Blitzkrieg gegen die Mafia in Chinas größter Stadt

23. August 2009, 17:41
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"Schwarze Gesellschaft" in Chongqing aufgeflogen

Der superreiche Geschäftsmann Li Qiang, Mitglied der politischen Elite Chongqings, wähnte sich unantastbar. Über seine Yuqiang-Immobiliengruppe kontrollierte er öffentliche Verkehrsprojekte in der riesigen Jangtse-Flussmetropole. In seinen 20 Unternehmen steckte ein Anlagevermögen von umgerechnet 200 Millionen Euro, enthüllte Chinas Economic Observer.

Der Chef von Busgesellschaften, Fahrschulen, Mietautofirmen und Reparaturbetrieben saß als Delegierter im Volkskongress des Stadtstaates von Chongqing, in dem seit der Gebietsreform 1997 mehr als 32 Millionen Einwohner leben. Mitte Juli überrumpelten ihn Sonderfahnder und nahmen ihn als Oberboss der örtlichen Mafia fest.

Die Polizisten gehörten einer von 15 heimlich gebildeten Spezialeinheiten zur Korruptionsbekämpfung an. Als Erstes nahmen sie Li Qiang das Mobiltelefon ab. Innerhalb der nächsten halben Stunde speicherten sie alle einlaufenden SMS. "Gute Bekannte" , die von der Razzia erfuhren, versuchten Li Qiang noch über Handy zu warnen. Die Ermittler brauchten deren Anrufe nur zurückverfolgen. Viele kamen aus Polizeibehörden.

Der Millionär war einen Monat später für die Chongqinger Abendzeitung nur noch Nummer sechs auf einer Polizeiliste mit Fotos von 67 verhafteten Personen, darunter zehn Frauen. Die Staatsanwaltschaft ließ vergangene Woche ihre Liste von Topfiguren unter den "abscheulichen Mitgliedern der schwarzen Gesellschaft" veröffentlichen, Chinas Synonymwort für Bandenkriminalität. Nach Mafiaart vergaben sie Wucherkredite, verschacherten öffentliche Aufträge, kontrollierten Energie, Verkehr- und Bauwesen, übten Mord und Totschlag aus. Li Qiang blickt von seinem Foto mit Monatsbart und struppigem Haar in Häftlingskluft. Als Bandenführer droht ihm die Todesstrafe, ebenso wie den anderen Superreichen, Nummer eins und Nummer vier der Liste. Aktienhändler Chen Mingliang wird Organisation von Glücksspiel und Prostitution und Finanzmakler Gong Gangmo Mord zur Last gelegt.

Lange Kampagne

Die 67 angeklagten Mafiabosse sind nur die Vorhut. Seit Juli hat die auf 3000 Sonderermittler verstärkte Chongqinger Polizei 14 Verbrecherbanden ausgehoben und nahm 1544 Verdächtige (darunter 20 höhere Beamte und 100 Polizisten) fest. Der Durchbruch kam am 8. August. Parteikontrolleure nahmen den Justiz-Amtschef von Chongqing, Wen Qiang, fest. Er war 16 Jahre lang Vizepolizeichef der Stadt gewesen und soll "einen Schutzschirm" über die Geschäfte der Mafiabanden gespannt haben. Am Wochenende wurde bekannt, dass auch der Vizepräsident von Chinas Höchstgericht, Huang Song-you, verhaftet wurde. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2009)

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