Progerie

Kind sein als Greis

Regina Philipp, 25. August 2009, 15:08
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    foto: apa/helmut fohringer

    Im Erbgut progerieerkrankter Kinder findet sich eine Mutation im Lamin Gen.

Die Progerie lässt Kinder nicht alt werden, aber alt aussehen - Mit neuen Medikamenten will man dem Alterungsprozess Einhalt gebieten

Immerhin: Die Ursache dieser Seltenen Erkrankung ist bereits identifiziert. Unabhängig voneinander ist dem Franzosen Nicolas Levy und der Amerikanerin Maria Eriksson dieses medizinische Glanzstück vor sieben Jahren geglückt. Beide haben im Erbgut progerieerkrankter Kinder eine Mutation im Lamin Gen entdeckt. Konkret geht es um Lamin A und das etwas kürzere Lamin C - zwei Proteine, die beim gesunden Menschen für die Stabilität der Zellkerne verantwortlich sind.

Kleiner Fehler mit großer Wirkung

Eine winzige Veränderung mit unglaublichen Konsequenzen für progeriekranke Kinder. Zellen verlieren fünf bis zehn mal schneller als vorgesehen ihre Integrität, gehen deshalb früher zugrunde und lassen die Betroffenen bereits als 5-jährige alt aussehen. „Typisch für diesen Gendefekt: Er betrifft nicht alle Zellen", weiß Thomas Brune, Pädiater und Neonatologe am Universitätsklinikum in Magdeburg. Nervenzellen und Blutzellen verhalten sich beispielsweise vollkommen normal. Das ist der Grund warum diese Kinder neurologisch unauffällig sind, keine Demenzen, grauen Star oder Leukämien entwickeln. Besonders stark betroffen sind dagegen Zelltypen die sich in Haut, Knochen und Gefäßen wieder finden. Die Folgen, die daraus für die erkrankten Kinder entstehen: Sie leiden unter Gefäßverkalkungen und Osteoporose mit der daraus resultierenden Anfälligkeit für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Knochenbrüche. Im Schnitt werden diese Kinder kaum älter als 14 Jahre.

Therapeutische Hoffnungen

Therapeutisch gesehen bringen all diese Erkenntnisse den kleinen Patienten zwar noch relativ wenig, doch das Verständnis darüber, was diesen Alterungsprozess eigentlich generiert, hat die Forschung in die richtige Richtung gelenkt. „Die Ansätze der Wissenschaftler heute sind viel versprechend und seriös", so der Magdeburger Progerieexperte. Während sich die Forschungsgruppe in Marsaille darum bemüht die Bildung des defekten Lamins mit Hilfe einer Wirkstoffkombination aus einem Statin und einem Bisphosphonat zu verhindern, versuchen die Amerikaner dasselbe Ergebnis mit einem Farnesyltransferasehemmer zu erreichen.

Ob und wann das funktionieren könnte, weiß niemand. Einig sind sich die Experten aber darüber, dass eine frühe Diagnose für die Prognose der Progerie entscheidend sein wird. Denn rückgängig machen lässt sich der Alterungsprozess ganz sicher nicht. Bestenfalls werden die neuen Therapien den Fortschritt der Erkrankung aufhalten können. Was die Sache erschwert: „Die Kinder sind zum Zeitpunkt der Geburt und auch in den ersten beiden Lebensjahren klinisch vollkommen unauffällig, denn das Lamin A wird pränatal noch nicht produziert" weiß Brune und erwähnt, dass die meisten Kinder, die an den Studien teilnehmen, deshalb bereits sechs Jahre oder noch älter sind.

Netzwerke treiben die Forschung voran

Ein weiterer Grund, warum erste Symptome leicht zu Fehlinterpretationen verleiten: Die Progerie ist eine Erkrankung mit besonderem Seltenheitswert. In Europa leiden nur 22 Kinder und weltweit nicht mehr als 40 unter dieser Erkrankung. Nur jedes 10millionste Neugeborene erblickt das Licht der Welt mit dieser folgenreichen Veränderung im Erbgut. Ein guter Grund sich zusammen zu tun. 2003 wurde deshalb in Europa ein eigenes Netzwerk, die EuroProgeria, gegründet, nicht zu letzt deshalb um auch Pharmafirmen zu motivieren mehr Geld in die Erforschung der Erkrankung zu investieren.

Im Übrigen ist Lamin längst keine große Unbekannte mehr. Das Protein hat nicht nur in Bezug auf die Progerie das Interesse der Wissenschaftler geweckt. „Auf diesem Lamin sind außer der Progerie noch viele andere Krankheiten codiert", weiß Brune und kann die Gründung des Laminopathie-Netzwerk in Greifswald im Jahr 2006 nur befürworten. Er selbst sieht sich als Bindeglied zwischen Patienten und Forschung. Die Zusammenarbeit mit Progeria Family Circle, einem Selbsthilfeverein der sich intensiv um einen Kontakt der betroffenen Eltern und Kinder untereinander bemüht, liegt ihm deshalb besonders am Herzen. (Regina Philipp, derStandard.at, 25.08.2009)

 

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 66
1 2
AlBundyFan
 
00
26.8.2009, 15:26
40 Fälle weltweit?

also bei 8 milliarden menschen/40 kommt aber dann raus, daß es bei jeder 200 milllionsten geburt so ein fall vorkommt und nicht bei 10 millionen...

