Cheeeese!

25. August 2009, 15:58
6 Postings

Manche Dinge, die man isst, sind etwas schwer: Im Aostatal lässt sich's hervorragend für die Käsemesse in Bra im September trainieren, findet Harald Fidler, und dazu ein ausgesprochen gutes Omens

Aostatal im Hochsommer, das ist, wenn man von den Pilzen absieht, nicht unbedingt eine Idealkombination, kulinarisch betrachtet. Aostatal, also das bergige Eck ganz im Nordwesten Italiens, zwischen Schweiz und Frankreich, ist eher auf Ernährung eingestellt, die einen sicher, rund und warm durch den Winter bringt. So scheint's mir jedenfalls nach meiner kleinen Erkundungstour. Im schwül-heißen Hochsommer, versteht sich.

Käse, globalisiert

Vielleicht ist das Aostatal aber gerade im Sommer perfekt: Schließlich sollte sich selbst der verfressenste Mensch nicht völlig untrainiert im September auf die Slowfoodkäsemesse in Bra wagen, bei der ich mir jetzt ein "Gewiss wonderbra!" einfach verkneife. Ohne Vorbereitung Käse galore? Da wirkt das "Cheeeese!" bald gequält. So heißt die Veranstaltung inzwischen, quasi globalisiert, statt des früheren Le Forme del Latte, das sich nur noch klein im Untertitel findet.

Schneller schnaufen

Ich empfehle: Trainingslager nordwestlich von Bra, eh schon wissen. Zum Beispiel gleich an der Grenze, über den St. Bernardino aus der Schweiz kommend, gleich in St. Rhemy-en-Bosse, im Hotel Suisse. Wunzigkleiner Ort, ziemlich kleines Hotel (mit auch relativ kleinen Zimmern, unseres jedenfalls war vor allem extrem hoch und Fenster gab's vor allem ganz oben, egal), mit relativ großen Portionen und teils gar nicht so kleinen (quasi Einheits-)Preisen: Von der Suppe über einen Hauch gegrillten Gemüses bis zum Hauptgang bewegt sich so ziemlich alles in der 9- bis 12-Euro-Zone. Aber: Viel braucht man hier ohnehin nicht, um zu schnaufen.

Zur "Cheeese"-Vorbereitung empfiehlt sich zum Beispiel die Sopa de Vallepenentze, eine Brot- und Krautsuppe mit ordentlich Käse (ich tippe ja im Rückblick auf Fontina, wie hier so oft, aber übernehme keine Garantie, und dergoogeln lässt sich die Suppe auch grad nicht - dass es sowas noch gibt, auch schön). Danach wäre man eigentlich satt und jedenfalls für eine Tour über den Pass gestärkt, wenn man das Zusatzgewicht noch derschleppt, hier im Haus war jedenfalls 1860 noch Poststation und Gasthof.

Maroni-Gnocchi mit Chevre

Beim Training helfen zumindest so gut die Maroni-Gnocchi, deren etwas mehlige Sauce mit ordentlich (sehr feinem, aber halt etwas heftigem) Chevre kalorientechnisch noch ordentlich gepimpt ist. Auch der Erdäpfel-Gratin mit Reblochon und Geselchtem hat's durchaus in sich. Gut, bei dessen Bestellung rechnet man nicht unbedingt mit leichter Küche. Geradezu ein Lightgericht: Kaninchen gerollt, innen drin Olivenpasste und Erbsen und gegrillten Kirchparadeisern. Halt bisschen trocken, das Tier.

Schinken-Käse-Rolle

Auch kein schlechtes Übungsgelände: Baita Ermitage in Courmayeur. Tomini in Olivenöl mit Schnittlauch, kleine Frischkäse, an sich eher keine Challenge, aber so klein ist die Portion dann auch wieder nicht. Definitiv herausfordernder: die gebratenen Schinkenrollen, Involtini, gefüllt mit Fontina, kein kochtechnisches Kunststück, aber schon sehr gut. Und sehr viel sowieso.

