Österreichs Internationalist

24. August 2009, 14:03
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Paul Lendvai, eine publizistische Ausnahmeerscheinung, ist 80 - Über Ost- und Südosteuropa hat er 14 Bücher geschrieben

Wien - Wenn sich vor 40 Jahren Jungjournalisten in Wien über Details des Geschehens in Osteuropa und auf dem Balkan informieren wollten, wandten sie sich gern an den arrivierten Kollegen Paul Lendvai. Der saß in einem kleinen Büro in der Bankgasse und schrieb für Weltblätter wie die "Financial Times".

Zwei Journalistengenerationen später ragt Lendvai, der heute 80 Jahre alt wird, noch immer hoch aus der Menge der heimischen Publizistik. An seinem Europastudio im ORF nehmen regelmäßig prominente Kollegen von Neuer Zürcher, Frankfurter Allgemeiner, Le Monde und Zeit teil. Auf seine wöchentliche Kolumne im Standard reagieren bis zu hundert, meist junge Leser mit ihren Postings.

14 Bücher

Er hat über Ost- und Südosteuropa 14 Bücher geschrieben, von denen sieben auch auf Englisch erschienen sind. Wenn man seinen Namen in eine Internetsuchmaschine eingibt, die auch den Inhalt digitalisierter Bücher durchforsten kann, kommt man im englischsprachigen Bereich auf 120 Nennungen. Die Bücher, in denen Lendvai zitiert wird, reichen von großen Geschichtsbänden zur Nachkriegszeit über Werke zum Thema Antisemitismus im Osten bis zu populären Stadtführern für Budapest, in denen Lendvais Darstellung der Ungarn als Überlebenskünstler zur Lektüre empfohlen wird. Auch im französischen und im spanischen Sprachraum gelten Lendvais Bücher als Referenzquelle, wenn es um Ost- und Südosteuropa geht. Und dort sowieso: "In meiner Heimatstadt Zagreb hatten die Leute die Fernsehantennen so eingestellt, dass sie das Programm empfangen konnten, in dem Paul auftrat", sagte der prominente, aus Kroatien stammende britische Publizist Chris Cviic anlässlich einer Lendvai-Ehrung in London.

1957 nach Österreich gekommen

Der nach politischer Verfolgung in Ungarn 1957 nach Österreich Gekommene erhielt 1959 die Staatsbürgerschaft seiner neuen Heimat, deren Politik er seither wohlwollend-kritisch kommentiert. Auch für international kritisierte Ausritte wie die Waldheim-Wahl und die schwarz-blaue Regierung fand er Worte des Verständnisses.

Über internationale Reaktionen auf den Zulauf zu Rechtsradikalen in seinem Geburtsland Ungarn äußerte er sich kürzlich in Népszabadság kompromisslos klar. In dem laut Budapester Zeitung "vielbeachteten Artikel" hieß es: "Korrespondenten irren sich manchmal, bisweilen schreiben sie Namen falsch, und gelegentlich übertreiben sie auch." Aber: "All dies ändert aber nichts daran, dass das westliche Bild von Ungarn seit der politischen Wende noch nie so negativ und beunruhigend war wie in den vergangenen Wochen und Monaten", warnte Lendvai. (Erhard Stackl/DER STANDARD; Printausgabe, 24.8.2009)

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    Ragt hoch aus der heimischen Publizistik: Paul Lendvai.

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