"Es ist ein Fehler, die Geschichte auszuradieren"

24. August 2009, 16:53
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Vor 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang - Heute ist kaum mehr etwas übrig von der gebauten Grenze

Gegen das Vergessen erdachte Michael Cramer den "Iron Curtain Trail", einen Radweg entlang der "Narbe Europas".

Wien – Zwei Dinge haben Michael Cramers Leben geprägt: das Fahrrad und die Berliner Mauer. Michael Cramer ist Abgeordneter der deutschen Grünen im EU-Parlament. Schwitzend steht er in Sandalen und kurzer Hose neben einem burgenländischen Acker und spricht in sein Diktiergerät: "Zwischen Schattendorf und Ágfalva gibt es einen Radweg. Ich hätte mich in den Arsch gebissen, wenn das nicht drinnen gewesen wäre." Seit zwei Tagen ist er mit dem Fahrrad an der österreichisch-ungarischen Grenze unterwegs, um solche Wege zu finden und aufzuzeichnen.

Herr Cramer hat sich den "Iron Curtain Trail" ausgedacht, einen Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, der alten Grenze zwischen Ost und West. Die Route führt fast 7000 Kilometer quer durch Europa, von Kirkenes in Norwegen bis nach Carvo in Bulgarien, von der Barentssee bis ans Schwarze Meer. Einen Radführer in drei Bänden hat er darüber geschrieben. Zwei sind schon erschienen, der dritte geht Ende August in Druck. Herr Cramer ist gerade dabei, die letzten Details zu recherchieren.

Vor 30 Jahren, 1979, verkaufte Herr Cramer seinen Peugeot und fuhr seither so viel wie möglich mit dem Rad. In die Arbeit, zum Einkaufen und auf Urlaub. Heute kämpft er dafür, dass die Deutsche Bahn die Mitnahme von Fahrrädern im ICE gestattet.

1961, als die Berliner Mauer gebaut wurde, fürchtete er sich vor dem dritten Weltkrieg. 1974 zog er nach Westberlin und machte Fotos von dem "Monstrum" . Im Sommer 1989 fuhr er sie dann mit dem Rad ab. Immer und immer wieder.

Dann, im November, begannen die ostdeutschen Soldaten, die Mauer abzubauen – "mit preußisch-deutscher Gründlichkeit" . Michael Cramer meint das nicht als Kompliment. "Es ist ein Fehler, die Geschichte ausradieren zu wollen" , sagt er.

2001, vierzig Jahre nach dem Mauerbau,wollte Herr Cramer wissen, wie sein alter Radweg entlang der Mauer aussieht. Er fuhr die Strecke wieder ab und stieß auf Probleme. Die Mauer war verschwunden, an vielen Stellen war es schwierig, ihren alten Verlauf zu rekonstruieren. Gegen das Vergessen wollte Herr Cramer etwas tun. Er schrieb den Weg genau auf und machte daraus eine Broschüre. 2000 Stück wurden gedruckt.

Nach zwei Wochen war sie ausverkauft. "Das Interesse war enorm. Die Leute wollten wissen, wo die Mauer einmal war. Heute sind die Mauerreste genauso wichtig und selbstverständlich wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche" , sagt Cramer.

Auf den "Berliner Mauerradweg" folgte 2007 der "Deutsch-Deutsche Radweg" (Cramer: "Kürzen Sie das einmal ab." ) entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Jetzt wird der "Iron Curtain Trail" ausgeschildert. Die EU zahlt mit, sie hofft auf nachhaltigen Radtourismus in den Grenzregionen.

Fehlende Schilder sind nicht die einzigen Schwierigkeiten. "Radkarten halten sich fast immer an nationale Grenzen. Auf den Karten sieht es so aus, als würden die Radwege an der Grenze plötzlich aufhören, oft gehen sie aber auf der anderen Seite weiter" , sagt Cramer.

Auch er glaubt, dass der "Iron Curtain Trail" Touristen an die Grenze lockt. "Der Weg bietet eine faszinierende Mischung aus Natur und Geschichte" , schwärmt er.

Der alte Grenzstreifen ist zwischen 50 und 200 Meter breit und blieb über 40 Jahre fast unberührt. Er wurde zum Rückzugsort vieler Tier- und Pflanzenarten. Die Organisation "Grünes Band Europa" kümmert sich darum, dass der Streifen als Naturschutzgebiet erhalten bleibt. Vorsitzender des Vereins ist Michail Gorbatschow.

Auch zwischen Österreich und Ungarn radeln künftige Grenztouristen durch üppiges Grün, alte Patrouillenwege führen durch ein Gestrüpp aus Brombeersträuchern und Hollerstauden. Nicht immer ist klar, in welchem Land der Weg gerade verläuft. Die einstige "Weltgrenze zweier Systemblöcke" , sagt Cramer, sei heute fast unsichtbar.

Bisher ist nicht viel los zwischen Schattendorf und Ágfalva. Der Neusiedler See zieht die Touristen an, für die Grenzregion interessiert sich kaum einer. Auf den Straßen ist zu Mittag kein Mensch zu sehen, die Gasthäuser haben alle Ruhetag oder wegen Urlaubs geschlossen.

Nur zwei Damen machen einen Radausflug. Sie leben in Schattendorf und fahren Kaffee trinken nach Sopron. Das haben sie schon gemacht, als die Welt noch in West und Ost geteilt war. "Es hat sich nicht viel geändert, seit der Eiserne Vorhang weg ist" , meint die eine. "Nur sicherer haben wir uns früher gefühlt. Da ist noch nicht alles rübergekommen." (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2009)

  • Davor Wald, danach Wald, trotzdem trennten die Grenze zwischen Österreich und Ungarn einst  Welten. Heute bleibt der Text auf dem Schild für Michael Cramer eine leere Drohung.
    foto: tobias müller

    Davor Wald, danach Wald, trotzdem trennten die Grenze zwischen Österreich und Ungarn einst  Welten. Heute bleibt der Text auf dem Schild für Michael Cramer eine leere Drohung.

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