"Mit dem Kopf gegen Beton"

24. August 2009, 11:54
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"Sme": Slowakisch-ungarische Beziehungen gleichen einem Minenfeld - "Magyar Nemzet": Ein beispielloser Vorfall

Budapest/Bratislava/Prag - Zeitungen in Budapest, Bratislava und Prag gehen am Montag umfassend auf den ungarisch-slowakischen Streit über das Einreiseverbot für den ungarischen Präsidenten Laszlo Solyom in die Slowakei ein:

"Pravda" (Bratislava):

"Wenn an dem Vorfall etwas skandalös war, so war es die Ignoranz und Arroganz, die der ungarische Präsident vorgeführt hat. Er hat die Empfehlung der eigenen Regierung ignoriert, er ignorierte die Vorbehalte der slowakischen Regierung und des schwedischen EU-Vorsitzes und ging los. Mit dem Kopf gegen Beton."

"Sme" (Bratislava):

"Die slowakisch-ungarischen Beziehungen sehen historisch anders aus als die slowakisch-tschechischen. Solyom muss begreifen, dass er sich hier auf einem Minenfeld bewegt und er sollte seine Reisen zu Landsleuten reduzieren und politisch besser organisieren. Von den Organisatoren des Festes zu Ehren des ersten ungarischen Königs ist es heuchlerisch, über die gemeinsame Tradition und Annäherung zwischen Ungaren und Slowaken zu sprechen und zugleich die Feier nur innerhalb des eigenen ethnischen Ghettos zu planen."

"Magyar Nemzet" (Budapest):

"Mit dem Zwischenfall des vergangenen Wochenendes ging Bratislava bis zum Äußersten. Denn der slowakische Boykott der Teilnahme des ungarischen Staatschefs an einer Denkmalenthüllung in Komarno gilt als der provokativste diplomatische Schritt nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem ein ungarischer Würdenträger jemals konfrontiert wurde. Ein beispielloser Vorfall, denn in der Geschichte der Europäischen Union gab es noch keinen ähnlichen Zwischenfall. (...) In der gegenwärtigen Situation muss die ungarische Diplomatie ernsthaft darüber nachdenken, wie in der Europäischen Union endlich auf den Tisch gehauen werden kann, wie in dem Fall die ungarischen Interessen durchgesetzt werden müssten."

"Magyar Hirlap" (Budapest):

"Die Demütigung des Präsidenten der Republik Ungarn kommt einer Ohrfeige gegen uns alle gleich. (...) Dabei fällt den Menschen vor allem die scheinheilige, lügenhafte Argumentation auf, mit der die von Robert Fico geführte Koalition versucht, die gegen den höchsten Würdenträger des Nachbarlandes, dem NATO- und EU-Verbündeten verübte Gesetzwidrigkeit zu erklären. Für Bratislava war angeblich verletzend, dass der ungarische Staatschef Laszlo Solyom gerade am 21. August Komarno besuchen wollte, da an diesem Tag vor 41 Jahren auch ungarische Truppen an der Besetzung der Tschechoslowakei teilnahmen. Nach der Wende haben führende ungarische Politiker mehrfach ihr Bedauern wegen der verbrecherischen Aktion zum Ausdruck gebracht. In Bratislava spricht aber eigenartiger Weise niemand darüber, welch beschämende Rolle die slowakische Elite in dem auf den 'Prager Frühling' folgenden blutigen 'Prager Herbst' spielte."

"Pravo" (Prag):

"Wer wird den Streit entscheiden? Das Europaparlament oder der Europäische Rat können nur etwas empfehlen und zur Aussöhnung auffordern. Genauso wie die Sozialistische Internationale, deren Mitglieder die Hauptpartei der slowakischen Koalition, Smer von Robert Fico sowie die regierende ungarische Sozialistische Partei sind. Budapest wird sich daher wahrscheinlich an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg wenden. Fico hat dort aber nicht viele Chancen zu gewinnen (...) Es geht nicht um den Sieg in dem Streit. Ethnische Feindseligkeiten, die sich von Slotas SNS (Slowakische Nationalpartei) und Orbans nationalistischer Fidesz ausbreiten, gehören doch nicht nach Europa, nicht einmal in die Staatsführung der Slowakei und Ungarns. Die Wähler entscheiden leider anders. Die EU wird aber den Kalten Krieg zwischen Bratislava und Budapest bestimmt überwinden."

"Lidove noviny" (Prag):

"Keine der beiden Seiten verhält sich nach dem Lehrbuch. Wenn aber die Regierung in Bratislava mit ihrer absurden Entscheidung, dem ungarischen Präsidenten die Einreise auf ihr Territorium zu verweigern, nicht die Aufmerksamkeit der umliegenden Welt angezogen hätte, hätte sie (die Welt) über Solyoms Reise offenbar kaum erfahren. Wenn die gegenwärtigen politischen Spitzen der Slowakei und Ungarns nicht imstande sind, eine gemeinsame Sprache zu finden, werden jene sie gerne am Ruder ersetzen, denen die Interessen ihrer eigenen ethnischen Gruppe in dem Maße am Herzen liegen, dass sie die benachbarte Nation gar nicht interessiert. Das werden aber schon wirkliche Rowdies sein." (APA)

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