Chamäleon Riga

24. August 2009, 16:43
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Plötzlich war das Meer wieder da. Jurmala zeichnete sich jenseits der langgezogenen Bucht ab und doch war es noch ein ganzer Tagesmarsch bis dort

Wieder ging es barfuss den Sandstrand entlang, doch hier war er nicht so wild und einsam, auch findet man hier keinen Bernstein mehr. Algen schwärzten das Wasser und man spürt die zunehmende Nähe der Millionenstadt Riga: Strandbäder mit Bars und Volleyballspielern, badende Familien, Teenager auf Handtüchern mit portablem DVD-Player vor dem Gesicht.

Jurmala, auf einer langgezogenen Halbinsel im Rigaer Meerbusen 25 Kilometer vor der lettischen Hauptstadt gelegen, ist der größte Strandkurort des ganzen Baltikums. 1870 wurde hier die erste Badeanstalt mit warmen Wannen eingerichtet und ich war beruhigt zu erfahren, dass ich mich in den vergangenen Monaten exakt nach den Empfehlungen des damals hier federführenden Arztes Dr. Johann Christian Nordström gerichtet hatte: Er ließ seine Patienten "am Ufer barfuss laufen, im Meerwasser verweilen und physisch aktiv sein."

Es war gut, zu Fuß nach Riga zu kommen - nach den Wochen der Einsamkeit wollte es trotzdem kaum gelingen, mich an den zunehmenden Verkehr, die hastenden Menschen und das scheinbare Durcheinander dieser weit draußen beginnenden Großstadt zu gewöhnen.

Pause an einer Bushaltestelle, zwölf Kilometer vor Riga. Zwei alte Frauen warten auf den Bus in die Stadt. Wir kommen ins Gespräch und als sie erfahren, dass ich nicht den Bus nehmen sondern zu Fuß nach Riga gehen würde, erklärten sie mich schlichtweg für verrückt. Woher ich kam und was mein wirkliches Ziel war, verschwieg ich wohlweißlich, grüsste und ging lachend davon, die beiden Mütterchen dem Bus und ihrem neuen Tagesthema überlassend.

Riga ist mit Sicherheit die bedeutendste Stadt des Baltikums und gehört zu den schönsten in Europa. Die früheste urkundliche Erwähnung Rigas datiert auf das Jahr 1201, als Bischof Albert während der Kreuzzüge gegen Livonia den Grundstein für die Stadt Riga setzte.
Für mehrere Jahrhunderte unter der Macht des Deutschen Ordens, fiel es zunächst an Polen-Litauen, dann an Schweden und schließlich 1710, durch die Eroberung durch Peter des Großen, an Russland.

Nach der deutschen Besetzung 1917 / 1918 folgte am 18. November 1918 die Ausrufung der Republik Lettland mit Riga als Hauptstadt. Mit dem Hitler - Stalin - Pakt vom August 1939 wurde Lettland der Sowjetunion zugeschoben und im Juli 1940 rollten schließlich sowjetische Panzer durch Riga und besetzten die Stadt.

Ich war das erste Mal 1994 im Rahmen eines Theaterprojektes, einer Zusammenarbeit unserer Compagnie mit lettischen Theaterschaffenden, nach Riga gekommen, drei Jahre nach der Unabhängigkeit. Eine traurige Stadt - die Jugendstilhäuser heruntergekommen, farblos und grau im eisigen Novemberwind, Betrunkene, die in die Hausgänge urinierten, steinerne Gesichter in den überfüllten, ächtzenden Trolleybussen. Die Theater, die Proberäume - ungeheizt. "Der Besuch der Alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt, das in Güllen spielt, ist genau das richtige Stück an diesem Ort und in diesem Moment, unsere lettische Erstaufführung ein Riesenerfolg.

Heute erkenne ich Riga nicht wieder. Tagelang schlendere ich durch die Gassen, die Häuser glänzen stolz, die Parks blühen, die Freiheitsstatue hält freudig den Dreistern in die Höhe, Altherrenbands mit blonder Geigerin rocken in großen Biergärten auf den Plätzen und darüber wölbt sich ein baltischer Sommerhimmel, in dessen unverschämter Bläue sich die Sonne auflöst wie eine Vitamintablette.

Die Pause tut gut, das Leben wird einfach hier, sorglos plätschern die Tage vorbei. Aber dann tut sich ein anderes "Güllen" auf - Riga ist auch die Sex-Hauptstadt Europas. Flugzeugladungen voll geiler Engländer, Holländer, Italiener, Deutscher, Österreicher geifern am Wochenende durch Straßen, Bars und Nachtklubs, angezogen von langbeinigen Blondinen und scheinbar billigem Sex.

Aber die Fallen schnappen zu und so mancher sitzt nachts flennend auf der Polizeistation und stammelt, wie geschickt die Dame ihm danach sein Portemonnaie aus der Hose genommen haben muss, denn er habe gar nichts gemerkt; ein anderer entdeckt auf seiner Kreditkarte ein paar Wochen später Belastungen von ein paar tausend Euro für zwei Bier und Sonstiges. Immerhin kann er sich trösten, die enorme Wirtschaftskrise des Landes zu lindern. So wie ich, nachdem mir von einem, der zwar nicht schneller war als ich, der aber seinen Vorsprung ausnutzen konnte, mein teures Telefon gestohlen worden war, das mir als Kommunikationszentrale und Schreibwerkzeug gedient hatte.

Ein paar Tage noch in den Museen, in den Cafes, Begegnungen mit Theaterkollegen, schreiben, waschen und sortieren, dann breche ich wieder auf, hinaus in die Natur, ans Meer, in Richtung Norden, nach Estland. (Markus Zohner)

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    foto: zohner
  • Das berühmte Schwarzhäupterhaus in Riga.
    foto: zohner

    Das berühmte Schwarzhäupterhaus in Riga.

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