"Die Ministerin ist in einem Kleinkrieg gelandet"

24. August 2009, 16:49

Wolfgang Zinggl kritisiert einen permanenten Stillstand der Kulturpolitik - Er fordert eine Neuordnung der Museen und eine Mindestsicherung für Künstler

Standard: Nach vielfacher Kritik an Doppelgleisigkeiten bei den Bundesmuseen hat Kulturministerin Claudia Schmied vor über zwei Jahren eine "museumspolitische Initiative" gestartet. Das Schlagwort lautete "Museumsreform" . Wie kommentieren Sie die Situation?

Zinggl: Es geht nicht viel weiter. Leider. Ich glaube, dass die Ministerin eine Reform wollte, aber letztlich ist sie - wie in der Schulpolitik - in einem Kleinkrieg gelandet. Sie kann sich nicht durchsetzen und die Museumspolitik nicht so gestalten, wie es notwendig wäre. Eine Neuordnung ist unabdingbar. Die Museen haben mit der Vollrechtsfähigkeit im Zuge der Ausgliederung vor rund einem Jahrzehnt die Möglichkeit bekommen, zu tun und zu lassen, was sie wollen, und das hat zu einem heillosen Chaos im Sammlung- und Ausstellungswesen geführt. Dem muss etwas entgegengesetzt werden.

Standard: Vor vier Jahren haben Sie ein Konzept mit dem Titel "Zusammenführen, was zusammengehört" vorgelegt. Waren Ihre radikalen Vorschläge nicht ein wenig unrealistisch? Auf die Geschichte der Sammlungen wurde ja keine Rücksicht genommen.

Zinggl: Das Wort "unrealistisch" weise ich zurück. Zu allen Zeiten sind die Sammlungen nach den Wünschen der jeweiligen Feudalherren umgestaltet worden. Und nicht zuletzt aufgrund einer sehr willkürlichen Zuordnung haben wir heute dieses Desaster, dass die Venus von Willendorf im Naturhistorischen Museum aufbewahrt wird. Die Regierung hat - wie in früheren Zeiten die Herrscher - die Aufgabe, die Sammlungen nach den gegenwärtigen Notwendigkeiten zu ordnen. Ordnung ist das halbe Kulturleben.

Standard: Die Grünen haben ein Museum der Kulturen vorgeschlagen, das aus mehreren Sammlungen besteht. Ein solches könnte nun in Ansätzen realisiert werden: Es gibt seit Monaten ein unveröffentlichtes Konzept für die Fusion von Volks- und Völkerkundemuseum.

Zinggl: Wir unterstützen das Konzept auf ganzer Linie. Ich kann nur hoffen, dass es auch umgesetzt wird. Denn eines wissen wir: Pläne gibt es im Schmied-Ministerium in Hülle und Fülle - sie werden aber nicht verwirklicht. Die bloße Fusion ist aber zu wenig. Das Völkerkundemuseum verlor seine Eigenständigkeit, weil der damalige KHM-Generaldirektor und Lehensherr Wilfried Seipel möglichst viel Land an sich ziehen wollte. Das muss wieder rückgängig gemacht werden! Das Völkerkundemuseum hat, seit Jahren praktisch geschlossen, seine internationale Reputation verloren. Das ist ein Skandal! Es gehört wiederbelebt - und erweitert. Die ägyptisch-orientalische Sammlung hat im Kunsthistorischen Museum eigentlich nichts verloren. Das sind kulturelle Zeugnisse - und keine Kunstschätze.

Standard: Ist es nicht ein wenig zu eng gedacht, nur die Bundesmuseen neu ordnen zu wollen? Sollten nicht auch das Leopold-Museum und die Wiener Museen Teil der Überlegungen sein?

Zinggl: Wir können uns auch ein europäisches Museumskonzept vorstellen. Denn es ist ja unverständlich, warum in jedem Moderne-Museum fast das Gleiche gesammelt wird. Ich gehe doch lieber in Museen, deren Bestände es anderswo nicht zu sehen gibt. Also: Natürlich wäre eine bundesweite Museumspolitik richtig, in die auch die Länder und Städte miteinbezogen werden. Aber es gelingt der Ministerin nicht einmal, die Kunstmuseen des Bundes zu ordnen. Sie glaubt ja nach wie vor, dass sich die Direktoren darauf einigen können, was wer an zeitgenössischer Kunst sammeln soll oder darf. Das ist eine völlige Illusion. Eher wird ein Rudel Hunde eine Knackwurst gerecht aufteilen.

