23.08.2009

Wiener Stadtnomaden suchen eine Bleibe

23. August 2009 18:49
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    Foto: standard/andy urban

    Alexandra, Alex, Miriam und Nico (von links): Leben auf dem Wagenplatz ist für sie bewusst gewählte Lebensform, keine Geldfrage. Der Nachteil: Das Eigenheim steht nie auf festem Grund.

Wiens Wagenplatz-Bewohner feilschen mit der Stadt um ein fixes Zuhause

Wien - "Ich möchte endlich wieder ein geregeltes Leben haben", sagt Alexandra. Sie ist 21 Jahre alt und studiert Geschichte. "Ich möchte wissen, wo ich nächste Woche sein werde, eine Dusche bauen und zur Ruhe kommen." Alexandra wohnt auf dem Wiener Wagenplatz, einer Mischung aus WG und Campingplatz: ein unbebautes Grundstück, auf dem Menschen ihre alten Busse oder Lkws abstellen und darin wohnen. In Deutschland gibt es rund 100 solcher Siedlungen, in Österreich nur eine.

2007 mieteten rund 20 Leute, darunter Alexandra, ein Grundstück in Simmering und stellten ihre Wagen auf. Dann kam die Baupolizei und erklärte die Autos zu Bauwerken. Da das Grundstück nicht als Bauland gewidmet ist, musste die Truppe Ende Juli gehen. Dreimal sind sie inzwischen umgezogen, jetzt haben sie sich geteilt: in eine "Naturgruppe" und eine "Stadtgruppe". Die Naturgruppe steht gerade auf der Hafenzufahrtsstraße. Die Stadtgruppe hat auf einem Parkplatz an der Litfaßstraße unter der Südosttangente Halt gemacht - bis der Besitzer sie vertreibt.

Der Boden des Parkplatzes ist nicht asphaltiert. Zerbrochene Holzkisten, ein verrosteter Auspuff und Glasflaschen liegen herum. Wenn ein Lkw über die Autobahn fährt, bebt die Erde. In der Mitte des Grundstückes stehen die Wagen im Kreis - wie in einem Western.

Acht Leute wohnen derzeit dort. Die Jüngste ist 21, der Älteste 42. Zwei studieren, die anderen arbeiten. Alle sagen, sie könnten sich auch eine Wohnung leisten. "Im Wagen wohnen ist nicht so billig. Müllabfuhr, Reparaturen - mit 350 Euro im Monat musst du rechnen", erklärt Niko (26) Mechaniker.

Mobiles Zuhause 

Er wohnt in einem Lkw auf 18 Quadratmetern. Auf der Ladefläche hat er sich ein Hochbett und eine Werkzeugbank gebaut, Kleider, Bücher und Starterkabel liegen in Taschen herum. Im Sommer ist Nico in Wien, im Winter fährt er in sein "Haus" nach Portugal.

Alexandra liebt am Wagenleben, "dass hier nicht alles selbstverständlich ist. Strom, Wasser, Isolierung, du musst dich um alles selber kümmern." Für sie und die anderen ist der Platz nicht nur ein Ort zum Wohnen. "Wir wollen daraus einen Fixpunkt der Wiener Kulturszene machen. Mit Theateraufführungen, Konzerten, Lesungen."

In Simmering hatten sie es leichter, es gab Strom und Wasser. Hier kommt der Strom aus Lkw-Batterien, das Wasser aus Flaschen. 20 Meter von der Wagenburg entfernt steht ein Mobilklo. Die MA 48 kommt regelmäßig vorbei und pumpt den Tank aus. In den meisten Wagen stehen Holz- oder Gasöfen zum Kochen und Heizen. Duschen und Wäschewaschen müssen die Bewohner bei Freunden.

Dass sie bisher keinen anderen Platz gefunden haben, liegt für Alexandra "am mangelnden Willen" der Stadt. Christiane Daxböck, Sprecherin von Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig, weist das zurück. "Wir wollen einen Wagenplatz ermöglichen", sagt sie. Die Stadt hat den Wagenplatz-Leuten einen Grund in Donaustadt angeboten, 3200 Quadratmeter für 22.000 Euro Miete im Jahr. "Zu klein und zu teuer", befindet Alexandra, vor allem, weil sie noch einmal 30.000 Euro investieren müssten, um Strom und Wasser einzuleiten. "Außerdem war eine viel geringere Miete vereinbart, dann hat sich die FPÖ über uns aufgeregt, und plötzlich hat es so viel gekostet."

"Verschwinden werden wir nicht", sagt Alexandra. "Wir finden schon einen Ort. Und wenn wir auf dem Heldenplatz stehen müssen." (Tobias Müller, DER STANDARD - Printausgabe, 24. August 2009)

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Brel
27.08.2009 12:08
Wenn er ein Anarchist sagt,

"Ich möchte endlich ein geregeltes Leben führen" (der erste Satz des Beitrags) sollte er/sie dringend darüber nachdenken, etwas zu ändern ...

