sog. Neoliberalismus gehuldigt und soziale Werte runtergemacht.
Jetzt ernten sie die Früchte.





Terence Lennox
01
27.8.2009, 00:12
einen derartig unreflektierten schwachsinn..

..hab ich selten gelesen...

dölerich hirnfidler
00
26.8.2009, 16:30

alles in einen topf werfen, einmal umrühren, fertig ist das weltbild. versuchen wir zu entwirren:
a) wirtschaftliche situation der medien: nicht lustig, seit fusion zum mediamil-konzern ganz un-neoliberal genehmigt wurde, brachen alle dämme
b) soziale werte. gewerkschaftsbeton ist nicht immer förderlich ist - weder ökologisch, noch ökonomisch. in den siebzigern gooldrichtig, dann eine bremse.
c) journalisten: bis in die achtziger dramatisch überbezahlt. heute gibt es eine heerschar von schreibern, der preisrutsch war eine frage der zeit. "schuld" daran: das internet!
d) ob kv oder nicht ist wurscht: hier passiert ein grundlegender umbruch, hin zu weniger medien!

Friedrich Gruber
00
26.8.2009, 15:15
Was ich zu Friedrich Gruber noch hinzufügen möchte

Der Standard hat auch seine politische Linie, linksliberal, mehr links als liberal womöglich. Aber der Standard unterscheidet sich äußerst wohltuend von anderen Zeitungen und Medien dadurch, dass er auch "andere Meinungen" zuläßt und bringt. Vor allem auch im Internet-Auftritt, wo der "Standard" zweifellos zum führenden Medium Österreichs geworden ist - möglicherweise ist das ein Ausblick in die Medienzukunft. Die Internet-Auftritte und Debatten anderer Medien, auch des ORF, sind dagegen mehr als kläglich, in den Internetredaktionen sitzen weniger Journalistren als obrigkeitshörige Knechterln und Zensoren, die von Meinungsfreiheit und Presserecht keine Ahnung haben.

Friedrich Gruber
00
26.8.2009, 14:57
Das Zertrümmern des Journalisten-Kollektivvertrags ist ein Knackpunkt im seit einigen Jahren laufenden Niedergangs der Medien.

Schuld daran sind die Verlagsherrn und ihre Redaktionsmanager, die in letzter Zeit orientierungslos Produkte aufgeblassen, das Kerngeschäft verlassen und dabei viel Geld verbrannt haben. Viele Zeitungen schreiben nicht mehr für die Leser sondern für Politiker - und da je nach Einfärbung, für Marketinghaberer, Wirtschaftsbosse und so genannte Experten. Sie betreiben Bonzen-pr. Gerade die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Beliebigkeit der Berichterstattung dokumentiert. Oft wechselten die Voraussagen täglich herum. Mitbestimmung über Inhalte wurde eingeschränkt, fad sind sie geworden und eintönig. Bei immer mehr Artikeln, die man sich durchliest, hat man hinterher mehr Fragen als vorher. Oft wird mehr verschwiegen als geschrieben.

Dafane
31
26.8.2009, 13:33
Hier hat der Sozialismus versagt:

Kollektivverträge, ausgehandelt zwischen einem Arbeitnehmerverein (ÖGB) und einer Arbeitgebervertretung sind eigentlich pervers!
Arbeitsrechtliche Dinge (auch Mindestlöhne) sollten gesetzlich auf parlamentarischer Ebene geregelt werden.
Kollektivverträge sind ein Anachronismus aus einer Zeit,wo die Arbeitnehmer verzweifelt um ihre Rechte kämpften.

systemfehler1
00
26.8.2009, 13:23
Logisch.

Wer wenig verdient ist auf Zusatzverdienste angewiesen.
Geld bringt eben Sicherheit.

Wer´s dann bezahlt, die Journalistinnen, läßt sich dann genaz leicht an "redaktionellen" Beiträgen für das eine oder andere Unternehmen, oder an politischen Beiträgen äusserst subjektiven Inhalts ermessen.

Schade.
Qualitätsjournalismus bleibt damit auf der Strecke.

derStandardmeint
00
26.8.2009, 10:37
Wie beschränkt ist diese Richterin?