Standard: Ist es überhaupt sinnvoll, wenn gleich vier Museen - Mumok, Belvedere, Albertina und Mak - Gegenwartskunst sammeln?

Zinggl: Es ist zumindest ein Trugschluss, wenn man glaubt, dass es der Gegenwartskunst dienlich ist. Denn im Prinzip wollen alle das Gleiche sammeln: West, Wurm, Lassnig & Co. Eine Vielfalt ist dadurch nicht gewährleistet. Wir haben vor viereinhalb Jahren vorgeschlagen, dass eine Kommission über die Ausstellungs- oder auch Sammlungsaktivitäten wacht und darauf schaut, dass die Kriterien eingehalten werden. Das funktioniert in den Niederlanden sehr gut.

Standard: In Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen sagte Schmied, dass das Vier-Augen-Prinzip gewährleistet sein müsse. Bei den meisten Bundesmuseen akzeptiert sie hingegen nur einen Geschäftsführer. Ist das in Ordnung?

Zinggl: Der Fall Seipel hat bewiesen, dass ein Vier-Augen-Prinzip in jedem Fall besser ist: Das KHM leidet noch immer unter den Fehlentscheidungen der Vergangenheit. Ich habe zwar volles Vertrauen zu den Direktoren, aber zwei Geschäftsführer sind eine Konstruktion mit Netz, die sinnvoll ist, weil im Endeffekt der Bund für die Fehler der Direktoren haftet. Das Vier-Augen-Prinzip ist daher nicht nur für die Festspiele richtig, sondern für alle Bundesmuseen.

Standard: Vor einem Jahr nahmen zwei Provenienzforscher ihre Tätigkeit im Leopold-Museum auf. Die ersten Ergebnisse waren für Anfang des Jahres angekündigt worden ...

Zinggl: Wann immer ich nachfrage, heißt es: "Die ersten Ergebnisse wird es bald geben." Diese Verzögerungsstrategie kenne ich nun schon zur Genüge. Ich denke mir: Es muss zumindest Teilergebnisse geben. Und ich frage mich: Warum werden sie nicht veröffentlicht? Wir werden daher wieder Anfragen an Schmied richten. Sobald die Forscher auch nur ein einziges Werk gefunden haben, das nach den Richtlinien des Rückgabegesetzes zu restituieren wäre, muss dies bekanntgegeben werden.

Standard: Vor über einem Jahr wurde auch die Studie zur sozialen Lage der Künstler fertiggestellt ...

Zinggl: ... und seither gab es nur Symposien und Enqueten. Eine Regierung ist zum Handeln da - und nicht nur zum Diskutieren. Wir warten auf Taten. Es wird nicht anders gehen, als so etwas wie eine Mindestsicherung für Künstler in die Wege zu leiten. Wir haben bereits einen Entwurf ausgearbeitet: Wir schlagen 1100 Euro pro Monat vor. Meinetwegen kann auch ein anderer Vorschlag realisiert werden. Was aber nicht geht, ist nur zu diskutieren - während viele Künstler in Armut leben. Das muss nicht sein in einem der reichsten Staaten der Welt.

Standard: Die Ministerin sagte, man könne eine solche Absicherung nicht nur für eine Berufsgruppe einführen: Es handle sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Zinggl: Schmied sollte sich um die Künstler kümmern, für die sie verantwortlich ist. Die Lehrer, die Bauern, die Sportler haben auch Vorteile, die keine andere Berufsgruppe hat. Wenn man anhand der Künstler sehen könnte, dass eine Mindestsicherung funktioniert, würde sie von der Regierung wohl auf alle Berufsgruppen ausgeweitet werden. Die Ministerin hat definitiv die Aufgabe, den Missstand der Unterfinanzierung des kreativen Potenzials zu beenden.

Standard: Sie würde kontern: "Der Zinggl kann leicht mehr Geld fordern, denn er muss die Maßnahmen nicht finanzieren." Oder?