G e o r g
29.08.2009 15:35

Das tun sie ja - sie versuchen schon lange, die Stadt dazu zu bringen, eine dauerhafte Lösung mitzutragen.

below the line
27.08.2009 11:54
die flexibilität die die wagenbewohner von anderen fordern

scheint bei ihnen selbst nicht in so grossem maß vorhanden zu sein. wie schon gepostet: individuelle lebensformen - wieso nicht? aber für mich sind viele aussagen der wagenbewohner nicht stimmig und grenzen an heuchelei. jeder kann versuchen sich irgendwie selbst zu verwirklichen aber sich zu erwarten das andere dies finanzieren und natürlich noch zu bedingungen die man "einfach so" für sich fordert entspricht zb. nicht meinem gerechtigkeitssinn. zählt das aber jetzt 11 weil ich ein normalo bin?

Die dritte Seite der Medaille
28.08.2009 13:31

sie wollen nicht, dass das finanziert wird, die wollen das schon selber zahlen, das ist eine Fehlinformation, die sich hartnäckig hält, weil man sich so schön drüber echauffieren kann.

Siue wollen, dass man es Ihnen rechtlich überhaupt ermöglicht, (ist zZ nämlich nicht wirklich erlaubt) und Ihnen hilft, ein Grundstück zu finden. Da muss natürlich die Stadt helfen, da dies erstens erlauben kann und zweitens die meisten leerstehenden Grundstücke besitzt bzw weiß, wem sie gehören.

Wenn ein passendes Grundstück gefunden wird, dann wollen die Leute natürlich Miete zahlen.

Also wäre es ein Gewinn (fianziell jedenfalls) für die Stadt.

fahrenheit 451
28.08.2009 14:49

warum wurde dann das angebotene grundstück nicht genommen. das war noch ziemlich günstig.

Die dritte Seite der Medaille
28.08.2009 14:57

Was weiß ich, wird schon Gründe gehabt haben. Ist wie bei der Wohnungssuche.. Preis und Leistung muss halt passen.

Die dritte Seite der Medaille
28.08.2009 23:11

ja, eh.. aber worüber regen sie sich dann auf? Dass es Leute gibt, die wenig für ihre Unterkunft zahlen wollen? Die nachfragen, ob es noch billiger geht?
Miete ist Miete. Momentan verdient die Stadt keinen Cent mit brachliegenden Gründen.
Wenn die Leute dort wohnen, dann ein wenig mehr.
(Und so billig war die Miete eh nicht, auf dem angegbenen Grundstück, das Problem waren die Kosten für einen Kanalanschluß, und so eine Investition zu tätigen, wenn man nur zwei Jahre (?) dort wohnen darf, ist auch zuviel verlangt.
Sie würden ja auch keinen ganzen Aufzug zahlen, wenn sie ne Mietwohnung auf zwei Jahre begrenzt bekämen.

fahrenheit 451
29.08.2009 00:00

investier ich in die befristete wohnung bekomme ich die investitionskosten teilweise zurück. je nach jahren der benutzung wird halt ein teil der investition abgezogen. bei einer langfristigen investition wie kanal- und stromanschluss wäre wohl eine abschreibung über 25 jahre angebracht gewesen. die bewohner hätten, bei halbwegs geschickter vorgangsweise, also nach 2 jahren die kosten zu 23/25 ersetzt bekommen.

Die dritte Seite der Medaille
29.08.2009 00:05

ja, das hätte ich auch vorgeschlagen. Ich hab aber auch nie behauptet, das sie sonderlich geschickt vorgegangen sind..
Das sind sie sicher nicht...

fahrenheit 451
29.08.2009 14:23

die damen und herren haben eher hoch gepokert und gehofft mit dem rückenwind einer medienkampagne ein kostenloses grundstück zu bekommen.

ging aber leider nach hinten los.

Die dritte Seite der Medaille
29.08.2009 14:50

ich weiß nicht, wie sie auf die Idee kommen, dass sie irgendwas umsonst haben wollte- das war nie der Fall.
Mit der Medienkampagne wollten sie wohl eher erreichen, dass die Situation (Sind Campingwagen Bauwerke? warum ist es verboten, das ganze Jahr in einem Wohnwagen zu wohnen? was spricht gegen das vorübergehende Mieten von Brachgrundstücken? ) den Leuten bewusst wird, damit man was darn ändern kann. Das scheinen ja Gesetze aus einer Zeit zu sein, wo man Angst vor Slums etc.. hatte, bzw arme Leute wirklich in Zelten uÄ leben mussten.

fahrenheit 451
28.08.2009 22:59

sagen wir es mal so, wenn ich eine wohnung um 70 euro in wien suche werde ich wohl auch keinen erfolg haben.