Charles Duchemin
00
10.9.2009, 16:23
Naja, wenn die Kinder maximal 14 Jahre alt werden,

dann dürfen Sie natürlich nur alle bis zum Alter 14 Jahre rechnen und nicht alle Menschen

Placebo
 
00
26.8.2009, 16:12
Es gibt aber "nur" etwas über 6,6 Milliarden Menschen...

Andrew Jones
00
26.8.2009, 15:03
Ice Age 3

tunguska
08
26.8.2009, 14:08
müsste der titel nicht heißen: "greis sein als kind"?

Chris Quast
00
26.8.2009, 12:42

da gibts ein umgekehrtes noch selteneres krankheitsbild. weltweit glaube ich derzeit nur 1 fall !

ein mädchen in den usa, alterte seit dem säuglingsalter nicht mehr. sie ist mittlerweile 14 jahre alt und sieht aus wie ein 6 monate altes baby !!

NONE
10
26.8.2009, 13:43

Das hier hat aber mit "Alterungsprozessen" nix zu tun. Wenn man sich 100 verschiedene 100jährige Menschen ansieht hat jeder unterschiedliche Krankheitsbilder (manche vielleicht sogar keine), und schauen auch unterschiedlich "rüstig" aus.

Progeria heranzuziehen für Alterungsprozesse ist doch wirklich merkwürdig - die werden nur ~14 Jahre alt. Da ist das Werner Syndrom schon aussagekräftiger, Betroffene werden locker über 50 Jahre alt, sehen aber dafür dann aus wie 80 jährige.

Und dann kommt es darauf an, wie man "Alterungsprozesse" definiert - ist dies eine Krankheit, oder wirklich "Altern" im Sinne von dem Verlust funktionaler Fähigkeiten?

Chris Quast
00
27.8.2009, 01:28

sorry kann mit dieser antwort/frage nix anfangen ?

dieses kind meinte ich.

http://en.wikipedia.org/wiki/Broo... _Greenberg



Cyanwasserstoff
00
26.8.2009, 13:22

Quelle?

hexe caracas
00
26.8.2009, 11:36
es scheint eine europäische Genmutation zu sein

kann man sie nicht eliminieren? Oder ist sie erworben? Durch welche Faktoren? Wäre dieser Ansatz nicht interessanter?

Franz Peber
44
26.8.2009, 10:43
Sehr pöser und geschmackloser Vergleich

Bild zwei erinnert mich an einen der erfolgreichsten und populärsten österreichischen Bundeskanzler der Nachkriegszeit.
(Das arme Kind möge mir diesen Vergleich verzeihen, aber ich konnte nicht anders)

qwertz8
00

"erfolgreich"? "populär"? Was hat ihnen dieses arme Kind getan ?

gk76
21
26.8.2009, 11:33
sie sind ja ein toller Hecht

Gratulation!

Helge Remsgard Remsgard
00
26.8.2009, 15:52

sie halten aber gut mit.

Meine Wenigkeit mit viel Senf
157
26.8.2009, 08:55
Es ist natürlich hart,

aber als ehemaliger Sanitäter beim Bundesheer weiß ich, dass man helfen muss, wem man am effizientesten helfen kann, und nicht demjenigen, der am lautesten schreit oder am meisten Mitleid erregt.

Daher die Frage, die vielleicht nicht sehr "moralisch" erscheint, aber gestellt werden muss:

Wäre es nicht effizienter, Forschung auf Krankheiten zu konzentrieren, die möglichst viele Menschen betreffen und nicht nur 40?

Sonst passierts, dass Millionen unnötig sterben, während von den 40 15 gerettet werden.

Frage ich auch als jemand, der eine Freundin hat, die an MDS litt, einer Erbkrankheit, an der jährlich zig Tausende sterben, und wo selbst bei unserer Spitzenmedizin die 100.000e Euro teure Therapie nur 80 % retten kann.

Placebo
 
02
26.8.2009, 16:17
Es ist in Ordnung hier zu forschen. Nebenbei werden oft zufllig andere Erkenntnisse entdeckt.

Das wenigste wurde "erfunden", sondern wurde zufällig entdeckt, ohne dass speziell danach gesucht wurde.