Zinggl: Wir bräuchten nur ein Kulturbudget auf dem Niveau von 1999 - und schon wären viele Probleme gelöst. Und es ist ja auch Geld da. Wenn Helga Rabl-Stadler, die Präsidentin der Salzburger Festspiele, "Es hat hereingeregnet!" schreit, bekommt sie sofort 3,8 Millionen Euro. Solche zusätzlichen Subventionen sind nicht einzusehen, wenn gleichzeitig hunderte Künstler nicht wissen, wie sie im Winter die Wohnung heizen sollen.

(Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 25.08.2009)

Zur Person:
Wolfgang Zinggl, 1954 in Wien geboren, arbeitete als Künstler, Kritiker und Kurator. Er ist Kultursprecher der Grünen und Vorsitzender des Mumok-Kuratoriums.

Kommentar posten
17 Postings
František Faktor
00
25.8.2009, 12:40

Wolfgang Zinggl ist einer der wenigen Grünen die mir immer wieder gefallen.

Gluck
00
25.8.2009, 12:36

Typisch für Schmied, sie will Reformen, hat aber kein realistisches Konzept oder tritt welche los bevor ein brauchbarer Fahrplan steht.

cooper the Bloom
 
20
25.8.2009, 02:04
Wieso zeigt Österreich immer nur seine Stärke

gegenüber den Schwachen?

www.vordemgesetz.at

cooper the Bloom
 
02
25.8.2009, 01:55
Die Realität der Künstler ist erschreckend!

Es wird seit Jahren nur heiße Luft verbreitet, statt moderne, effiziente Lösungen zu finden, Kunst und (lebende!) Künstler zu fördern und zu finanzieren! Aber "die ewig rachsüchtigen Beamten" (Franz Kafka) verhindern intelligente Lösungen, weil sie selbst keine Ahnung haben, wie das Leben eines Künstlers aussieht!
Dabei gibt es wunderbare Beispiele anderer Länder! (Frankreich, Skandinavien...) Sie bräuchten nicht einmal was Neues erfinden, einfach nur über die Grenze schauen und nachmachen...

Tex Thomalla
 
01
25.8.2009, 08:13

Sie haben recht, die Lage für die meisten Künstler, auch zum Teil schon recht erfolgreichen (was ja nicht zwingend auch finanziell bedeutet) ist verheerend.
Bis einer stirbt und sein Werk entdeckt wird. Dann ist das Ministeriengeschrei voller Lob und Anerkennung, wird sich damit geschmückt, wie Gorilla auf die Brust geklopft, Empfänge zu Ehren des Verstorbenen (weil er nix mehr zu fressen hatte?) im Leopold veranstaltet und irgendwann hängt dann eine seiner Arbeiten im Arbeitszimmer eines hochrangigen Beamten- freilich kann sich der Künstler dagegen nicht mehr wehren.
Egal welche Art von Kreaktivität auslebt, ob Malerei, Schreiben oder Bildhauerei- man ist und bleibt der Abschaum der Gesellschaft.

wuzi buzi
00
24.8.2009, 21:42
Frage:

"Es gibt seit Monaten ein unveröffentlichtes Konzept für die Fusion von Volks- und Völkerkundemuseum.
Zinggl: Wir unterstützen das Konzept auf ganzer Linie."

Wenn man zwei Sterbenskranke in ein Zimmer legt, werden die deshalb wieder gesund???

Saora Orian
03
24.8.2009, 20:45
Künstlerleben

10 - 20 prozent können von ihrem verkauf leben. die anderen künstler sind deswegen aber nicht schlechter, problem es gibt in unseren breitengraden kein kunstmarkt. die galerien vertrauen auf bekannte namen, experiment bedeutet für sie = Image-angst. studenten in ausbildung werden hingegen gerne präsentiert da ja dahinter ein professor steht der sich damit legitimiert. das diplom aber einmal in der tasche steht er oder sie dann alleine da. alternativen sind „off space“ wo künstler projekte machen ist zwar super aber markt = 0. die kulturnation österreich lebt gut von ihren verstorbenen künstler. die realität der lebenden künstler bedeutet armut, nicht heizen, existenz ängste und schikaniert vom ams.

hellfast
01
25.8.2009, 00:10

sva nicht vergessen...

prof. hans wurst
00
25.8.2009, 17:30
Von der Kunst leben

können die wenigsten, und das ist leider oft unabhängig von der künstlerischen Qualität.
Der Kunstmarkt funktioniert ebenso wie das Showbiz nach dem Star-Prinzip, und das bedeutet, dass es immer nur wenige Stars geben kann und viele Verlierer.

