Ums Leben würfeln, bis die Sieben kommt

24. August 2009, 13:45
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Die Salzburger Festspiele hatten mit Jette Steckels Inszenierung von Ilija Trojanows "Die Welt ist groß" einen Favoriten - Jury-Entscheidung fiel aber auf Dries Verhoeven

Salzburg - Das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele hat heuer vielfach auf die Sonnenseite verwiesen: Peter Handke erlöste Samuel Becketts Endzeitfigur Krapp (Das letzte Band) aus der Finsternis; Alvis Hermanis gönnte sich und dem Publikum mit Simon & Garfunkel einen seligen Hippie-Traum (The Sound of Silence). Und der Niederländer Dries Verhoeven regte die Besucher seiner aus 36 Hotelzimmern bestehenden Theaterinstallation You Are Here zu offenherziger Nachbarschaft an.

Getoppt wird das alles von Ilija Trojanows Protagonisten. In seinem nun erstmals dramatisierten Debütroman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (1996) erhebt sich ein von der Flucht aus der Heimat beschwertes Leben leichtfüßig über die Realität. Jette Steckels lebhafte Uraufführungsinszenierung im Rahmen des Young Directors Project ist der Favorit für den gleichnamigen Award. Der Gewinner wird heute bekanntgegeben. In der von Montblanc International gesponsorten Festspiel-Reihe sind weiters die New Yorker Gruppe Temporary Distortion, Viktor Bodó vom Schauspielhaus Graz sowie oben genannter Dries Verhoeven im Rennen um 10.000 Euro plus nämliche Luxusfüllfeder.

Gerissene Lebensbejahung

Ilija Trojanow hat in Die Welt ist groß Biografisches zu einem märchenhaften - letztes Jahr verfilmten - Bestseller verwandelt: Alex muss als Sechsjähriger mit seinen Eltern aus Bulgarien fliehen. Die Oma wird daheimgelassen. Über ein italienisches Flüchtlingslager gelangt die Familie nach Deutschland und baut sich ein Leben auf. Ein Autounfall durchkreuzt die Zukunftspläne: Vater und Mutter sterben, der Sohn bleibt allein vor dem Fernsehgerät zurück.

Frei nach Montaigne ("Die Natur hat uns den Schmerz zu Ehre und Nutzen von Schmerzfreiheit und Lust verliehn") versprüht der Roman auf gerissene Weise Lebensbejahung und setzt sich so schwungvoll wie Emir Kusturicas Filme über Widrigkeiten und Katastrophen eines (Exil-)Lebens hinweg. Die Literatur spielt hier dem Leben einen Streich.

Der schelmischen Tonlage des Romans bereitet Regisseurin Jette Steckel einen fruchtbaren Boden. Alex (Jörg Pohl) wird von seinem Taufpaten Bai Dan (Bruno Cathomas) von der deutschen Couch direkt auf eine fantastische Weltreise auf dem Tandem mitgenommen. Von vornherein ist das guter Stoff für ein dynamisches Theater- Roadmovie (ohne Bildschirme, dafür mit einem Spaghetti-Theater-Seitenhieb auf Daniel Kehlmann), für das die schon mehrfach ausgezeichnete junge Künstlerin zwischen langen, recht gefällig abgespulten Szenen auch anrührende Sujets findet: Durch das Dickicht eines Kukuruzfeldes (Bühne im republic: Florian Lösche), in dem sozialistische Weisheitssprüche noch durchs Maiskolben-Mikrofon diktiert werden, bahnt sich die Familie den Weg in die Freiheit.

Später, in Deutschland vor der Glotze, kriegen Alex und Bai Dan den Mais als Popcornladung über den Schädel geschüttet. Ganz ungeschoren kommt man eben nicht davon! Man kann sich aber befreien und die Würfel (das Synonym für den Spielgedanken des Stücks) neu werfen. Im besonderen Fall ist sogar eine Sieben drin. (Margarete Affenzeller, 24.08.2009)


Young Directors Award geht an Dries Verhoeven
Der Sieger des "Young Directors Project" 2009 heißt Dries Verhoeven. Der holländische Regisseur hat sich den Nachwuchs-Regiepreis mit seiner formal ungewöhnlichen Theater-Installation "You are here" gesichert. Die Salzburger Festspiele vergeben die Auszeichnung für innovative, wegweisende Theaterarbeit heuer zum achten Mal. Der "Young Directors Award" ist mit 10.000 Euro und einem Max Reinhardt Pen der Sponsorfirma Montblanc dotiert. (APA)

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    Die Würfel sind nie ganz gefallen: Der famose Bruno Cathomas als Lebensgambler Bai Dan aus Ilija Trojanows Roman.

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