Lernhilfen für angehende Prinzessinnen

25. August 2009, 01:19
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Beim Pons-Verlag versteht man unter geschlechtergerechten Textaufgaben, Mädchen ja nicht mit Technik oder anderem Bubenkram abzuschrecken

Früh übt, wer Meisterin werden will. Ob das nun Lesen, Schreiben, Rechnen betrifft, lieber zu viel als zu wenig, gilt Erziehungsberechtigten als Devise, wenn es um den Lernerfolg ihrer Sprösslinge geht. Lernhilfen eignen sich da als Rüstzeug für die schulischen Anforderungen, hat man doch selber nicht immer Zeit oder Kopf für genug Ideen, zu Hause passende Aufgaben zu stellen.

Der Verlag Pons hat sich neben Wörterbüchern und Sprachhilfen auch auf das Anbieten solcher Lernhilfen nach Altersgruppen und Schulstufen spezialisiert. Und darauf, diese geschlechterspezifisch aufzubereiten: Da gibt es die Pons Textaufgaben und Diktate für Jungs sowie die Pons Textaufgaben und Diktate für Mädchen. Spezifisch ja, vulgo gerecht?

Als "die ersten Lernhilfen, die Mädchen bzw. Jungs gezielt fördern" subtituliert, erhalten Mädchen und Jungs in diesen Hilfen bereits beim Diktate üben einen ersten Eindruck davon, worum sich ihre Berufswünsche künftig drehen werden, zieht dieStandard.at-Userin Eva Bauer in ihrem Schreiben an uns ein prägnantes Resümee, das wir Ihnen nicht vorenthalten wollen: "Auch wenn Burschen in gleichem Maße Rechenübungen vorfinden wie Mädchen, dürfen letztere Blütenblätter berechnen, während ihnen dank der Lernhilfe für Jungs die Hubschraubermaße vorenthalten werden. Mandala malen und berechnen? Kein Problem für die Mädls nach der entsprechenden Übung; aber einen Ballwurf berechnen wird dann wohl doch wieder zu schwer und entspricht auch gar nicht dem Interesse der angehenden Prinzessinnen und Ponyhofmitarbeiterinnen."

Und: "Nicht nur bei der Berufswahl trifft PONS mitten in die Herzchen der Mädchen und Herzen der Jungs, auch die Entscheidung über jeweilige Farbpräferenzen wird ihnen dank der nicht minder stereotypisierten Layoutierung genauso abgenommen wie jene über die Wahl der Freizeitgestaltung", konstatiert Userin Bauer.

Warum Pons auf den Trichter gekommen ist, die Lernhilfen in zwei Ausführungen anzubieten, wird in den Kurzbeschreibungen für die Bücher auf der Pons-Webseite klar: "Themen wie Freundschaften, Pferde, Meerjungfrauen wecken das Interesse von Mädchen." Für die Jungs ersetze man die obigen Substantive durch "Sport, Dinosaurier und Piraten". Konsequent im Rahmen dieser Idee einer - soll sie niederschwellig sein? - Heranführung an die Lernstoffe sind auch auf den jeweiligen Bucheinbänden Kinder in Piratenkluft unter blauer Banderole bzw. in weißen Kleidchen mit Engelsflügeln unter einer rosanen zu sehen. Raten Sie Mal, welches Geschlecht die Freibeuter und welches die Engerln haben.

So gut gemeint der Ansatz auch sein möge, Kindern Spaß am Lernen zu vermitteln und den Eltern solide Materialien fürs Üben zu Hause in die Hand zu geben: Auch auf die Form und den Rahmen, in welchem diese Vermittlungsarbeit passiert, kommt es an. Nicht jedes Mädchen - nicht früher, und heute schon gar nicht - erträumt sich selbst als Prinzessin oder Ponyhofbesitzerin. Nicht jeder Junge fährt auf Dinosaurierknochen oder Hubschrauber ab. Interessen und Präferenzen nach Geschlecht bei Kindern im Volksschulalter als (vor)gegeben anzusehen, ist die falsche Herangehensweise, schon gar vor dem Hintergrund der einseitigen Berufswahl mit all ihren Benachteiligungen für Frauen am Arbeitsmarkt in Folge.

Viel mehr sollte es gerade bei Lernmaterialien darum gehen, Interessen zu wecken, deren Spektrum zu erweitern und zu vermitteln. Dazu muss nicht auf vermeintlich "Bekanntes" zurückgegriffen werden, schon gar nicht, wenn das in Wirklichkeit und besonders in diesem Kontext befremdlich ist. Dass Pons nicht auf angestaubte Rolemodels verzichtet, sondern mit ihnen arbeitet und sie damit weiter schreibt, bedingt an dieser Stelle eine Zitrone, quasi als kleine Hilfestellung für Pons. Vielleicht lernt der Verlag was daraus. (red/dieStandard.at, 25.8.2009)

  • Rosa und Meerjungfrauen, am besten mit Engelsflügeln: Damit Mädchen rechnen und schreiben lernen, muss man ihnen die trockene Materie schon in "weicherer" Verpackung anbieten. Sonst erschrecken sie sich noch.
    foto: pons verlag buchcover

    Rosa und Meerjungfrauen, am besten mit Engelsflügeln: Damit Mädchen rechnen und schreiben lernen, muss man ihnen die trockene Materie schon in "weicherer" Verpackung anbieten. Sonst erschrecken sie sich noch.

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