Eine Diva auf dem Campingplatz

23. August 2009, 18:43
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Samstagnacht ging das dreitägige Festival zu Ende - Neben programmierten Höhepunkten wie den Auftritten von Grace Jones und Radiohead überzeugte vor allem Marc Almond

St. Pölten - Der Unmut vorab war groß. Wie kann man nur!? Nämlich die britische Band Radiohead und die im Vorjahr ihr Comeback feiernde Grace Jones zeitgleich programmieren. Die Wahl, eine Qual. Doch für jenes Publikum, das sich für den Auftritt von Jones entschieden hatte, war diese Parallelität ein Segen. Konnte man doch problemlos, - die Diva spielte Freitagnacht vor vielleicht 5.000 Besuchern - ohne eine Menschenrechtsverletzung zu begehen, bis in die vordersten Reihen marschieren.

Einige Meter weiter vorne stakste die 61-Jährige mit einer Biografie, die von der peitschenschwingenden Disco-Domina über die Andy-Warhol-Muse bis zur James-Bond-Widersacherin und zurück von der B-Movie-Peinlichkeit bis zur abgetakelten Mitternachtseinlage in heimischen Dorfdiscos reicht, in turmhohen Stöckeln über die Bühne. Umgeben von der Aura einer Göttin, die, aus trüben Jahren der Verbannung zurück und reingewaschen wieder ihren Platz im Olymp eingenommen hat.

Im Zustand dieser anhaltenden Genugtuung wechselte sie die Hüte wie einst die Stallburschen von Manhattans schärfsten Discos, nippte Rotwein und deutete an einer Stange Dinge an, die am nahen Campingplatz noch die ganze Nacht nachgewirkt haben dürften. Außer man saß wegen Radiohead euphorisch betrübt allein im Doppelzelt.

Jones betörte nicht nur mit ihrem verrucht-majestätischen Auftreten, das in dem 80er-Jahre-Dancefloor-Bekenntnis Slave To Rhythm gipfelte, während dem sie zehn Minuten lang einen Hula Hoop Reifen um ihre Taille kreisen ließ, und dabei sang, als wär' nichts. Ihr von einer brillanten Begleitband zubereiteter Disco-Reggae war so infizierend wie zeitlos. Weshalb Klassiker wie I've Seen That Face Before (Libertango) oder das phänomenale Pull Up To The Bumper auf Augenhöhe mit Stücken ihres Comeback-Albums Hurricane stehen. FM4-Redakteurin Natalie Brunner schrieb auf der Sender-Homepage vor einigen Tagen über Jones: „Sie lässt Madonnas Posen als Klein-Mädchen-Macho ohne jegliche Eleganz verblassen. Kopistinnen wie Lady Gaga werden ins Reich der Pokemon-haften Witzfiguren verbannt." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Seufzer Pop

Einen ebenso mitreißenden Auftritt bestritt davor eine andere Diva: Marc Almond, einst Stimme der britischen Synthie-Pop-Pioniere Soft Cell und solo schon lange eine Instanz im pathostriefenden Seufzer-Pop, streckte parallel zum Auftritt der Bloc Party seine Hände gen Himmel, erzählte von den Days Of Pearly Spencer, besang Gloria, raste durch Jacky und ging mit I Close My Eyes And Count To Ten vor Dusty Springfield in die Knie.

Was als Trauerspiel vor schandhaft wenig Publikum begonnen hatte, endete als Liebeserklärung zwischen Publikum, großartig aufspielender Band und charmantem Star mit Dandy-Bäuchlein, der mit einer Northern-Soul-Version von Tainted Love auch zufälligen Konzert-Passanten vermittelte, dass hier gerade ein Großer Dienst versieht. Ein wunderbarer Entertainer. Ein Club-Gig bei einem Massen-Festival. Und vielleicht das einzige Konzert, bei dem sogar Balladen bestanden. Das Land braucht definitiv mehr Marc-Almond-Auftritte!

Aber 120.000 Besucher, die, auf drei Tage verteilt, bei Laune gehalten werden müssen, verlangen nach entsprechenden Zugpferden. Einer, der diese Anforderung mit deutscher Gründlichkeit erledigte, war Farin Urlaub, der mit seinem Racing-Team bewies, dass ein Maturaball gerade auch mit 30.000 Angeheiterten prächtig funktioniert. In dieser Dimension insofern tragisch, als dass sich Almond und Urlaub musikalisch nicht selten in einer Schnittmenge trafen, die vom weißen Soul der Dexys Midnight Runners definiert wurde. Wobei Almond ungleich subtilere Kunst schuf als der blonde Deutsche mit seinem RTL-Schmäh.

Klein, sehr klein

Kleine, sehr kleine Abdrücke hinterließen Little Boots. So nennt sich das Vehikel der Britin Victoria Christina Hesketh, die im Trio einen fröhlichen Synthie-Pop aus der Schule von 1985 nachstellt, dessen einzige Extravaganz ein gerade angesagtes Spielzeug namens Tenori-on ist, auf dem scheint‘s noch die tiefbegabtesten Kinder mit ihren Patschhandis musizieren können. Vom Standpunkt der Demokratisierung der Talente aus betrachtet wahrscheinlich toll.

Die Resultate bei Little Boots führten jedoch vor Augen, warum etwa die ähnliche Ergebnisse erzielende Kylie Minogue zumindest ein Dutzend gut (ein)geölte Tanzmaschinen auf der Bühne beschäftigt. Weil sich sonst nämlich reichlich wenig ereignet. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 24.08.2008)

 

>>> Kunst aus dem Elektromarkt
Die sehr späte Österreich-Premiere der britischen Band Radiohead beim FM4 Frequency Festival - Von Christian Schachinger

  • Disco-Domina und Ergebene des Rhythmus: Die Wiederkehr von Grace Jones wurde zu einem Höhepunkt in St. Pölten.
    foto: fischer

    Disco-Domina und Ergebene des Rhythmus: Die Wiederkehr von Grace Jones wurde zu einem Höhepunkt in St. Pölten.

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