Die Grenze und ihre verrottenden Monumente

24. August 2009, 16:56
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An der burgenländisch-ungarischen Grenze finden sich noch kulturelle Spuren des Eisernen Vorhangs

Andau - Franz Gyolcs, wohl einer der spannendsten Künstler im Burgenland und über dieses weit hinaus, sagt: "Das passt schon so, das soll so sein." Wenn also jemand die elendslange, schnurgerade Straße von Andau hinaus zur ungarischen Grenze radelt und sich fragt, warum da eine Skulptur nach der anderen herumsteht, vor sich hin rottet oder gar schon zerfällt: Das ist nicht nur die Gedenkkultur des Burgenlandes; denn, so Gyolcs: "Die Grenze ist ja auch verschwunden, und diese Vergänglichkeit wollte ich auch darstellen."

In den Jahren 1992 bis 1996 hat Franz Gyolcs Bildhauerkollegen aus ganz Europa, vor allem aus dem Osten, nach Andau gerufen zum Symposion mit dem Titel Die Brücke von Andau. Die dabei entstandenen gut 60 Skulpturen wurden entlang jener Straße aufgestellt, auf der 1956 zehntausende Ungarn in die Freiheit marschiert - oder gewankt - sind. Und dort gehen sie nun den Weg alles Irdischen.

Als Beobachter am Straßenrand dabei war damals übrigens der US-amerikanische Schriftsteller James A. Michener, der in seinem Buch Die Brücke von Andau den Satz schrieb: "Müsste ich je flüchten, so hoffe ich, dass es nach Österreich sein kann." Auch dieser Satz ging bekanntlich diesen irdischen Weg.

Die Absicht des Franz Gyolcs, die Vergänglichkeit ins Bildhauern zu integrieren, ist eine zutiefst literarische, unbildhauerische Weise. Denn so werden normalerweise Geschichten erzählt, während die Bildhauerei sich seit jeher ja rühmt, das Gegenteil davon zu tun, nämlich Geschichte abzufeiern und so festzuhalten für die Ewigkeit.

Auf der ungarischen Grenzseite tut man das mit Verve und Hingabe. Im sogenannten Gedächtnispark bei Fertörákos, wo unlängst auch die wahlkämpfende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel des 20. Jahrestags der Massenflucht von DDR-Bürgern gedachte, gibt es bald keinen Platz mehr für weitere Monumente. Zuletzt aufgestellt wurde die Riesenskulptur Durchbruch des Bildhauers Miklós Melocco, welche die gute Absicht ("die Befreiung eines unterdrückten Volkes durch ein anderes unterdrücktes Volk" ) wie ein Fahne vor sich herträgt und dadurch besticht, dass sie von jedem ernstzunehmenden Einfluss der vergangenen 100 Jahre unbeleckt scheint. Außerdem birgt sie ein echtes Bruchstück der Berliner Mauer!

Wer also das Echte sucht an der alten Trennlinie des Kontinents, sollte doch eher den Schreibern vertrauen. Das Literaturhaus Mattersburg - vor 15 Jahren gegründet mit dem Blick fest nach Osten - lädt am 11. September zu einer themenspezifischen Lesereise an die Grenze.

Eine Station ist der Soproner Brennberg, wo ungarische Grenzsoldaten einst taten, was junge Burschen überall tun auf der Welt: Sie schnitten in die Rinde der Bäume so manches liebe Wort. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2009)

 

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