Mehr Klone als Kinder: Dennoch boomt die Blattlaus

24. August 2009, 18:00
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Schweizer Biologe: "Umgerechnet auf den Menschen würde das einmal Sex pro 400 Jahre bedeuten"

Zürich - Sexuelle Vermehrung ist der beste Weg zu genetischer Viefalt - und damit auch zur Entwicklung von Resistenzen gegen Gifte. Blattläuse schaffen dies allerdings auch mit einer relativ geringen Quote: Nur einmal im Jahr pflanzen sich die kleinen Insekten sexuell fort - die übrige Zeit setzen die Weibchen auf Klonierung bzw. Parthenogenese: Täglich bis zu zehn "Klone" setzt ein Blattlausweibchen in die Welt - genug, um weltweit Milliardenschäden an Nutzpflanzen anzurichten.

Erfolgsstrategie

"Die Kombination aus ein bisschen Sex und explosiver Vermehrungsrate macht Blattläuse zur den erfolgreichsten Schädlingen der Welt", bilanziert Atlant Bieri vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Zürich in seiner am Montag veröffentlichten Untersuchung: So produzieren die Weibchen nur im Herbst eine Generation von Männchen, die sich mit den Weibchen paaren. Nur auf diese Weise können sich Gene zu neuen zufälligen Kombinationen verbinden und Resistenzen gegen Gifte bilden.

In der übrigen Zeit bringen die Weibchen täglich bis zu zehn lebende identische Klone zur Welt. Obwohl sich damit aber laut Bieri nur ungefähr jede 20. Generation sexuell fortpflanzt, zeigen die kleinen Blattsauger eine unerwartet große genetische Vielfalt und machen auch vor Nutzpflanzen mit erhöhter Blattlausresistenz nicht Halt. Dies erschwert die Bekämpfung des Schädlings zusätzlich.

Experiment

Bieri zog für seine Studien den Rohr-Schwingel, eine in Europa verbreitete Grassorte, heran und setzte darauf Getreideblattläuse aus. Die Hälfte der Proben war mit einem Pilz befallen, mit dem sich das weit verbreitete Gras gegen Fressfeinde wie Blattläuse wehrt. Erwartungsgemäß ging es den meisten Blattläusen auf dem pilzbefallenen Gras schlecht: Sie entwickelten sich langsamer, produzierten weniger oder gar keine Nachkommen und verendeten früher. Einigen von ihnen ging es allerdings wesentlich besser, obwohl sie mit dem Pflanzensaft einen Cocktail aus Pilzgiften aufsaugten. Sie überwanden also nicht nur das Gift, sondern passten sich auch noch rasch daran an, was üblicherweise nur mit einer über viele Generationen dauernden sexuellen Fortpflanzung gelingt.

"Umgerechnet auf den Menschen würde das einmal Sex pro 400 Jahre bedeuten. Für unsere Evolution wäre das ein Desaster", schreibt Bieri. Die Ergebnisse der Studie wurden im "Journal of Evolutionary Biology" publiziert. (APA/AP/red)

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    foto: ages/christa lethmayer
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