Norwegen sucht seinen verschollenen Helden

24. August 2009, 18:33
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81 Jahre, nachdem sein Flugzeug verschwand, beginnt die Suche nach Roald Amundsen erneut

Es war am Nachmittag des 18. Juni 1928 um 18.45 Uhr, als die letzte Funknachricht vom norwegischen Polarforscher und -entdecker Roald Amundsen bei der Bodenstation einging: Seine zweimotorige französische Wasserflugmaschine vom Typ Latham 47 schwebte da noch über dem Meer, auf der Strecke zwischen Tromsö und Spitzbergen. Dann aber war sie plötzlich weg. Für immer, wie es schien. Irgendwo in der Arktis in der Nähe der Bäreninsel war sie verschollen.

Der Held der erst 1905 von Schweden unabhängig gewordenen jungen norwegischen Nation, der als erster die Nordwestpassage überquerte und den spektakulären Wettlauf zum Südpol zu Fuß und mit Hundeschlitten gegen seinen dort umgekommenen Rivalen Robert Falcon Scott gewann, starb nicht auf einer seiner riskanten Expeditionen - sondern bei einem Flugzeugabsturz. Doch die genaueren Umstände des Unfalles konnten nie geklärt werden.

Denn bei seiner letzten Reise suchte Amundsen ausgerechnet nach seinem Erzfeind, dem italienischen General und Expeditionsführer Umberto Nobile, dessen Luftschiff "Italia" auf der Rückkehr vom Nordpol abgestürzt war. Nobile und seine Männer, die den Nordpol erstmals mit einem Ballon erreichen wollten, warteten währenddessen hilflos auf einer im Wasser schwimmenden Eisscholle auf Rettung - die dann, später, auch kam.

Nur Amundsen und seine französischen Piloten kehrten nie wieder zurück. Trotz intensiver Suche konnte die Maschine nicht gefunden werden. Fünf Jahre später sichteten norwegische Fischer Wrackteile. Vermutlich stammten sie von Amundsens Flugzeug. Doch die Bergung misslang - Amundsen blieb verschwunden. Bis heute.

Neuauflage der Suche 

Doch nun - genauer: am Montag, 81 Jahre nach dem Verschwinden - brach in Norwegen eine neue, großangelegte Suchexpedition nach dem Nationalhelden und seinem Flugzeug auf. Das Marineschiffe "KNM Svalbard" und das Versorgungsschiff "KNM Tyr" stachen in See, um auf der Flugroute nach den Resten der Latham 47 zu suchen. An der Expedition beteiligen sich die norwegischen Streitkräfte, das Luftfahrtmuseum, der norwegische Waffen- und Schiffsbauer Kongsberg sowie die deutsche TV-Produktionsfirma Context-TV - Letztere war schon an der Suche nach der "Bismarck" und der "Titanic" beteiligt.

Die moderne Technik soll, so lange nach dem Verschwinden Amundsens, möglich machen, was zuvor als aussichtslos galt: Mit dem "selbstdenkenden" Unterwasserroboterfahrzeug "Roboter Hugin 1000 AUV" ("Autonomous underwater vehicle"), das durch seine "Sonar-"Augen" und eine Vielzahl anderer Hightech-Sensoren in Tiefen bis zu 3000 Meter tauchen und suchen kann und auch zum Auffinden von Seeminen genutzt wird, will man des Nationalhelden und seiner Maschine wieder habhaft werden. Dann, wenn der erste Roboter die Position vom Flugzeug des Polarabenteurers ermittelt hat, soll ein anderer Automat, "Roboter Scorpion 21", in der Tiefe Videoaufnahmen machen.

Schon 2004 hatte das Forschungsinstitut der norwegischen Streitkräfte versucht, Amundsen zu finden. Aber das schlechte Wetter und die nur sehr begrenzten finanziellen und technischen Ressourcen brachten das Projekt zum Scheitern.

Amundsen war eine schillernde Gestalt. Immer wieder glückte es ihm, der norwegischen Königsfamilie und anderen Institutionen große Geldsummen für seine angeblich wissenschaftlichen Expeditionen zu entlocken. Er galt allerdings auch als rücksichtsloser Egomane, dem vor allem der persönliche Triumph bei den in seiner Zeit prestigeträchtigen Wettrennen zu Nord- und Südpol über alles ging: Auch Menschenleben zu opfern, soll er bewusst in Kauf genommen haben.

Für das damals noch junge Norwegen, das erst in den 1960er-Jahren seinen Ölreichtum entdeckte, war Amundsen aber dennoch eine wichtige Integrationsfigur: Das damals bettelarme Land war erst dank seines Triumphes beim Wettrennen zum Südpol bekanntgeworden. (André Anwar aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 25. 8. 2009) 

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    Roald Amundsen, durch seine Pionierleistung und seinen mysteriösen Tod zur Legende geworden

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