Dazu kommt, dass "Künstler" keine geschützte Berufsbezeichnung ist. Wie soll das funktionieren - eine Mindestsicherung für einen Beruf, den im Prinzip jeder für sich reklamieren kann?

Bevor Herr Zinggl nicht klar den Personenkreis definiert, den er im Auge hat, kann ich seine Aussagen nicht ernst nehmen.

hellfast
00
27.8.2009, 18:07

wieso funktioniert das dann in deutschland zB für die musiker?

Schnur
52
24.8.2009, 18:33
Wo sind die Künstler überhaupt hin? Wurden sie verhungert?

"Wenn Helga Rabl-Stadler "Es hat hereingeregnet!" schreit, bekommt sie sofort 3,8 Millionen Euro. Solche zusätzlichen Subventionen sind nicht einzusehen, wenn gleichzeitig hunderte Künstler nicht wissen, wie sie im Winter die Wohnung heizen sollen."
Richtig. Das ist wohl eine der Ursaches unseres kulturellen Tiefstands. Ich vermisse die Künstler, die sich zu Wort melden. Verstaubte ELITE-Kultur wird großartig gefördert, das dient auch dem Aufputz der Feudalherren. Subventioniert werden Jedermann, Blasmusik und Trachtenvereine, aber nicht mehr zeitgenössische Kunst - das Linke`Gsindl. Es kann aber keine ÖVP-FPÖ-Künstler geben, das wäre ein Widerspruch in sich. Wahrscheinlich sind unsere Künstler schon heimlich verhungert und erfroren!

politisch verfolgt
02
24.8.2009, 18:49
künstler müssen also

"linkes gsindl" sein? wer sagt das, wie begründen sie das?

politisch verfolgt
00
24.8.2009, 18:27
nicht jeder

der seine wohnung nicht heizen kann, ist ein künstler.

marie berg
43
24.8.2009, 18:26
warum um alles

in der welt soll ein künstler mehr mindestsicherung kriegen, als ein "normaler" mensch? völlig absurd!

Sergio Martino
02
25.8.2009, 11:48
Und warum dürfen kleine Betriebe in Konkurs gehen, während

bei den "Großen" sofort der Staat einspringt und Milliarden an Steuergeldern zuschießt, für die noch unsere Kinder werden zahlen müssen?
Warum leisten wir uns einen absurd gigantomanischen Bundesstaat mit mehrfachen Parallelstrukturen (alleine schon die ganzen Krankenkassen!)? Wieso gibt es viel Geld für staatlich subventionierte Politapparatschiks?
Wieso haben österreichische Ski"stars" bis an ihr Lebensende einen ganz geringen Steuersatz, während Otto Normalbürger schön blechen darf?

marie berg
10
26.8.2009, 00:01
ja eh.

aber was hat das mit diesem artikel zu tun?

prof. hans wurst
12
24.8.2009, 17:51
Bei einer Mindestsicherung für Künstler

müsste erst einmal definiert werden, wer überhaupt ein Künstler ist.
Wenn man nur einen akademischen Abschluss anerkennen würde, wäre das Geschrei innerhalb der "Künstlerschaft" groß. Falls aber jeder selbsternannte "Künstler" eine Mindestsicherung erhielte, würde ihre Zahl explodieren.

Besser wäre es, die Ausbildungen zu ändern: jeder, der Kunst studiert, sollte gleichzeitig eine Ausbildung im angewandten oder pädagogischen Bereich seines Feldes machen - dann hat er hinterher wenigstens die Möglichkeit, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Im Moment sieht man vor allem Kunstprofessoren, denen es um ihre eigene Absicherung geht und verwöhnte Wohlstandskinder, die einen "bürgerlichen" Beruf zu langweilig finden.

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