Propagandakrieg um Organraubaffäre

23. August 2009, 17:45
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Eine Affäre um angeblichen Organraub und Mord an Serben kurz nach dem Kosovokrieg führt zu Spannungen zwischen Belgrad und Prishtina. Dick Marty, Aufklärer des Europarats, wird sein Job schwergemacht.

Mit Top-Meldungen wie diesen kann der staatliche Kosovo-Fernsehsender RTK nicht oft aufwarten: "Serbische Spione" , hieß es in den Hauptnachrichten, hätten Landsleuten aus dem Kosovo 60.000 bis 70.000 Euro geboten, wenn sie sich wider besseres Wissen als Opfer von albanischen Organhändlern ausgäben. Am Ende zeigt der kurze Beitrag, wie zwei Serben mit auf dem Rücken verdrehten Armen abgeführt werden.

Tatsächlich sitzen drei Serben seit Juni wegen Verdachts auf Anstiftung zur Falschaussage in einem kosovarischen Gefängnis. Zwei von ihnen seien serbische Agenten, sagt die Polizei. Unerklärliches Timing, seltsame Statements, fragwürdige Verhaftungen und ein agitatorischer Tonfall zeigen, dass sich der junge Staat mit vorurteilsfreier Aufklärung der Organhandelsaffäre schwertut.

Der Vorwurf ist in der Tat unerhört: Gleich nach dem Kosovokrieg 1999 soll die albanische "Befreiungsarmee" UÇK Serben entführt, nach Nordalbanien verbracht, ihnen dort die Nieren entnommen und sie dann getötet haben. Untersucht wurden die Anschuldigungen erstmals vor sechs Jahren durch das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Dessen Ermittler reisten nach Albanien in das Dorf Rripe bei der Kleinstadt Burrel, suchten und fanden dort ein "gelbes Haus" , in das die Opfer verbracht worden seien. Sie stellten die Ermittlungen bald wieder ein. Erst als Chefanklägerin Carla Del Ponte den Verdacht in ihren Memoiren erwähnte, kam wieder Bewegung in die Sache.

Brisante Enthüllungen

Dass der Fall nicht zwischen den Propagandaapparaten zerrieben wird, soll Dick Marty garantieren: Der 63-jährige Schweizer Ex-Staatsanwalt hat von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats den Auftrag, bis nächstes Jahr einen Bericht zu präsentieren. Das Ergebnis dürfte mindestens so brisant werden wie die Enthüllung der CIA-Gefängnisse in Europa, die ebenfalls von Marty untersucht wurde. Stimmen die Vorwürfe, wird der Kosovo viel von der internationalen Sympathie verlieren. Stellt sich alles als Verleumdung heraus, gilt Gleiches für Belgrad.

Die Arbeit wird Marty auf allen Seiten nicht leicht gemacht. In Belgrad präsentierte ihm der Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen eine erdrückende Fülle von Zeugenaussagen. In Prishtina wurde ihm zwar formal Unterstützung zugesagt, gleichzeitig aber erklärte Premier Hashim Thaçi die Vorwürfe für "eine reine Erfindung" . Im albanischen Dorf Rripe wurde Marty der Weg zum ominösen "gelben Haus" zwei Stunden lang blockiert.

Berichte unverdächtiger Dritter machen die Sache nicht einfacher: Der Londoner Guardian zitiert den für Den Haag ermittelnden peruanischen Gerichtsmediziner Jose Pablo Baraybar: "Die Menschen sind lebendig in das ,gelbe Haus‘ gegangen; dann ist in dem Haus etwas passiert, und sie waren tot."

Marty will sich auf Anfrage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äußern. In der Kosovo-Presse ist der angesehene Schweizer Ermittler schon Ziel persönlicher Angriffe geworden. Gleichzeitig droht zwischen der Kosovo-Regierung und der neuen Aufsichtsmacht EU ein ernster Konflikt. Es geht, ausgerechnet, um die Zusammenarbeit der EU-geführten Polizei mit Belgrader Sicherheitsbehörden.

Die Belgrader Staatsanwaltschaft hat unterdessen die vielen Zeugenaussagen und einige Satellitenfotos zu einem immer feineren Bild zusammengesetzt. Neben dem ominösen "gelben Haus" soll es in Nordalbanien möglicherweise drei weitere Gebäude gegeben haben, wo man Serben Organe entnommen habe. Die geheimdienstnahe Belgrader Zeitung Kurir veröffentlichte acht Passfotos von Opfern. 134 Zeugen seien vernommen, zwanzig UÇK-Mitglieder als Mittäter identifiziert worden, schrieb das Blatt. (Norbert Mappes-Niediek aus Prishtina/DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2009)

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