Es schadet nicht in alle Richtungen zu forschen.

leowagner
00
26.8.2009, 15:45
Sie sollten

Lorenzos Öl anschauen...
Es wird JA Milliarden investiert in der Forschung von Krankheiten, worunter viele Menschen leiden. Aber gerade mal, weil die Freundin gleich so eine Krankheit hat, wofür keine Heilung gibt, soll man alle anderen Minderheiten vergessen...
Ich weiß von einem Diktator aus den 30er, der genau so Ihre Meinug war!

Rose Bud
01
26.8.2009, 13:00
So ist es doch eh...

...es wird für die MDS-, Krebs- oder auch AIDS-Forschung ungleich mehr an Forschungsaufwand betrieben als für seltene Krankheiten

rubita
24
26.8.2009, 12:04

die ganzen roten Stricherl zeigen wieder einmal, wie emotionell alles gleich bewertet wird! Die obige Überlegung ist meiner Ansicht nach sehr wichtig - andererseits weiss man bei wissenschaftlicher Forschung nie so genau, was herauskommt (soll heissen, auch wenn man wegen 40 Kranken forscht, findet man eventuell Nützliches für viel mehr Menschen, oder für niemanden).
Ich musste trotzdem sofort an unzählige Malariakranke in den Entwicklungsländern denken, denen ich definitiv mehr Forschungsmittel wünschen würde...

Kathi1609
 
01
26.8.2009, 18:17
Mit dem Unterschied, dass Malaria ja kein angeborener Gendefekt ist, der zum frühen Tod führt.

Sondern eine gut behandel- und meist heilbare Krankheit.
Da brauchst keine große Forschung mehr, da müssten nur die Therapie- und Prophylaxemöglichkeiten allen zur Verfügung gestellt werden.

Dass in den Entwicklungsländern noch Menschen daran sterben, liegt nicht daran, dass die Forschung Geld in die Progerie-Forschung investiert.

Die meisten in den Entwicklungsländern sterben an verzichtbaren Krankheiten wie Durchfall, Hunger etc. ...
Das liegt nicht an falsch verteiltem Forschungsgeld, sondern an global-politischer Ignoranz und Korruption.

Was würde es ändern, die vergleichweise geringen Gelder der Progerie-Forschung zu Malaria umzuleiten? Trotzdem würden die Medikamente nicht dorthin gelangen.

Das ist ein Äpfel-Birnen-Vergleich.

Tethys
03
26.8.2009, 11:44

Wie kommen Sie auf die Idee, dass Forschungsgelder zu Krankheiten, die weniger Menschen betreffen von den Forschungsgeldern zu Krankheiten abgezogen werden, die mehr Menschen betreffen?
Warum ist das Schicksal von wenigen weniger wert als das Schicksal von mehreren? Es leidet immer individuell ein Mensch.
Dass Millionen "unnötig" sterben hat eher weniger damit zu tun, dass die Krankheiten nicht heilbar wären, sondern weil soziale und politische Machtinteressen im Weg stehen. Wo sterben denn Millionen Menschen? Woran sterben sie? An Krankheiten, die andernorts so gut wie nie tödlich verlaufen: Malaria, Cholera, .... Die Hilfe, die es medizinisch bereits gibt, kommt dort nie an!!!!

AlBundyFan
 
01
26.8.2009, 15:20
warum es weniger wert ist?

weil ein einzelschicksal ein einzelschicksal ist-folglich sind 2 einzelschicksale doppelt so schlimm,3 einzelschicksale 3 mal so schlimm suw.

mit ihrer 2 kritik haben sie allerdings uneingschränkt recht-man würde sovielen menschen das leben erleichtern,wenn man ihnen unseren medizinischen standard bieten könnte bzw. annähernd unsere lebensbedingungen.

Kathi1609
 
02
26.8.2009, 18:10
Es ist aber unter normalen Umständen nicht notwendig, zu entscheiden.

Der Großteil der Forschung wird ohnehin für häufige Krankheiten aufgewandt.
Da braucht man den seltenen Krankheiten das bissl nicht neidig sein.

Wir sind ja auch nicht in einer Extremsituation wie einer Naturkatastrophe, wo Sie eine Triage aufbauen und in ein paar Minuten entscheiden müssen, wer noch versorgt wird und wer hoffnungslos ist.

Unter stabilen Bedingungen hat das System wohl genug Kapazitäten für jeden.

Und für den Einzelnen ist das Einzelschicksal schlimm genug, auch wenn nicht einer wie sie daherkommt und ihm erzählt, dass er "bezogen auf die Gesamtsituation" eh unwichtig ist ..

Tethys
01
26.8.2009, 16:24

zu den Einzelschicksalen:
wie erklären Sie es z.B. einem Patienten aus obigem Artikel? "Tut mir leid, aber würden noch ein paar mehr diese Krankheit haben, würden wir euch auch mehr helfen, aber sorry, ihr seid zu wenige" - dem Betreffenden nützt das wenig. Darum ging es mir mit "weniger wert". Aber ich verstehe den Gegeneinwand.

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