Wenn die Gruft zu Besuch kommt

24. August 2009, 17:53
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Die Sozialarbeiter des Notquartiers Gruft sind regelmäßig in Sachen Nacht-Streetwork unterwegs. Sie stöbern auch an unüblichen Plätzen Obdachlose auf.

Wien - "Heast, jetzt liegt do scho wieder lauter Klumpert umanand" , sagt Ewald H. und hebt ein Wurstpapier und eine leere Bierdose vom Boden auf. "Dauernd lassens alles fallen - weils genau wissen, dass i des ned mit anschauen kann." Der 52-Jährige, schulterlanges Haar, tätowierte Oberarme, legt Wert auf eine saubere Bleibe. Selbst, wenn es sich dabei nur um einen kleinen Flecken Rasen vor dem Haus des Meeres im Esterhazypark handelt.

Ewald H. verbringt seine Tage derzeit im Freien. Untertags sitzt er mit anderen Obdachlosen Bier trinkend und Wurstsemmel essend auf der Parkbank, nachts zieht er sich in einen ruhigen Winkel der Anlage zurück und schlüpft in seinen Schlafsack. "Ich hoffe, dass ich ein Zimmer bekomme, bevor es Winter wird" , sagt H.

Im nahegelegenen Notquartier Gruft ist Ewald H. derzeit jedenfalls nicht willkommen. Zum einen, weil er dort einigen Leuten mit einem Messer vor der Nase herumfuchtelte, zum anderen, weil er in einem betreuten Wohnheim monatelang die Miete nicht bezahlt hat. "Mein Problem war das Gifteln" , sagt er, "aber damit ist es aus. Ich hab mich selbst von den Tabletten heruntergeholt."

Trotz Hausverbots spricht H., der 15 Jahre hinter Gittern verbracht hat, regelmäßig mit Mitarbeitern der Caritas-Einrichtung. Denn diese schauen ständig im Esterházypark vorbei - so wie an vielen anderen Plätzen, an denen sich unterstandslose Menschen aufhalten. Dreimal pro Woche kurven zwei Sozialarbeiter von 17 bis 24 Uhr im Minibus durch die Stadt. "Oberstes Ziel ist die Kontaktaufnahme" , sagt Susanne Peter, stellvertretende Leiterin der Gruft und selbst regelmäßig in Sachen Nacht-Sozialarbeit unte rwegs, "damit wir wissen, was die Leute brauchen - und wie wir sie von der Straße wegbekommen." "Die Susi" , wie ihre Klienten sie nennen, arbeitet seit 1986 in der Obdachloseneinrichtung im Keller der Mariahilfer Kirche und kennt einen Gutteil der Menschen, die in Wien auf der Straße leben.

Schulden, Scheidung, Sucht

Zwischen 500 und 800 Obdachlose gibt es laut Schätzungen in der Hauptstadt. Die Gründe sind laut Peter vielfältig. Zu Schulden, Scheidung und Sucht kämen oft psychische Probleme. Einige hausen völlig unbemerkt jahrelang irgendwo am Stadtrand. So wie jener psychisch kranke Mann, der sich in einer Toilettenanlage auf der Donauinsel einschloss und sich von Essensresten aus den umliegenden Mistkübeln ernährte. Er war vor 15 Jahren zuletzt behördlich gemeldet. "Es hat eine Weile gedauert, bis er mir vertraut hat" , sagt Peter, die über Wochen hinweg regelmäßig durch die geschlossene Türe mit ihm sprach. Inzwischen hat der Mann eine Gemeindebauwohnung bezogen und wird besachwaltet.

Auf die Donauinsel flüchten immer wieder Obdachlose vor der Großstadt. Alexander M. zum Beispiel. Tagsüber sitzt er auf einer braun-geblümten Decke, löst Kreuzworträtsel und trinkt Rotwein mit Limo, nachts liegt er im gut versteckten Zelt mitten im Gebüsch. "Im Winter hat es da drinnen mit Kerze 16 Grad" , sagt M., seit neun Jahren ohne festen Wohnsitz.

Wer nicht weiß, wo M. haust, findet sein Versteck vermutlich nie. Dass er nun regelmäßig Besuch von der Gruft bekommt - nachdem er sich dort Jahre lang nicht blickenließ -, hängt mit dem Umstand zusammen, dass sich M. kürzlich mit einem befreundeten Obdachlosen zerstritt. Dieser erzählte Sozialarbeiterin Peter - quasi aus Rache -, wo M. sein Lager aufgeschlagen hat. Wirklich glücklich ist M. über den Besuch nicht, fühlt sich aber auch nicht ernsthaft gestört. "Mein Zelt werde ich deshalb sicher nicht abbauen" , sagt er achselzuckend.

Peter bemüht sich im Gegenzug, gute Nachrichten mitzubringen: Eventuell könnte er in einer unbetreuten Wohneinrichtung unterkommen, meint sie. Ein Zimmer mit Dusche - M. verspricht zum Abschied, sich den Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen.

Körperpflege ist generell ein schwieriges Thema, auch für Johann S. Seit Wochen hat er sich nicht mehr gewaschen, inzwischen will kein anderer Obdachloser mehr neben ihm auf der Bank beim Franz-Josefs-Bahnhof sitzen. Nach einer Stunde gutem Zureden hat Peter ihn schließlich so weit: Er lässt sich für eine Dusche in die Gruft bringen. (Martina Stemmer/DER STANDARD-Printausgabe, 25.8.2009)

  • Beserlpark, Einkaufsstraße, Donauinsel: Susanne Peter arbeitet seit 23
Jahren mit Obdachlosen - und kennt einen Gutteil der Menschen, die in
Wien ohne festen Wohnsitz sind: "Es lebt niemand freiwillig auf der
Straße, auch wenn das manche anfangs behaupten."
    foto: standard/newald

    Beserlpark, Einkaufsstraße, Donauinsel: Susanne Peter arbeitet seit 23 Jahren mit Obdachlosen - und kennt einen Gutteil der Menschen, die in Wien ohne festen Wohnsitz sind: "Es lebt niemand freiwillig auf der Straße, auch wenn das manche anfangs behaupten."

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