Die dritte Seite der Medaille
28.08.2009 23:23

jetzt hab ich mir selber geantwortet.. also: Antwort siehe oben.

fabrikant
26.08.2009 13:10

Einfach mal eine Kfz-Kontrolle bei einem ihrer "Umzüge" - und der Spuk hört sofort auf.

below the line
27.08.2009 12:00

ich verstehe auch nicht wie das fahren von wirklich alten autos sich mit der (angeblich) nachhaltigen lebensweise dort vereinbaren lässt.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
28.08.2009 11:02
An sich ist es energiebilanzmäßig immer besser, ein altes Auto (gut serviciert, wohlgemerkt!) in Betrieb zu belassen,

als es wegzuschmeissen und stattdessen ein neues zu bauen/kaufen.

Und wenn nur ein paar 100 km im Jahr gefahren werden, sind Emissionen und Verbrauch völlig irrelvant.

Ich habe aber den Verdacht, daß besagte Autos keine gepflegten Oldtimer oder Omafahrzeuge sind, sondern einfach schlimme Schrottkisten, bei denen überall das Öl rausläuft etc.

strizzi50
25.08.2009 21:54
platz zum wohnen

es gibt genug campingplätze in wien wo man das ganze jahr mit seinen wohnvehikel verbleiben kann sogar mit stromanschluß und geordneten fäkalienentsorgung
GRATIS WOHNEN GIBT ES NICHT EINMAL FÜR ARBEITSLOSE

G e o r g
26.08.2009 16:38

Schon interessant: Die Ahnungslosen schreien am lautesten. Deine drei gröbsten Fehler sind:
1. Wagenplatz-Wohnen ist nicht Campen. Am Wagenplatz wird z. B. zusammengelebt und nicht nebeneinander.
2. Die Wagenplatzleute wollen ganz normal Miete für ein Grundstück zahlen und nicht gratis wohnen. Das wird aber u. a. von der Stadt verunmöglicht. Die Idee mit der Spende an einen Verein ist nur eine Ausweichlösung.
3. Dauerhaftes Wohnen in Wägen ist in Wien verboten. Das sollte geändert werden.

Erst kürzlich lief eine interessante Doku über den Wagenplatz unter "Am Schauplatz". Dort wurde schon darauf hingewiesen, dass mangelnde Information wohl der Grund für die Ablehnung ist.

Chocoholic
01.09.2009 11:12
Sie wollen eben nicht ganz normal Miete zahlen, sie wollen sehr geringe Miete zahlen,

daher die ganze Problematik.

G e o r g
01.09.2009 12:25

Woher hast du diese Information?

Chocoholic
16.09.2009 12:57
Es gibt in Wien sicherlich hunderte freie Grundstuecke, die zu einem guten Marktgerechten Preis jeder Besitzer vermieten wird.

Es gibt wenige Leute, die nicht Geschaeftssinn haben. Und was hier im Artikel steht von wegen Miete und Kosten muss ich ehrlich gestehen, dass es schon verwegen ist, um so wenig wohnen zu wollen und noch zusaetzlich vom Staat zu erwarten, dass er sich quasi als Papa und Mama verantwortlich sieht, dass sie billig wohnen koennen. Sorry, ich habe Verstaendnis fuer viele Wohnungssuchende, aber fuer diese Menschen, die das System so schamlos ausnutzen wollen, hab ich kein Verstaendnis.

G e o r g
17.09.2009 11:07

Du hast meine Frage nicht beantwortet.

fahrenheit 451
27.08.2009 10:42

1. Wie nennt man das leben in einem wohnwagen bzw wohnwagenbesitzer? welche nun nicht mehr vorhandene wagenplatzmami kümmerte sich hauptsächlich um das miteinander und kümmert sich nun schon um andere kinder? was wurde aus dem gemeinsamen kochen?

2. wer legt die zu bezahlende miete für ein grundstück bzw wohnung fest? der grundstückbesitzer (eigentümer) oder der zukünftige mieter?

G e o r g
29.08.2009 15:32

Die erste Frage ist so sinnlos wie "Wie nennt man das sich Vorwärtsbewegen in einem Kraftfahrzeug?" Busfahren? Autofahren? LKW-fahren? Rasen? Schleichen? Verreisen? Transportieren? Ausflug machen? Pendeln? ...

ad 2: Mieter und Vermieter bestimmen den Preis gemeinsam durch den Akt des Mietens, also durch Angebot und Nachfrage. Bei wenig idealen Märkten, wie es hier in Bezug auf unbebaute Flächen der Fall ist, kann eine Seite mehr Macht haben.

Chocoholic
16.09.2009 12:59
wenn eine Seite mehr Macht hat, dann koennten sich ja die BewohnerInnen zusammen schliessen, und diese Macht dadurch brechen, dass sie

das benoetigte Land selbst kaufen und dann billig an andere weitervermieten.

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