Der Unterschied zwischen Pressephotos und "den Bildern ihrer Tochter" ist derselbe wie derjenigen zwischen einer von tausenden Privatmeinungen und ihren Gerichtsurteilen.
Es geht um Relevanz, Objektivität etc.

hergey
00
22.11.2009, 23:32
Mit "Tochter"

ist in diesem Fall wohl die ausgetöchterte Content Engine der "Presse" gemeint. Und da ist tatsächlich kein Unterschied - außer in der Bezahlung.

pez derflotte
04
26.8.2009, 00:43
hahahaha

"Zeitung ohne Inhalt ist nicht denkmöglich"

braucht man doch nur alles mit anzeigen und pr-müll vollstopfen...fällt bei vielen "publikationen" (ein schön neutrales wort) gar nicht mehr auf...

ich wette, zahlreiche agenturen haben schon angeboten, den gesamten redaktionellen "inhalt" zu übernehmen, wenn sie denselben dann an firmen verscherbeln können ...(produkttests, schleimige interviews mit ceo xy, welcher style bist du, etc.)

Laird of Glenmore
00
25.8.2009, 23:54
Kapitalismus und Meinungsfreiheit sind eben nicht permanent vereinbar

Was Marx als Redakteur schon wusste, werden jetzt auch die JournalistInnen in vormals gesicherter Position erfahren.

Wir alle werden draufzahlen, denn die Demokratie wird noch weiter ausgehöhlt.

erwin meier
10
26.8.2009, 13:04

wie ist denn das mit sozialismus in meinungsfreiheit?

Wesentliches (Un)Wesen
01
26.8.2009, 15:12

Sozialismus ist ein so breit gefächerter, viel beanspruchter Begriff, dass man aufgrund der Frage anzunehmen geneigt ist, dass sie lediglich einen blassen, einseitigen Dunst davon haben.

erwin meier
00
26.8.2009, 20:00

aha, aus einer einfachen frage ziehen sie schon schlüsse auf meine objektivität, während eine generalisierende negative aussage über den kapitalismus kritiklos stehen bleiben darf.
da fragt man sich doch, wer hier einseitig ist.

Juergen Hoffmann
 
00
26.8.2009, 15:38

ein beschränktes Weltbild^^ macht sie leichter verständlich.

Guy Fawkes
00
26.8.2009, 09:43

allerdings hat sich gezeigt, dass auch der realsozialismus mit der meinungsfreiheit nicht ganz so gut unter einen hut zu bringen war....

Mucius Valerius Scapula
01
25.8.2009, 22:26

Da werden auch Proteste nichts ändern: Print stirbt, jetzt wirklich. In zehn Jahren gibts nur mehr die Gratisfetzen, die Krone und ein paar Blätter (wöchentlich) für eine kleine, gehobene Leserschaft. Alle, die über Zeitungen herziehen, werden sich dann anschauen - denn der citizen journalist wird nicht mehr den Willen, die Rückendeckung und den Zugang haben, größere Geschichten zu recherchieren.

Dann sind wir endlich dort, wo uns die Mächtigen haben wollen: Verdummte Kinder, denen man alles einreden kann, weil sie keine Zusammenhänge verstehen und News über die Katze auf Nachbars Baum für relevant halten.

Das Internet kann IMHO die Rolle von Zeitungen nicht übernehmen. Die Auswahl ist zu groß, die Überprüfbarkeit nicht gegeben.

der große weiche hai
01
26.8.2009, 14:13

das ende von print (an das ich übrigens nicht glaube) bedeutet ja nicht automatisch das ende des journalismus - und warum ist die überprüfbarkeit im internet nicht gegeben? ein online-medium wird auch von journalisten gemacht, das medium, über das der inhalt transportiert wird, ist halt ein anderes.



Mucius Valerius Scapula
00
26.8.2009, 14:34

Ich glaube auch nicht an ein totales Ende von Print. Aber die meisten Tageszeitungen wirds wohl erwischen.

Das Problem ist, dass die Arbeitsbedingungen inzwischen so schlecht sind, dass ein gewaltiger brain drain in Richtung PR erfolgt. Was das Dilemma der 'freien' Berichterstattung auch nicht verbessert.

Online-Journalismus wird nur bei guten Zeitungen (NYT, Standard) von Journalisten gemacht. Die mit Abstand meisten haben Afferl, die Artikel aus der APA kopieren. Echte Journalisten, die einen echten Mehrwert bringen, sind ja teurer... ein Teufelskreis.

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