Die Ermitage-Suppe erweist sich als nächste Ausgabe der Vallepenentze, hier aber mit Spinat, weiterhin mit Brot und Käse und ordentlich Brennwert. Das "Primo Ermitage" stellt sich als gerollte Pasta heraus, mit Ricotta und Spinat und - kann nicht mehr überraschen - überbacken. Phew! Da musste ein Hauch Vernunft einsetzen, die uns die Polenta ohne Käse bestellen ließ, also ohne das so angenehm klingende Beiwort Concia.

Gutes Omens

Definitiv ein Fehler, die Concia-Verweigerung, sofern man noch irgendwie kann. Das erkenne ich im Omens praktisch fast schon am anderen Ende des Aosta-Tals, in einem Seitentäler hinter der Burg Verres. Molligste Polenta aus der Riesenschüssel, dazu ein bisschen Salsicca in Paradeissauce und Spezzatino vom Kalb, ziemlich einfach, verdammt gut.

Brei, nicht Suppe

Davor eine Omens-Suppe, die definitiv keine Suppe mehr sein kann, sondern ein Brei - aber ein ausgesprochen gschmackiger, Topnote im Vergleichstest. Das Omens in der Vallepenentse machen hier Zucchini aus, die man halt nicht so wahnsinnig herausschmeckt. Die Kochwurst mit Erdäpfel sehr, sehr super, dazu Sardellenpaste, bagnet cauda, yeah! Und, all das mit Gemüse für die linienbewusste Vegetarierin an meiner Seite, Hauswein, Wasser, Kaffee um 30,30 Euro. Noch Fragen?

PS: Den Rohschinken, für den Saint-Rhemy-en-Bosse bekannt ist, hab ich zwar in der Fleischerei gekauft, aber leider nicht gekostet, weil im nächsten Agriturismokühlschrank vergessen. Nur falls wer fragt, warum ich diese örtliche Spezialität ausgelassen hab. Wer weiß, was ich verpasst hab: bitte posten!

Trattoria Omens
Verres/Ortsteil Omens, Schilder ab Burg Verres
0039 0125 92 94 10
Ruhetag: Montag, Oktober bis Juni nur wochenends
Zweimal Mittag mit Wein, Wasser, Kaffee für 30,30 Euro

Baita Ermitage
Courmayeur/Ortsteil Ermitage
0039 0165 84 43 51
Ruhetag (außer Juli, August): Mittwoch
Fünf Gänge, Wein (der hier allgegenwärtige, frisch-fruchtig-leichte Blanc de Morgeux, Cave du Morgeux), Wasser, Kaffee für 81,50 Euro

Hotel Suisse
Saint-Rhemy-en-Bosses
Via Roma 26
0039 0165 78 09 06
Ruhetag (außer im Sommer): Montag; Betriebsferien in Mai, Oktober und November
Fünf Gänge, Wein, Wasser, Kaffee für 90 Euro (Nächtigung: 70 Euro, Frühstück nochmal 15 Euro pro Kopf

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Ohne Käse geht praktisch nichts im Hotel Suisse.

    Ohne Käse geht praktisch nichts im Hotel Suisse.

  • Das gerollte Kaninchen im Hause Suisse.

    Das gerollte Kaninchen im Hause Suisse.

  • Suchbild: Wo hat sich das Hotel Suisse versteckt?
    foto: fidler

    Suchbild: Wo hat sich das Hotel Suisse versteckt?

  • Frischkäse: Tomini in der Baita Ermitage
    foto: fidler

    Frischkäse: Tomini in der Baita Ermitage

  • Gewaltakt Schinkenrolle, im Gegenlicht.
    foto: fidler

    Gewaltakt Schinkenrolle, im Gegenlicht.

  • Wo die Kalorien zuhause sind: Baita Ermitage.
    foto: fidler

    Wo die Kalorien zuhause sind: Baita Ermitage.

  • Obersuper Cotechino mit obersuper Sardellengatsch und Erdäpfel im Omens.
    foto: fidler

    Obersuper Cotechino mit obersuper Sardellengatsch und Erdäpfel im Omens.

  • Die sensationelle, aber auch nicht gerade leichte Käse-Polenta im Omens...
    foto: fidler

    Die sensationelle, aber auch nicht gerade leichte Käse-Polenta im Omens...

  • ... und hier kommt der Nachschlag.
    foto: fidler

    ... und hier kommt der Nachschlag.

Share if you care.