Trauer um den Sonnenschein-Präsidenten

23. August 2009, 17:39
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Das Staatsbegräbnis für Kim Dae-jung, Schöpfer der interkoreanischen "Sonnenscheinpolitik" , wurde zur Manifestation für die Demokratie

"Erinnert euch, wer die Rosen aus dem Müll heraus zum Wachsen gebracht hat!" Das Flugblatt, das entlang der Route des Trauerzuges durch Südkoreas Hauptstadt verteilt wurde, hätte nicht der Rückseite mit dem Bild von Kim Dae-jung, dem "ersten demokratischen Präsidenten" , bedurft. Das Begräbnis des ehemaligen Staatsoberhauptes und Friedensnobelpreisträgers geriet am Sonntag auch zur Manifestation für die koreanische Demokratie, mit der es unter dem amtierenden Staatschef Lee Myung-bak nach Ansicht vieler Kritiker nicht zum Besten bestellt ist. Hunderttausende säumten Kims letzten Weg.

Auch die Staatsmacht musste nicht an die Rolle Kim Dae-jungs und die politische Brisanz der Trauer um ihn gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt erinnert werden. Ein enormes Polizeiaufgebot signalisierte hochgradige Nervosität der Regierung. Der Einsatz der Exekutive konzentrierte sich auf den Platz vor dem Rathaus. Dort hatte die oppositionelle Demokratische Partei einen Traueraltar mit einem großen Bild des Verstorbenen errichtet, um den Menschen Gelegenheit zu geben, sich zu verabschieden. Zehntausende standen in den vergangenen Tagen bei brütender Hitze Schlange.

Kurz bevor der Kondukt mit dem Sarg Kims und einem voranfahrenden Wagen mit seinem Porträt den Platz passierte, wurden die Polizeieinheiten noch einmal verstärkt. Danach beschworen Vertreter der Demokratischen Partei erneut das demokratische Erbe des ehemaligen Vorsitzenden, gemeinsam wurden Lieder gesungen. Viele Teilnehmer sowohl an der offiziellen als auch an der Partei-Trauerfeier trugen große weiße Schirmkappen aus Karton mit Kims Namen - Sonnenschutz als (nicht ganz stimmiges) politisches Bekenntnis. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Mehrere TV-Sender übertrugen das fast fünfstündige Staatsbegräbnis aus mitunter schon pietätloser Nähe. Nach der Einsegnung wurde Kim, der Katholik war, in einer eilig vorbereiteten großzügigen Grabanlage beigesetzt.

Mit deutlicher politischer Geste hatte Präsident Lee signalisiert, dass er die potenzielle Gefahr erkannt hat, die für ihn in der Trauer um Kim Dae-jung liegt. Am Samstag empfing er die Kondolenzdelegation, die Nordkoreas Diktator Kim Jong-il nach Seoul geschickt hatte, mit dessen engem Vertrauten Kim Ki-nam, dem Sekretär der Arbeiterpartei, an der Spitze. Die Nordkoreaner hatten um das Treffen mit dem Präsidenten ersucht und überbrachten eine Botschaft ihres Chefs. Einzelheiten wurden wie üblich nicht genannt.

Tauwetter ohne Atomverzicht

Kim Dae-jung hatte nach seinem Amtsantritt 1998 mit seiner "Sonnenscheinpolitik" das bisher letzte Tauwetter zwischen Süden und Norden eingeleitet. Im Jahr 2000 reiste er zu Kim Jong-il nach Pjöngjang. Es folgten Reiseerleichterungen und Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen. Von seinem Atomwaffenprogramm abbringen konnte die Sonnenscheinpolitik Kim Jong-il aber nicht. Nach dem Amtsantritt von Lee Myung-bak, der eine härtere Linie gegenüber dem Norden vertritt, fror Kim Jong-il die Beziehungen ein und verließ auch die Sechs-Parteien-Gespräche zur Lösung des Atomkonflikts.

Was die jetzigen Entspannungssignale Pjöngjangs, darunter auch die Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs mit dem Süden, bedeuten, ist völlig unklar. Viele Beobachter sehen darin nur eine weitere Etappe des bekannten Hart-Weich-Kurses von Kim Jong-il. Dass der nordkoreanische Herrscher auf die Atombombe, die er de facto schon hat, verzichtet, erwartet auch in Seoul niemand ernsthaft, wie aus Gesprächen mit Regierungsvertretern herauszulesen ist. Denn die Bombe gilt als Kims Lebensversicherung. Also gibt es nur die Hoffnung auf eine "biologische" Lösung.

Offiziell hält Südkorea an seinem Kurs "Druck (mittels Sanktionen) und Dialog" fest. Dass die Sanktionen wirkten, zeige ja die Reaktion des Nordens, heißt es. Was passiert, wenn sich der interkoreanische Himmel nach den gegenwärtigen Auflockerungen wieder verdüstert, will niemand vorhersagen. Was das für Südkoreas Innenpolitik bedeutet - darauf könnte dieser Sonntag einen Vorgeschmack gegeben haben. (Josef Kirchengast aus Seoul/DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2009)

  • Polizeischutz für einen politisch sehr lebendigen Toten: Begräbnis Kim Dae-jungs in Seoul.
    foto: kirchengast

    Polizeischutz für einen politisch sehr lebendigen Toten: Begräbnis Kim Dae-jungs in Seoul.

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